Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

Unter Weissen

In einer neuen Serie schildert Ex-Footballstar und Black-Lives-Matter-Ikone Colin Kaepernick seine Jahre auf der Highschool.

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Colin Kaepernick ist eine sportliche Ausnahmebegabung: Als Jugendlicher galt er als Baseballsupertalent; zahlreiche Colleges versuchten, ihn mit Stipendien in ihr Team zu locken. Er entschied sich aber für Football, seine eigentliche Leidenschaft – und schaffte es tatsächlich in die US-Profiliga NFL, wo er einige Jahre als Quarterback der San Francisco 49ers die Knochen hinhielt.

Kaepernick ist aber ebenso begabt darin, sich Feinde zu machen. Weltberühmt wurde er, als er sich 2016 bei einem Testspiel weigerte, zur US-Hymne aufzustehen, um damit symbolisch gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Kurz darauf fotografierte man ihn beim Training in Socken, auf denen Zeichentrickschweine in Polizeiuniform dargestellt waren. So geriet er rasch ins Visier der US-Rechten: Donald Trump etwa, damals Präsidentschaftskandidat, beschimpfte ihn als «Hurensohn», der sofort gefeuert gehöre.

Vermessen und verhökert

Tatsächlich ist Kaepernick seit 2017 vertragsloser «free agent» – und das kaum aus sportlichen Gründen. Ruhig geworden ist es um ihn aber nicht; erst vor ein paar Tagen erntete der 34-Jährige erneut rechtskonservative Entrüstung. Ende Oktober ging die Netflix-Miniserie «Colin in Black and White» online, die den Werdegang des jungen Kaepernick nachzeichnet. Schon die erste Folge hat es in sich: Sie zeigt Schwarze Footballer beim NFL Combine, bei dem sich Nachwuchsathleten Trainern und Scouts präsentieren können. Diese Aufnahmen werden überblendet mit Szenen, die nachstellen, wie einst Schwarze Männer von Sklavenhändlern vermessen und verhökert wurden. Dazu läuft Kaepernick durchs Bild und brandmarkt den US-Sportbetrieb als «Machtverhältnis», in dem weisse Entscheidungsträger über das Los meist Schwarzer Sportler befinden.

Tatsächlich sind in der NFL Schwarze Spieler in der Überzahl, die entscheidenden Funktionen – vom Quarterback über den Trainer bis zum Clubbesitzer – allerdings meist in weisser Hand. Historisch mag der Vergleich mit der Sklaverei zugespitzt sein, doch schon vor Kaepernick beklagten Athleten die entwürdigende Fleischbeschau durch Talentscouts. Trotzdem wird der frühere NFL-Profi nun einmal mehr als «antiamerikanisch» oder gar «geisteskrank» attackiert.

«Colin in Black and White» hat aber mehr zu bieten als Agitprop. Kaepernick hat die Serie gemeinsam mit Ava DuVernay entworfen – einer Filmemacherin, die schon mehrfach («Selma», «13th», «When They See Us») bewiesen hat, dass sie ihr Handwerk versteht. So ist auch «Colin in Black and White» eine gelungene Gratwanderung zwischen politischer Polemik und Unterhaltung. Die Miniserie besteht einerseits aus Spielfilmsequenzen, die die Highschooljahre Kaepernicks nacherzählen – und zwar so mitreissend, dass das Ganze auch ein tragikomisches Aussenseiterdrama fürs Kino hergeben könnte. Dann wieder tritt der Ex-Quarterback persönlich ins Bild, um die eigene Biografie zu reflektieren und in die soziale Realität der USA einzuordnen.

Bei Letzterem steht zwar der politische Anspruch im Vordergrund. Aber auch das kommt meist leichtfüssig daher, etwa wenn in einem Sketch à la «Saturday Night Live» ein Bewerbungsgespräch zwischen einem Schwarzen Jobkandidaten und einem weissen Chef karikiert wird, um so vorzuführen, was rassistische Mikroaggressionen sind.

Unbeholfen, aber liebevoll

Die eigentlichen Stars der Serie sind dabei Jaden Michael, der den jungen Colin spielt, sowie Nick Offerman und Mary-Louise Parker in der Rolle seiner etwas unbeholfenen Adoptiveltern. Die leibliche Mutter hatte ihn als Baby abgegeben, so wuchs er bei einem weissen Paar auf.

Die Serie lässt nie Zweifel aufkommen, dass die Kaepernicks liebevolle Eltern waren. Gespür dafür aber, was es heisst, in einem von Weissen dominierten Umfeld Schwarz zu sein, hatten sie nicht. Als Colins High-School-Trainer etwa von ihm verlangte, er solle sich statt seiner Cornrows eine «anständige» Frisur zulegen, fand das den Zuspruch der Eltern – und aus der Mutter platzte irgendwann heraus, ihr Sohn solle nicht wie ein «thug» – ein Gangster – herumlaufen.

Im Rückblick meint Kaerpernick, damals hätten ihm die richtigen Begriffe gefehlt, um seinen Widerspruch zu formulieren. Die hat er nun. Und, wie «Colin in Black and White» eindrucksvoll zeigt, auch sehr viel mit ihnen zu erzählen.

«Colin in Black and White». Auf Netflix.

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