Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Verfehlte Geschenke

Statt mit der Fünfzig-Franken-Prämie zu locken, sollte der Bundesrat lieber dort Geld investieren, wo es schon brannte, als Corona noch ein Bier war.

Von Natalia Widla

Noch sind die Spitäler nicht überlastet. Ende September 2020 verzeichnete die Covid-Taskforce des Bundes nach einem ausgelassenen Sommer im Schnitt zwischen 200 und 400 Neuinfektionen pro Tag. Anfang Oktober letzten Jahres stieg dann die Kurve. Am 10. November 2020 erreichte sie mit täglich über 10 000 Neuinfektionen ihren Peak. Was folgte, war der erste Pandemiewinter: Advent ohne Weihnachtsmärkte, Weihnachten ohne die Grosseltern, Neujahr ohne Partys. Am Anschlag waren aber vor allem Personen, die in der Pflege beschäftigt sind. Für sie war es womöglich die härteste Zeit ihrer Laufbahn: unterbezahlt, unterbesetzt, überbeansprucht. Und daran hat sich seither kaum etwas geändert.

Zurzeit gehen Spitaleinweisungen und Todesfälle zwar langsam zurück, doch die wirklich kalte Indoorsaison hat noch nicht richtig angefangen. Was, wenn der Schweiz und ihren Pflegekräften ein weiterer Pandemiewinter bevorsteht? Gut 59 Prozent der Bevölkerung sind aktuell doppelt geimpft, die Schweiz hat somit die tiefste Impfquote in Westeuropa. Damit das nicht so bleibt, greift der Bundesrat, wie er am vergangenen Freitag verlauten liess, auf «unkonventionelle Mittel» zurück. Walk-in-Angebote vor Einkaufszentren und Freizeiteinrichtungen sollen Hürden abbauen, 1700 Beratungspersonen werden mobilisiert, um mit den Ungeimpften das Gespräch zu suchen. Auch die Neuzulassung des Vektor-Impfstoffs von Johnson & Johnson soll die Impfquote erhöhen und all jene erreichen, die sich vor der mRNA-Technologie der beiden anderen hierzulande bereits zugelassenen Impfstoffe fürchten.

Für diesen Schlussspurt der Impfoffensive stellt der Bundesrat 150 Millionen Franken zur Verfügung. Dies sei eine vertretbare Investition, kosten die Tests pro Woche doch auch über 50 Millionen, ohne wirklich einen Beitrag zur Beendigung der Krise zu leisten. Und schliesslich spare jede verhinderte Hospitalisierung 50 000 Franken ein, so Berset. Zwar sei die Bekämpfung der Pandemie keine Geldfrage; die Vermeidung von Leid sei am wichtigsten. Niemand solle sich impfen lassen, weil es für den Bund günstiger sei, so der Bundesrat, sondern weil man sich und andere schütze, Leid vermeide, potenziell Leben rette. Aber der Solidaritätsbegriff hat sich abgenutzt, die Geldfrage hat sich zum zentralen Thema der Pandemie entwickelt. Und so gibt es vom Bundesrat als weitere Massnahme ab sofort statt gratis Covid-Tests fünfzig Franken für alle, die eine andere Person dazu motivieren, sich impfen zu lassen. Unkonventionell ist das tatsächlich – und irgendwie auch verfehlt.

Leicht zugängliche Informationen und niederschwellige Angebote sind zwar durchaus sinnvoll, um all jene zu erreichen, deren Unwille, sich impfen zu lassen, bisher vor allem auf eine prekäre sozioökonomische Situation zurückzuführen ist. Doch die Fünfzig-Franken-Prämie ist ein schlechter Witz für jene, die die Pandemie von Anfang an ernst nahmen und sich ganz ohne «Bittibätti» impfen liessen, besonders aber für jene, die im Verlauf dieser Krise auf weitaus mehr verzichten mussten als auf Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. Und deren Leistung statt mit einer relevanten Prämie mit Klatschen von Balkonen und Drohungen von Impfgegner:innen quittiert wurde.

Es ist zu begrüssen, dass der Bundesrat für die Pandemiebekämpfung noch mehr Geld in die Hand nimmt. Doch statt mit Impfgeschenken zu locken, sollte er das Geld dort investieren, wo es schon brannte, als Corona für die meisten noch ein Bier war: in der Pflege. Nicht nur, weil das dringend nötig ist, um den Gesundheitssektor aufrechtzuerhalten. Sondern auch als Zeichen: Solidarität sollte nicht mit fünfzig Franken erkauft werden müssen, sondern vor allem vorgelebt werden – auch gegenüber dem Pflegepersonal. Einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung ermöglicht die Pflegeinitiative, über die am 28. November abgestimmt wird. Sie fordert eine mehrstufige Förderung der Pflege durch Bund und Kantone und damit eine reale Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Ihre Annahme wäre ein starkes Zeichen, gerade im Pandemieherbst.

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