Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Vati kommt nicht nach

In Sprüngen durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: In «Junischnee» erzählt Ljuba Arnautovic anhand ihrer eigenen Familiengeschichte von Krieg, Widerstand und Flucht.

Von Lennart Laberenz

Bezaubernd, bedrückend, abgrundtief traurig: Wenn man nach hundert Seiten – etwa zur Mitte dieses schmalen Romans – vor die Tür geht, Luft holen, sich besinnen will, betritt man Strasse und Park nur halbherzig. Man nimmt den Ton von Ljuba Arnautovic mit, ihre karge, oft nur knapp berichtende Sprache, ihre Sprünge durch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Gespinst feiner Verbindungen einer zerrissenen Familie, die Arnautovic wie dünne Linien zwischen unversöhnliche Gegensätze von Kommunismus, Faschismus, dann österreichische Nachkriegsbitterkeit einzeichnet. Aber auch ihr fast zärtliches Protokoll über den Abschied vom Mythos bleibt im Ohr – Aberglaube, Brauchtum verschwinden und tauchen in Wellen rabiater Modernisierung als Trümmer wieder auf.

Der referierende Stil ist ein Kniff. Arnautovic arbeitet in «Junischnee» mit klar umrissenen epischen Mitteln, der Bericht wandelt sich mit kurzen Passagen erlebter Rede, deren Wärme sich sofort zurückzieht, wenn Briefe oder ein Dokument die Dinge klären oder vorantreiben können. Ihre Sprache dramatisiert nie, die Erzählung macht Rücksprünge, nutzt epische Vorausdeutungen.

Als Bühne für ihr Familienepos skizziert Ljuba Arnautovic mit wenigen Strichen Welten, die sich diametral gegenüberstehen: Von ihrer dörflichen Welt aus können BewohnerInnen der Flussinsel schon die sowjetischen Neubauten der Stadt sehen; später verzweifeln Flussdorfkinder beim Eingewöhnen in den Nachkriegsrationalismus Westeuropas an modernen Forderungen nach Manieren, Reinlichkeit, Schweigen. Arnautovic überblickt summarisch und kühl historische Brüche und Grausamkeiten, bevor sie sich daran macht, die Folgen in Lebensläufen ihres Personals zu erkunden.

Erst Sommerlager, dann Gulag

«Im Verborgenen», ihr Debüt von 2018, war ähnlich gestrickt. Es war ein Blick aufs rote Wien, auf eine stille, beinahe verschlossene Frau, die 1944 Kommunisten, Kinder von Widerständlern, Juden versteckte. Das war die Geschichte von Eva, die zu Beginn von «Junischnee» ihrem neunjährigen Sohn sagt, dass sie noch in Wien zu tun habe: «Der Vati trifft euch morgen in Brünn. Ich komm dann ja auch bald nach.» Eva irrt, Vati wird nicht nach Brünn und sie selbst überhaupt nie nachkommen. Karli, von dem sie sich an der grünen Grenze zur Tschechoslowakei verabschiedet, sieht sie im nächsten Jahr einmal noch auf einem Sommerfest, dann wieder 22 Jahre später.

Diese Eva ist die Grossmutter von Ljuba Arnautovic, Karli ihr Vater. «Junischnee» folgt jenen 22 Jahren nach Karlis Flucht in die Tschechoslowakei. Von dort werden die «Schutzbundkinder» mit dem geschmückten Sonderzug nach Moskau evakuiert, als «Kinder der internationalen Helden im Kampf für den Kommunismus» werden sie privilegiert im Kinderheim untergebracht.

Doch als Wehrmacht und SS in der Tschechoslowakei einmarschieren, ist plötzlich Feierabend: Nach dem Sommerlager auf der Krim ist das Heim leer geräumt, die Jüngeren werden in weit weniger mondäne Anstalten zu militärischem Drill und brutalen AufseherInnen geschickt, Ältere zum Arbeitsdienst in Fabriken. Aus Karli wird Viktor, ein Kleinganove, er lebt auf der Strasse, gerät in die Fänge des sowjetischen Geheimdiensts NKWD: zehn Jahre Gulag. Knappe Schuldeingeständnisse, in längeren Sitzungen aus ihm herausgeprügelt. Ljuba Arnautovic lässt die Protokolle, die sie in Archiven fand, für sich sprechen.

Die Wut der Frauen

Entscheidungen, Umstände, das Beharren, den richtigen Weg zu kennen: Die Autorin erforscht ihre Familienhistorie mit dem Blick auf Beschädigungen, die weitergereicht werden. Zum Schluss ist es dann wieder Eva, die ihrer fassungslosen russischen Schwiegertochter Nina, also der Mutter von Ljuba Arnautovic, erklären muss, dass Karli ihr hinterrücks die Töchter weggenommen und in ein Heim gesteckt hat. Sie spricht von ihrem Schmerz, ihren Schuldgefühlen und ihrer Wut: «Wir Frauen kriegen die Kinder, aber die Männer bestimmen über sie, so ist das immer und überall gewesen. Aber jetzt seien ja hoffentlich doch andere Zeiten angebrochen, und man gehe zivilisierter miteinander um.» Die Rede bricht ab mit drei Punkten, eine ratlose Geste, Zweifel siedelt hier. Ljuba Arnautovic arbeitet an einer Fortsetzung.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch