Nr. 37/2021 vom 16.09.2021

Lauter blinde Flecken

Erstaunlich moderate Taliban? Westliche Medien freuen sich, wenn die Extremisten in Afghanistan ihre Arbeit nicht stören – und helfen auch so mit, das neue Regime zu normalisieren.

Von Emran Feroz

Seit die militant-islamistischen Taliban Kabul und fast den gesamten Rest Afghanistans eingenommen haben, geniesst das Land in westlichen Medien eine Aufmerksamkeit wie zuletzt nach den Anschlägen am 11. September 2001. Die Berichterstattung hat sich dabei nicht zum Besseren gewendet – angefangen bei den vielen JournalistInnen, die jetzt Hals über Kopf in das Land gereist sind, um so nah wie möglich am Geschehen zu sein.

Auffällig viele von ihnen hatten in der Vergangenheit wenig bis gar nicht aus Afghanistan berichtet oder waren mit der jüngeren Geschichte des Landes nicht vertraut – Hauptsache, dabei sein. «Feel we are witnessing history», schrieb etwa die bekannte CNN-Journalistin Clarissa Ward auf Twitter zu einem Selfie mit mehreren Talibankämpfern. Die Kritik liess nicht lange auf sich warten. Vor allem viele afghanische JournalistInnen, die gerade zu flüchten versuchten, reagierten schockiert und wütend. «Du erlebst es, aber wir müssen damit leben!», kommentierte etwa Fatima Faizi, die für die «New York Times» arbeitet.

Der Blick der Privilegierten

Doch Ward ist kein Einzelfall. Der freie Schweizer Journalist Franz J. Marty, der seit 2014 in Afghanistan lebt und auch für das Schweizer Fernsehen berichtet, beschrieb den Alltag in weiten Teilen Kabuls rund eine Woche nach dem Einmarsch der Taliban als «überraschend normal» und teilte dazu ein Video aus der Stadt. Dass man auf den Strassen praktisch keine Frauen mehr sah, schien ihn nicht zu interessieren. Marty sah sich später gezwungen, seine Beobachtung zu korrigieren, wobei er sie in mehreren Interviews dennoch wiederholte. Andere westliche (männliche) Kollegen, die für renommierte internationale Medien tätig sind, berichteten ebenfalls, dass Kabul unter dem neuen Talibanregime sicher sei. Zum Teil begrüssten sie es auch explizit, dass die Extremisten ihre Berichterstattung nicht stören würden – kein Wort dazu, dass dies Kalkül sein könnte. Der australische Fotograf und Journalist Andrew Quilty musste in diesem Kontext, ähnlich wie Marty, seine Beobachtungen korrigieren und räumte ein, dass er als weisser, westlicher Journalist in Afghanistan privilegiert sei.

Medienleute, die als westlich gelesen werden, erleben das Land ganz anders als etwa jene zwei einheimischen Journalisten, die bei einer Demonstration Anfang September brutal zusammengeschlagen wurden. Nematullah Naqdi und Taqi Daryabi, die für die Kabuler Tageszeitung «Etilaat Roz» arbeiten, wurden während eines Frauenprotests im Westen Kabuls von den Taliban festgenommen, inhaftiert und gefoltert. Schon früher waren afghanische JournalistInnen verschiedenen Problemen ausgesetzt, während ihre westlichen Kollegen sowohl von den Taliban als auch von der Regierung hofiert wurden. Meine KollegInnen und ich galten oft als «fragwürdig» und als potenzielle Spione, denen man nicht trauen dürfe. Ausländische Journalisten durften dagegen Dokumentationen mit den Taliban drehen oder wurden von Regierungstruppen an die Front eskortiert. Der unterschiedliche Umgang wurde auch auf höchster Ebene deutlich. Expräsident Aschraf Ghani, der Mitte August vor den Taliban ins Ausland geflüchtet ist, gab westlichen Medien bereitwillig Interviews, während seine Sprecher lokale Journalisten nicht nur aussen vor liessen, sondern diese oft auch in den sozialen Medien angriffen.

Was der Westen hören will

Das Problem sind nicht nur die Taliban, die sich nun als besonders medienaffin präsentieren, sondern auch westliche Reporter, die ihnen unbedingt eine Bühne geben wollen. Talibansprecher Sabihullah Mudschahed hat bereits Dutzende von Interviews gegeben, die teilweise auch im deutschsprachigen Raum positiv rezipiert wurden. Plötzlich sprach auch etwa die «Welt» vom «erstaunlich moderaten Kurs» der Taliban, mit denen man den Dialog aufnehmen müsse, während die österreichische «Krone» wissen wollte, ob die neuen Herrscher in Kabul, die sich laut aktuellem Kenntnisstand wenig bis gar nicht verändert haben, eventuell abgeschobene Geflüchtete aufnehmen würden. «Immer her damit», war sinngemäss die erwartbare Antwort Mudschaheds, der in diesen Tagen in erster Linie das vermittelt, was weite Teile des westlichen Publikums hören wollen.

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