Nr. 45/2021 vom 11.11.2021

«Wir stecken in der alten Zeit fest»

Der serbische Präsident Bosniens, Milorad Dodik, stellt die territoriale Einheit des Landes infrage und schürt Ängste vor einem neuen Krieg. Die aus Bosnien stammende Aktivistin Selma Jahic beobachtet die aktuellen Entwicklungen mit Sorge.

Interview: Thomas Bürgisser

«Nie wieder!» Demonstration gegen Milorad Dodik, den serbischen Präsidenten Bosniens, am 2. Oktober. Foto: Radivoje Pavicic, Keystone

WOZ: Selma Jahic, in den vergangenen Wochen war in europäischen Medien zu lesen, Bosnien stehe vor der schlimmsten politischen Krise seit dem Ende des Kriegs, der von 1992 bis 1995 dauerte. Sie selbst kommen aus der Republika Srpska, der Teilrepublik von Bosnien-Herzegowina, die gerade im Fokus steht.
Selma Jahic: Genau, ich wurde 1988 in der Kleinstadt Srebrenica geboren, die im Osten der Republika Srpska liegt. Während des ganzen Kriegs bin ich in Srebrenica gewesen und habe die Belagerung der Stadt miterlebt. 1995 bin ich als Flüchtling nach Österreich gekommen.

Srebrenica steht heute für den traurigen Höhepunkt des Kriegs in Bosnien. Als die bosnisch-serbische Armee im Juli 1995 die Uno-Schutzzone eroberte, wurden über 8000 bosniakische, also muslimische, Männer und Jugendliche ermordet. Sie waren damals sieben Jahre alt. An was erinnern Sie sich?
Der Schlüsselmoment, in dem ich als Kind gemerkt habe, dass etwas ganz, ganz Furchtbares passiert, war, als Soldaten unter den Augen der Uno-Schutztruppe die Männer von den Frauen separierten. Wir Frauen sahen die Männer mit ihren Habseligkeiten am Strassenrand sitzen. Und wir durften weitergehen. Vor mir war ein älteres Pärchen, dessen Bild sich in meine Augen und in mein Gedächtnis eingebrannt hat: Beide sind um die achtzig Jahre alt, können kaum gehen, der Mann klammert sich an die Frau. Die Serben reissen ihn weg und sagen zu ihm: «Du, Alter, bleibst hier, die Frau kann weiter.» Der Mann bettelt sie an: «Bitte lasst mich mit meiner Frau gehen, sie ist alt und schwach.» Die Soldaten haben ihn ausgelacht und gesagt: «Keine Sorge, alter Mann, du wirst sie in der Drina finden», also im Fluss, der durch Srebrenica fliesst.

Sie haben im Juni 2020 begonnen, Ihre Kindheitserinnerungen an den Krieg auf Twitter niederzuschreiben. Warum suchten Sie damals mit Ihrer Geschichte die Öffentlichkeit?
Ich war an diesem Tag auf einer Black-Lives-Matter-Demonstration gewesen und war extrem bewegt von den vielen Geschichten, die ich da gehört hatte. Da ist mir aufgefallen, wie wenig wir Bosniak:innen darüber sprechen, was uns bezüglich Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit hier in Europa, vor nicht einmal dreissig Jahren, passiert ist. Wir stellen ja sowohl in Österreich als auch in der Schweiz eine grosse Diaspora. Die meisten haben im Krieg Traumatisches erlebt, haben eine Fluchtgeschichte. Doch kaum eine wagt sich damit an die Öffentlichkeit. Unsere Geschichte droht in Vergessenheit zu geraten.

Selma Jahic

Ich beobachte die Entwicklung der politischen Lage nicht nur in Bosnien, sondern in ganz Europa besorgt. Mir wird ganz flau, wenn ich sehe, wie gegeneinander gehetzt wird und wie Leute ausgegrenzt werden, weil ich weiss, wie schnell es kippen kann. Was wir Bosniak:innen erlebt haben, zeigt, was dir zustossen kann, selbst wenn du dich äusserlich nicht von den anderen unterscheidest.

Seit dem vergangenen Sommer sorgt das serbische Mitglied im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium neuerlich für Unruhe: Aus Protest gegen die Einführung eines auf Srebrenica gemünzten Genozidleugnungsverbots droht Milorad Dodik zum wiederholten Mal mit der Abspaltung der serbischen Teilrepublik vom bosnischen Staat.
Solche Provokationen sind an sich nichts Neues. Die nationalistische Karte wurde von bosniakischen, kroatischen und serbischen Politiker:innen in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder gespielt. Besonders vor Wahlen werden Ängste geschürt, um die eigene Klientel um sich zu scharen. Wenn die Wahlen dann vorüber sind, ist wieder Stille. Die Leute in Bosnien haben sich eigentlich schon daran gewöhnt und leben sonst friedlich nebeneinander, arbeiten miteinander, gehen gemeinsam zur Schule, feiern zusammen und leben einfach ihr Leben. Das Gute ist ja, dass der Grossteil der Bevölkerung gegen einen Konflikt, gegen einen neuen Krieg ist.

Sollte man dieses Säbelrasseln dann nicht besser ignorieren?
Es ist das erste Mal, dass Dodik eine eigene Armee für die serbische Teilrepublik fordert. Eine solche serbisch-bosnische Armee war damals auch für den Genozid an den Bosniak:innen verantwortlich. Serbien, aber auch Russland und China unterstützen ihn in seinen Attacken gegen die internationale Aufsicht in Bosnien und das im Rahmen des Daytoner Friedensabkommens von 1995 geschaffene Amt des Hohen Repräsentanten, der eine Art Schiedsrichterrolle zwischen Bosniak:innen, Kroat:innen und Serb:innen wahrnehmen soll. Ich befürchte, dass Dodik, gestärkt vom Zuspruch dieser Grossmächte, seine Pläne nun wirklich durchboxen will. Fatal dabei ist dieses alte Misstrauen, das sich in Krisensituationen in der bosnischen Bevölkerung wieder einstellt. Sobald es um politische Diskussionen geht, überlegen sich die Leute: Was denkt mein Nachbar? Ist er auf der anderen Seite? Angesichts der ethnisch-nationalistischen Rhetorik fühlen wir, die den Krieg überlebt haben, uns wieder ins Jahr 1992 zurückversetzt. Wir stecken einfach noch immer in dieser Zeit fest.

Sie leisten Aufklärungsarbeit im deutschsprachigen Raum und kooperieren auch mit verschiedenen Gedächtnisinstitutionen in Bosnien. Was bedeutet die Erinnerungsarbeit an die Kriege der neunziger Jahre für die bosnische Gesellschaft?
Es gibt diesbezüglich keine gemeinsame Geschichte. Das heisst: Jede ethnische Gruppe hat ihre eigene Sicht auf die Geschehnisse. Das betrifft auch die Geschichtsvermittlung in den Schulen. Das Srebrenica Memorial Center hingegen interessiert sich nicht nur für den Genozid an den Muslim:innen, sondern kümmert sich auch um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, die von Kroat:innen und Bosniak:innen begangen wurden. Das ist eine sehr wichtige Arbeit für Bosnien und ein einzigartiges Konzept in der Region. Momentan sind dort auch zwei junge Menschen aus Österreich im Rahmen ihres Zivildiensts tätig. Zum ersten Mal ist einer mit serbischen Wurzeln dabei, der sich sehr engagiert. Erst wenn die ganzen Verbrechen, die in Bosnien passiert sind, unabhängig von welcher Seite, aufgearbeitet sind und nicht mehr negiert werden, erst dann können wir in eine gemeinsame Zukunft schauen.

Was für ein Land würden Sie Ihren Verwandten und Bekannten in Bosnien heute, dreissig Jahre nach dem Krieg, wünschen?
Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte werden in Bosnien oft mit Füssen getreten. Die gebildeten Schichten, die jungen Leute wandern alle aus – und meist nicht nur, um sich einen besseren Job zu suchen. Die Menschen wollen in Länder gehen, die stabil sind, wo sie sich nicht ständig Gedanken darüber machen müssen, welcher Ethnie sie angehören; wo sie sich nicht ständig, wenn sie den Fernseher einschalten, anhören müssen, wie ein Politiker auf sie losgeht, nur weil sie Bosniak:innen sind, nur weil sie Kroat:innen oder Serb:innen sind.

Auch die Korruption ist ein grosses Problem. Da bekommst du Politiker:innen nicht mehr aus ihren Ämtern weg, dort werden Familienmitglieder in Posten gehoben, überall versickern Gelder. Wie etwa die Spenden für rückkehrwillige Opfer des Genozids von Srebrenica, die alle in den Taschen korrupter Politiker:innen verschwanden. Das dürfte nicht sein, besonders wenn man bedenkt, was die Bevölkerung Bosniens alles miterlebt hat. Unabhängig davon, welcher ethnischen Gruppe man angehört: Wir haben alle gelitten, sind auf verschiedene Arten traumatisiert und hätten Hilfe sehr nötig gehabt.

Selma Jahic (33) wohnt in Wien und arbeitet als Content-Managerin. Privat ist sie als Zeitzeugin und Aktivistin tätig und setzt sich insbesondere für Kinder mit Fluchterfahrung ein.

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