Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Hallo Städte, es ist nicht einfach

Von Bettina Dyttrich

Der Stadt-Land-Graben ist oft mehr Parteipropaganda als Realität – aber zumindest bei einem Thema gibt es ihn: bei den Grossraubtieren. Erfahrungen prägen das Weltbild: Viele Menschen auf dem Land halten Tiere oder kennen Landwirt:innen. Sie haben miterlebt, wie der Herdenschutz schwieriger geworden ist, seit sich Wolfsrudel ausbreiten – auch für Halter:innen, die sich wirklich Mühe geben, ihre Schafe, Geissen oder Kälber zu schützen. Fachleute sind sich heute einig, dass es trotz Herdenschutz nicht ohne Abschüsse von Wölfen geht. In der Stadt ist diese Erkenntnis nicht angekommen. Dort klingen Wolfsdebatten immer noch so, als gäbe es nur Ausrottung oder hundertprozentigen Schutz.

Nun könnte Bewegung in die Diskussion kommen: «Abschüsse von besonders schadenstiftenden Wölfen und Eingriffe in Wolfsrudel mit problematischem Verhalten (Regulierung) können notwendig sein», schreiben Pro Natura, WWF, Birdlife und die Gruppe Wolf Schweiz in einem gemeinsamen Communiqué. Die Naturschutzorganisationen hätten Eingriffe in Wolfsbestände nie kategorisch abgelehnt: «Es ist wichtig, dass diese Haltung nun wirklich bei den Medien und der Bevölkerung ankommt.» So deutlich äusserten sich die vier Organisationen dazu noch nie.

Sie betonen zudem, für eine «konfliktarme Koexistenz» brauche es genügend Alppersonal mit guter Entlöhnung, wissenschaftliche Begleitung, «Beratung, Dialog und Anerkennung der von den Älplerinnen und Älplern geleisteten Arbeit». Das Ziel müsse sein, «ein Lernumfeld zu schaffen, in dem die Beteiligten ihr Wissen einbringen».

Vor einem Jahr haben die Naturschutzorganisationen eine emotionale Kampagne gegen das geplante Jagdgesetz geführt – und gewonnen. Zu einem pragmatischen Umgang mit Grossraubtieren – und zur Verständigung zwischen Val Lumnezia und Zürcher Limmatplatz – hat dieser Abstimmungskampf nicht gerade beigetragen. Inzwischen hat der Bundesrat die Jagdverordnung angepasst und Wolfsabschüsse etwas erleichtert. Nun gehen auch Pro Natura und Co. einen Schritt auf die Bergbevölkerung zu. Ein Neuanfang scheint möglich.

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