Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Delfin statt Kerosin

Wer auf Flugreisen verzichten möchte und trotzdem weit weg will, steht vor lauter Hürden. Denn klimafreundlicheres Reisen ist teuer, kompliziert, zeitintensiv und gar nicht so erholsam, wie oft verklärend behauptet wird. Ein Selbstversuch.

Von Florian Wüstholz (Text und Foto)

Langsam und umweltbewusster reisen muss man sich leisten können: Die «Superfast II» auf der Fahrt nach Patras.

Die «Superfast II» ist vieles, aber eines nicht: schnell. Mit knapp 22 Knoten tuckert die Fähre übers Mittelmeer. Sechzehn Stunden braucht sie für die 550 Kilometer von Bari in Süditalien nach Patras in Westgriechenland. Genügend Zeit, um darüber nachzudenken, wie wir klimafreundlicher reisen können. Denn dass wir aufhören müssen, ständig durch die Weltgeschichte zu jetten, ist klar. Aber was sind die Alternativen für jene, die ihre Familie im Ausland besuchen, beruflich in andere Länder reisen oder einfach nach all den Jahren mal wieder nostalgiegetrieben an den geliebten Kindheitsstrand in der Türkei fahren wollen?

Ein Grundsatz ist unumstösslich: nicht mehr fliegen. Ich halte mich seit einigen Jahren daran. Für eine Reportage aus England oder eine Hochzeit in Belgrad nutze ich folglich nur den Zug oder Bus. Meist bedeutet das höhere Kosten und deutlich mehr Reisezeit. Aber mit doppelt positivem Effekt für das Klima: Viele Reisen unternehme ich erst gar nicht. Fange ich an zu planen, merke ich schnell, dass sich der Aufwand nicht rechtfertigen lässt. Bin ich dann doch unterwegs, schleudere ich zumindest deutlich weniger CO2 in die Luft.

Dreizehn Tickets

Bis vor kurzem funktionierte das recht problemlos. Ich lernte die nähere Umgebung besser kennen und nahm dann Geld und Zeit in die Hand, wenn es mir wichtig war. Doch dann kam meine Nichte zur Welt. Eine Pandemie, Reiseeinschränkungen und die Angst der Eltern vor einer Ansteckung führten dazu, dass ich mich monatelang mit Whatsapp-Bildern und dem gelegentlichen Videotelefonat begnügen musste. Mit der Taufe sollte sich das ändern. Nur: Die sollte unbedingt griechisch-orthodox sein. Und bei den Grosseltern auf Kreta stattfinden.

Mit dem Flugzeug ist es ein Kinderspiel, nach Kreta zu kommen. Verschiedenste Internetportale zeigen die schnellsten und günstigsten Optionen in Sekunden an. Eine halbe Stunde später sind Hin- und Rückflug gebucht. Ohne Flugzeug ist die Sache komplizierter. Viele Wege führen nach Kreta. Tages- und Nachtzüge, Busse und Fähren müssen kombiniert und aufeinander abgestimmt werden. Die Zeit zum Umsteigen muss beachtet, Verspätungen kalkuliert, allfällige Übernachtungen eingeplant werden. Am Ende sind im Browser unzählige Tabs offen, Notizzettel und Landkarten vollgekritzelt. Bis ich begriffen habe, dass sich ein Verbindungsbus in Griechenland erst neunzig Tage vor Abfahrt buchen lässt, vergeht eine weitere halbe Stunde.

Irgendwann ist alles beisammen. Dreizehn Tickets ausgedruckt und verstaut – hinzu kommen Covid-Zertifikat und diverse europäische Passagierformulare, ohne die aktuell nichts geht. Von Bern nach Heraklion dauert meine Reise drei volle Tage. Auf dem Rückweg gönne ich mir ein paar Tage Pause in Rom. Mein Privileg: Ich reise alleine, habe keine Familie und kann unterwegs arbeiten. Genügend Zeit habe ich ja.

Doch das gilt nicht für alle. Rund ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung hat weniger als 1000 Franken pro Jahr für Ferien zur Verfügung. Reisen ist zwar ein Recht, aber eine Freiheit, die sich längst nicht alle leisten können. Für viele ist es schlicht unmöglich, sich für eine Familienfeier sechs Tage Reisezeit freizuschaufeln. Die Wenigsten haben die Möglichkeit, sich gar für ein paar Monate «langsames Reisen» zu verabschieden.

7500 Tonnen Fracht

Bewegungsfreiheit ist ein Grundrecht, das grundsätzlich auch Ferien in Bangkok, ein Wochenende in St. Petersburg oder einen Roadtrip quer durch die USA einschliesst. Nur kollidiert das mit unserer Verantwortung für die Erde und zukünftige Generationen. Dabei sind Ferien ein hart erkämpftes Arbeitsrecht. Angestellte haben ein Anrecht auf mindestens zwei aneinanderhängende Wochen Ferien pro Jahr. Erst seit 1966 gibt es überhaupt ein schweizweites Recht auf zwei Wochen Ferien. 1984 wurde der Anspruch auf vier Wochen erhöht; seither scheiterten zwei Volksinitiativen für mehr Ferien an der Urne. Auch hier: Wer es sich leisten kann, nimmt einfach mal ein unbezahltes «Sabbatical» von sechs Monaten, um «aufzutanken».

Der Anfang meiner Reise ist einfach. Mit dem Zug bin ich in etwas mehr als drei Stunden in Mailand. Dort habe ich einige Stunden Zeit, bis der Nachtzug nach Bari fährt, wo ich morgens um sieben ankomme. Die Stadt ist genauso verschlafen wie ich – einzig eine Männer-Jogginggruppe dreht ihre Runden und schlürft dann Espressi, bevor alle ihres Weges gehen. Doch die Fähre nach Patras ist ein terminliches Nadelöhr. Sie fährt einmal am Tag, abends um acht. Also verbringe ich den Tag in der pittoresken Altstadt, nehme ein Bad im Meer und arbeite, bevor ich mich am späten Nachmittag auf die Suche nach der «Superfast II» mache.

Schnell stellt sich heraus: Diese Form des Reisens ist nicht für klimafreundlichere Passagiere konzipiert. Wer kein Auto hat, muss lange Fusswege in der Sommerhitze in Kauf nehmen. Informationen darüber, an welchem Pier die Fähre ablegt und wo ich einchecken muss, werden mühsam erlaufen und erschwitzt. Jeder Schattenfleck wird verzweifelt angesteuert.

Endlich an Bord nehme ich Notiz: Die «Superfast II» ist 200 Meter lang und 26 Meter breit. 7500 Tonnen Fracht können geladen werden: Menschen, Autos, Lastwagen oder ein Tiertransporter mit Schafen. In einen Airbus A320 passen gerade mal 20 Tonnen. Nebst den 800 Fahrzeugen auf vier Garagengeschossen hat die «Superfast II» auch Platz für tausend PassagierInnen. Wer wirklich schlafen will, zahlt für eine Kabine. Alle anderen suchen sich nach dem Einsteigen irgendwo auf dem Schiff eine Nische oder einen unbequemen Sessel. Ein junges Paar stellt sein Zelt neben der Reling auf. Es wäre gelogen, das langsame Reisen als erholsam zu bezeichnen.

Viele FernfahrerInnen sind unterwegs, Familien mit dem Auto, Motorradfahrende. Und Uli aus Köln, Lehrer, frühpensioniert und selbsterklärter Globetrotter mit «vierzig Jahren Travelling-Karriere». Er erzählt, dass er schon in 200 Ländern der Welt war. Einzig Irak und Afghanistan würde er gerne noch sehen – «aber da komme ich wohl in meinem Leben nicht mehr hin». Nach Bangkok fliegt er jedes Jahr mindestens einmal übers Wochenende – und freut sich, dass sie in seinem Lieblingsrestaurant wissen, dass er gerne Hühnchensuppe mag. Auf dem Laptop zeigt er mir seinen Reisefilm aus Nordkorea – unterlegt mit kitschiger Musik und Schenkelklopfern.

Dass Uli mit der Fähre unterwegs ist, ist keinem Gesinnungswandel geschuldet – auch wenn er jetzt Zeit hätte. Die Pandemie habe ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Jetzt müsse er halt schauen, wo er hinkomme. «Nach Australien oder Neuseeland kommst du seit Monaten nicht», nervt er sich. Die «Superfast II» ist für Uli eine Verlegenheitslösung.

Klimafreundlich ist teuer

«Es ist schon schrecklich, dass die Menschheit es geschafft hat, in fünfzig Jahren diesen Planeten vor die Wand zu fahren», seufzt Uli. Ich staune. Ob das viele Herumfliegen nicht auch seinen Beitrag leiste? Uli wiegelt ab. «Du wirst jetzt gleich sehen, wie viel Russ aus dem Schornstein der Fähre kommt. Ich weiss nicht, ob das besser für die Umwelt ist.» Vielleicht ist es Unwissenheit, vielleicht eine Schutzbehauptung fürs eigene Gewissen.

Fähren sind keine Klimaengel, aber für die 2000 Kilometer von Zürich nach Heraklion würde ich mit dem Flugzeug 300 Kilogramm CO2 in die Luft pusten. Je nach Berechnung darf ich 1,5 bis 2,3 Tonnen CO2 pro Jahr emittieren, damit die Welt lebenswert bleibt. Meine Reise mit Zug, Schiff und Bus schlägt mit 24 Kilogramm CO2 zu Buche. Das entspricht dem Klimaabdruck von zwei Kilo Rindfleisch. Im Vergleich zur Flugreise kostet sie allerdings mehr als das Doppelte.

Ähnliches lässt sich mit vielen Feriendestinationen der Schweizer durchrechnen. Der Flug nach Lissabon dauert knapp drei Stunden und ist für hundert Franken zu haben. Kostenpunkt fürs Klima: 385 Kilogramm CO2. Wer online bei der SBB nach einer Zugverbindung sucht, bringt die Seite zum Absturz. Bei der Deutschen Bahn zeigt es mehrere Optionen an – sechs bis neun Mal umsteigen mit Übernachtung in Barcelona oder Madrid. Die Kombination aus Bus und Zug dauert eineinhalb Tage und kostet ein Vielfaches – verursacht aber wenigstens nur 34 Kilogramm CO2. Nach Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens, gibt es für 130 Franken einen Bus, der 35 Stunden benötigt. Zum gleichen Preis bekommt man einen zweistündigen Flug. Ersteres belastet das Klima mit 47 Kilogramm CO2, Letzteres mit dem Vierfachen.

Dass Flugreisen so günstig sind, hat seine Gründe. Seit siebzig Jahren ist unsere Infrastruktur darauf getrimmt: Reiseverbindungen, Internetportale und Werbung machen das Fliegen gemeinsam mit dem Auto zum Weg des geringsten Widerstands. Das Kerosin wird weiterhin nicht besteuert. Die EU-Kommission will das ändern. Und der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) fordert, dass die Schweiz nachziehe. Doch eine entsprechende Standesinitiative wurde im Juni fallen gelassen. Nach der Ablehnung des CO2-Gesetzes befand man es als unrealistisch, dass die Stimmbevölkerung einer solchen Steuer zustimmen würde. So bleibt es an der «Eigenverantwortung» hängen.

Nach zehn Stunden hält die «Superfast II» in Igoumenitsa, einer Hafenstadt im Nordwesten Griechenlands. Lastwagen werden entladen, während die aufgehende Sonne den Hafen in mystische Lilatöne taucht. Als die Fähre wieder Fahrt aufnimmt, tummeln sich Delfine in den Bugwellen. Immerhin das entschädigt für die schlaflose Nacht auf Deck.

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