Nr. 18/2020 vom 30.04.2020

Zerstörtes Gleichgewicht

Von Johanna Lier

ILLUSTRATION: PHILIP BÜRLI

Ich erschrecke, als ich Facebook öffne. Ein neues Gedicht und ein neues Selfie sind zwar da, aber der Ausdruck in den Augen beunruhigt mich.

Im September laufen wir uns zufällig über den Weg. Ben ist 22 Jahre jung und lebt im Lager Moria auf Lesbos. Wir sprechen über Migration, Politik und Literatur. Er möchte Schriftsteller werden und sprüht vor Lebenslust und Optimismus und kämpft sich tapfer und mit Humor durch den scheusslichen Lageralltag. Ziehe ich über die europäische Politik her, reagiert er irritiert: «Deine Schimpferei bringt mich auch nicht weiter.» An einem Nachmittag, am Fuss eines Olivenbaums, erzählt er jedoch: «Bekomme ich in Europa kein Asyl, gibt es weltweit kein einziges Land, das mich aufnimmt. Und in Kabul töten sie mich.» Und fügt an: «Verrückt, nicht? Ich verstehe das nicht.»

Im Dezember bittet er mich, englischsprachige Bücher mitzubringen. Eine Rückkehr nach Lesbos muss ich aber aus gesundheitlichen Gründen verschieben, später zwingt mich Corona, in Zürich zu bleiben. Wir schreiben uns. Er fragt, wie es mir geht. Wie wir die Coronakrise in der Schweiz bewältigen. Ben will keine Hilfe. Kein Mitgefühl. Es geht um Augenhöhe. Ich lese seine auf Facebook geposteten Gedichte, schaue die Selfies an. Das Gesicht wirkt zunehmend aufgedunsen. Der Ausdruck in den Augen hart und traurig. Aber er lacht und winkt. Im Hintergrund schöne Landschaften. Und ich erinnere mich an die unzähligen Berichte über die vielen Menschen, die nach wenigen Monaten in Moria langsam beginnen, verrückt zu werden.

Seit März herrscht auch im Lager Lockdown. Obwohl es fast kein Wasser gibt. Obwohl der Abfall nicht entsorgt wird. Obwohl die Menschen bis zu zehn Stunden im dichten Gedränge für ein Essen anstehen, das den Namen nicht verdient. Obwohl die Toiletten und Duschen … Mir fehlen die Worte, ich weiss nicht, wie man so ekelhafte Zustände bezeichnen soll. Von den über 22 000 Menschen, die zurzeit in Moria ausharren, dürfen hundert Personen pro Tag das Lager verlassen. Sofern sie den Ausgang begründen können. Sofern man sie rauslässt. Zum Schutz der BewohnerInnen des Lagers, sagen die Behörden. Zum Schutz der 22 000 Menschen ohne hygienische Einrichtungen, ohne genügend Wasser, ohne medizinische Versorgung, ohne ausreichende Ernährung, ohne, ohne, ohne … Zum Schutz von Menschen, die in Zelten und Containern zusammengepfercht sind … Zum Schutz … Shame on you!

Im Januar bieten über hundert deutsche Städte an, alle 40 000 Geflüchteten von den griechischen Inseln aufzunehmen. Das wäre im Zuge der rassistisch begründeten Morde in Hanau auch ein starkes Zeichen gegen Gewalt von rechts. Aber Innenminister Horst Seehofer sagt: «Deutschland schickt Wolldecken. Damit soll nun mal gut sein …» Shame on you!

Im Februar erklärt sich die EU bereit, 1600 Jugendliche von den griechischen Lagern aufzunehmen. 47 sind bis jetzt nach Deutschland geflogen worden, 12 nach Luxemburg, die Schweiz verspricht, 22 Kinder zu holen. Diese peinlichen Zahlen beantwortet die Petition #evakuierenJETZT mit der Forderung, möglichst viele der Geflüchteten von den ägäischen Inseln in der Schweiz zu empfangen. Ende April reagiert der Bund mit den Worten, dass man diese Forderung ablehne, weil zurzeit in Griechenland keine Krise herrsche … Soll das ein Witz sein? Oh nein! Shame on you!

Die Sonne wärmt meine Terrasse. Die Kräutertöpfe duften. Spatzen sammeln Material für ihre Nester. Ich trinke Kaffee und öffne Facebook. Eine Nachricht. Ben schreibt: «Ich hoffe, es geht dir gut. Und du bist gesund. Mir geht es schlecht. Meine Befragung wurde wegen der Quarantäne abgesagt. Ich habe aber gehört, dass Deutschland Geflüchtete von den griechischen Inseln einlädt. Ich muss weg! Ich halt es nicht mehr aus, ich dreh durch! Bitte hilf mir – wenn du kannst!»

Ich starre auf die Nachricht. Der abgesagte Termin zerstört das fragile Gleichgewicht. Und was soll ich antworten? Verdammt! Was soll ich antworten? Und Ben benutzt tatsächlich das Wort «einladen». Das geht aber nicht ohne zumindest Gastfreundschaft … Oh! Shame on us all!

Johanna Lier ist Aktivistin bei Watch the Med Alarmphone in Zürich und zuweilen vor Lesbos mit dem Monitoringschiff Mare Liberum unterwegs.

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