Nr. 38/2021 vom 23.09.2021

Merkel? Geschafft.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat geholfen, die Welt zu sortieren. Aber was bedeutet das für die Sortierten? Ein persönlicher Rückblick der Schriftstellerin Manja Präkels vor der Bundestagswahl.

Von Manja Präkels

Wird sie gut schlafen können, nun, wo es vorbei ist? Angela Merkel, hier bei ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2005. Foto: Guido Bergmann, Imgao

Deutschland im Herbst 2021. Das Land schwimmt im Trübsinn, trotz fallender Inzidenzen. Blätter fallen. Temperaturen auch. Hemmungen sowieso. In der Würzburger Innenstadt legen Rechtsextreme der Partei «III. Weg» Leichenattrappen vor einen Pritschenwagen, daneben platzieren sie die Bilder der drei KanzlerkandidatInnen. Auf dem Wagen selbst ist zu lesen: «Reserviert für Volksverräter». Auf Plakaten fordern sie: «Hängt die Grünen». Der bayrische Vizeministerpräsident will ungeimpft bleiben, während er zeitgleich beklagt, wie sehr der Tourismus unter Corona leide. Im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein erschiesst ein Pandemieleugner den zwanzigjährigen Kassierer einer Tankstelle, nachdem der ihn auf die bestehende Maskenpflicht aufmerksam gemacht hatte. Derweil platzt im brandenburgischen Lauchhammer ein Vorzeigeprojekt, das den Strukturwandel der Region von der Braunkohleförderung hin zu regenerativen Energien symbolisierte. Die dänische Firma, die hier Rotorblätter für Windkraftanlagen produzierte, zieht nun doch lieber nach China. Fast 500 Familien sind betroffen. Bundesweit stehen Räder still, streiken Pflegekräfte, Bahnarbeiterinnen, Honorarkräfte öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten und verzweifelte jugendliche Klimaaktivistinnen. Ende Gelände.

Diese Physikerin aus dem Osten …

Auch die Ära von Bundeskanzlerin Merkel neigt sich dem Ende zu. Während ihrer Amtszeit stieg das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um rund 43 Prozent, die Arbeitslosigkeit fiel parallel um 44 Prozent. Sie hat als Krisenmanagerin mit Gemütsruhe beeindruckt. Heute Sechzehnjährige – so lange war sie an der Macht – stellen nicht infrage, dass Mädchen Länder regieren können. Das ist keine Sensation mehr.

Am 31.  Dezember 2005 hatte Angela Merkel ihre erste Neujahrsansprache gehalten. Meine Silvestergäste witzelten damals über die ungewohnte Brille. Darüber, dass sie immer «die Regierung» sagte statt «ich» wie ihre Vorgänger. Sie waren gespannt, wie sie sich schlagen würde. Diese Physikerin. Aus dem Osten. Als Kanzlerin. Mitschauen mochte ich nicht. Ich war noch ein Teenager gewesen, da hatte sie als Helmut Kohls Jugendministerin versucht, die Verrohung auf Schulhöfen und Marktplätzen, die Welle rassistischer Gewalt, die das Land in den Neunzigern flutete, mit Geld einzudämmen. Millionen flossen in genau die Klubs, aus denen die Gewalttäter kamen. Ein bis heute nachwirkendes Desaster. Ich nahm es ihr persönlich übel. Deshalb mochte ich ihre Neujahrsansprache nicht sehen und verpasste so auch den Teil der Rede, in dem sie die bevorstehende Fussball-WM anmoderierte: «… und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.»

Sie räumte alle aus dem Weg

Was hatten sie anfangs gelästert – an Bushaltestellen, in den Redaktionen, beim Abendessen im Familienkreis. Diese Unbeholfenheit. Die Sprache. Die Frisur erst. Merkel wirkte wie eine Schauspielerin, die in das falsche Stück geraten war – «Kohls Mädchen». Der ätzte später, er habe ihr erst beibringen müssen, mit Messer und Gabel zu essen. In einem Interview hatte sie bekannt, nach zu viel Kirsch-Whisky schon mal aus dem Boot gefallen zu sein und ihre ersten vier Westmark für einen Döner ausgegeben zu haben. So was sprengt den Rahmen von Leuten, die an «natürliche Rollenverteilung» glauben. Männern, die in steter Selbsterhöhung die Welt wie durch ein verkehrt herum gehaltenes Fernrohr betrachten, egal ob sie in «die Zone» blicken, also nach Ostdeutschland, oder auf das andere Geschlecht. Wen interessierte je der Titel ihrer Dissertation: «Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden»? Und wer hätte gedacht, dass sie die alle aus dem Weg räumen würde: Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble, Friedrich Merz.

Sie wurde Instanz. Institution. Ikone. Die Mundwinkel. Die Raute. Die bunten Hosenanzüge, so wenig wie ihre Trägerin dazu gemacht, die Arme hochzureissen. Tat sie trotzdem. Bei der WM. Als Deutschland bunt sein sollte. Sechs Jahre später, 2012, ein Tiefpunkt für das Land: «Wir vergessen zu schnell, viel zu schnell. Vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind mit anderem; vielleicht auch, weil wir uns ohnmächtig fühlen gegenüber dem, was um uns geschieht», sagte sie auf der Gedenkfeier für die Opfer der NSU-TerroristInnen. Das klang glaubwürdig. Als hätte sie verstanden, dass nicht nur ein paar der einst «akzeptierten» jungen Rechtsextremen von damals einfach weitergehasst hatten. Als Pegida-Anhänger und AfD-Hetzerinnen bald wieder laut wurden. Vereint vor allem im Hass auf sie, die «Wir schaffen das» gesagt hatte.

An der neoliberalen Politik ihrer Amtszeit gibt es nichts zu beschönigen. Jedes fünfte Kind im Land – das sind 2,8 Millionen – wächst in Armut auf, Mieten steigen, und grosse Vermögen wachsen. Die Infrastrukturen von Gesundheit, Bildung und Verkehr? Kaputtgespart. Digitalisierung? Funklöcher und Unkenntnis. In der Pandemie stellte sich heraus, dass die Gesundheitsämter wichtiges Zahlenmaterial nur per Fax weiterleiten konnten. Während in den personell aufgeblähten Verwaltungen des Landes freitags um eins – vorschriftsgemäss und unbeeindruckt von allen noch so bedrohlichen Berechnungen – die Stifte fallen gelassen wurden. Abgeordnete bereicherten sich an Maskendeals, und Heimatminister Horst Seehofer liess noch Menschen nach Afghanistan abschieben, als der Abzugstermin deutscher und internationaler Truppen längst feststand.

Austerität – ein Wort, das schneidet

Während die Kanzlerin anscheinend ungerührt von derlei schmutzigen Details ihren Ruf als mächtigste Frau der Welt verfestigte, «unprätentiös» im Auftreten und hart im Verhandeln, tragen und trugen überwiegend Frauen mit gar nicht bis schlecht bezahlter Fürsorge- und Versorgungsarbeit die Lasten der anhaltenden Covid-Krise. Wurden die afghanischen Frauen mit den Taliban zurückgelassen. Und nicht nur in Griechenland verbinden Menschen mit ihrem Namen Ungerechtigkeit und Not. Austerität. Ein Wort, das schneiden kann.

Fukushima. Merkels Bereitschaft, Fehler zu revidieren, bewirkte den deutschen Atomausstieg. Die Bereitschaft, sich in moralischen Fragen vom Bundestag überstimmen zu lassen, ermöglichte die Ehe für alle. Und wer war nicht froh, in der Pandemie eine Wissenschaftlerin am Steuer zu wissen?

Immerhin ist Angela Merkel die erste Kanzlerin, die freiwillig und ohne Grummeln geht. Wird sie gut schlafen können?

In dem Land, das sie hinterlässt, wälzen sie sich nachts in ihren Betten. Nie fiel eine Wahlentscheidung schwerer. Selbst ZeitgenossInnen, die bislang nicht durch CDU-Nähe auffielen, verfallen in Wehmut. «Wir werden Merkel noch vermissen», heisst es. Vielleicht, weil sie mitgeholfen hat, die Welt zu sortieren? Aber was bedeutet das für die Sortierten?

Vieles von dem, das Angela Merkel in ihrer ersten Neujahrsansprache sagte, hat sie so oder ähnlich im Schatten wechselnder Krisen erneut aufgegriffen, etwa: «Ich weiss, dass vielen bereits sehr viel abverlangt wird.» Oder: «Ich möchte uns ermuntern herauszufinden, was in uns steckt! Ich bin überzeugt, wir werden überrascht sein!»

Jene aber, die stets mehr zeigen, leisten, aushalten mussten, verstehen inzwischen die Botschaft hinter diesem wiederholten «Wir schaffen das». Die lautete nämlich: «Ihr macht das schon».

Manja Präkels (46) lebt als Schriftstellerin und Musikerin in Berlin. Sie wuchs in Brandenburg in der ehemaligen DDR auf. Ihre Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Umbruch nach der Wende und dem erstarkenden Rechtsextremismus hat sie im Roman «Als ich mit Hitler Schnapskirschen ass» beschrieben, für den sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Präkels ist zudem Sängerin der Band Der singende Tresen.

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