Nr. 37/2021 vom 16.09.2021

Augen auf und durch

Von Bettina Dyttrich

Der zweite Coronaherbst steht an, und es ist immer noch nicht vorbei. Während die einen spätsommerliche Kulturfestivals geniessen, sind andere längst wieder am Anschlag – weil die Spitäler voll und ganze Schulklassen in Quarantäne sind. Oder auch weil die Impfdiskussionen in der Familie und unter FreundInnen langsam zu Erschöpfung führen. Welche Strategien braucht es, wenn man sich gernhat, aber beim Thema Corona nicht einig wird?

Die Ausweitung der Zertifikatspflicht seit Montag macht die Diskussionen nicht einfacher. Die 3G-Strategie hat in den letzten Wochen Sport und Kultur ermöglicht; glückliche Gesichter von der Bad Bonn Kilbi bis zum St. Galler Neustartfestival zeigen, wie viele das vermisst haben. Aber jetzt geht es nicht mehr «nur» um Kultur. Sondern etwa um die Frage, wer sich noch im Restaurant aufwärmen kann, wenn es kalt wird und Tests bald mindestens fünfzig Franken kosten. Was geschieht mit den Daten der vielen QR-Scans? Wer schaut genau hin, damit niemand den Job verliert, der sich nicht impfen lassen will? Wie wird die Zertifikatspflicht an den Unis umgesetzt?

Dass an Demos gegen die Zertifikatspflicht die feministische Parole «My Body My Choice» auftaucht, macht keine Freude, doch so falsch ist die Parallele nicht: Der staatliche Zugriff auf den Körper hat eine lange und hochproblematische Geschichte. Eine Impfpflicht steht nicht zur Debatte, und das ist gut so.

Die Zertifikatspflicht dagegen ist wohl unvermeidlich, um die Überlastung der Spitäler zu verhindern. Sie dient, wie die Reisebeschränkungen im ersten Lockdown, dem Schutz der Risikogruppen und des Spitalpersonals – ist aber trotzdem nicht unproblematisch. Darum ist es wichtig, gerade jetzt genau hinzuschauen und kritische Fragen zu stellen – statt sie auszublenden, weil der Kopf so viel Ambivalenz nicht aushält. Und Lösungen zu suchen, damit Menschen in prekären Umständen, zum Beispiel auf der Gasse, geschützt und doch nicht ausgeschlossen werden. «Augen zu und durch» ist keine gute Strategie. Wir müssen da durch, aber mit offenen Augen.

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