Nr. 46/2021 vom 18.11.2021

War das im Drehbuch von Anfang an so angelegt?

Oliver Rihs’ Spielfilm über Walter Stürm ist vor allem auch eine Würdigung der Anwältin Barbara Hug. Über allfällige Vorbilder für andere Figuren hält der Regisseur sich lieber bedeckt.

Von Florian KellerMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

«Natürlich haben wir uns gewisse Freiheiten erlaubt»: Regisseur Oliver Rihs in der Bar des Zürcher 25-Hours-Hotels.

WOZ: Oliver Rihs, Ihr Film bedient zwar die Faszination für Walter Stürm, aber die eigentliche Identifikationsfigur ist dessen Anwältin, die furchtlose linke Kämpferin Barbara Hug. War das im Drehbuch von Anfang an so angelegt?
Oliver Rihs: Nein. Als ich dazugestossen bin, war das Drehbuch in erster Linie ein Biopic über Stürm. Barbara Hug kam damals nur ganz am Rand mal vor. Ich fand dann, dass man Stürm entweder sympathischer zeichnen oder eine zweite Figur finden müsste, an der man Stürm spiegeln könnte. Und für mich sollte Stürm ein Chamäleon bleiben – einer, der schwer greifbar ist und der immer wieder entwischt. Das hielt ich für spannender, als zu versuchen, seiner Persönlichkeit auf die Schliche zu kommen, was sowieso niemandem gelungen ist. Dadurch rückte auch Barbara Hug im Verlauf der weiteren Drehbuchfassungen immer mehr ins Zentrum.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Barbara Hug und ihrem Mandanten beschreiben?
Ich glaube, das war ein Geben und Nehmen, für beide Seiten. Stürm hat Barbara Hug benutzt, um seine Haftbedingungen zu verbessern und die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen. Umgekehrt haben Barbara Hug und viele ihrer Kollegen Stürm als Symbolfigur benutzt in ihrem Kampf gegen einen Staat, der sich verändern musste. Was mich aber mehr fasziniert hat, war etwas anderes: Barbara Hug war wegen ihrer Behinderung immer auf Krücken angewiesen, sie hat ihr Leben lang unter Schmerzen gelitten – ihr Körper war eigentlich ihr Gefängnis, während Stürm einen grossen Teil seines Lebens in Gefangenschaft verbracht hat. Dieses Gefangensein und die Frage nach der Freiheit: Das war, was mich bei den beiden am meisten interessiert hat. Da gibt es auch Reibung zwischen ihnen, da kommen sie nicht voneinander los.

Und wenn Sie das Verhältnis der beiden in politischen Begriffen beschreiben müssten?
Die beiden Standpunkte, die hier aufeinanderprallen, sind letztlich der einer Sozialistin und der eines Liberalen. Barbara Hug war ja ganz klar eine Linke; für sie war Freiheit etwas, was der Staat uns geben muss. Für Stürm dagegen war Freiheit etwas, was du dir selber nehmen musst. Insofern war er in meinen Augen eher ein Freisinniger. Ich glaube, wenn Stürm wählen gegangen wäre, hätte er FDP gewählt.

Der Film nimmt sich viele künstlerische Freiheiten heraus. Wie weit sind Sie da gegangen? Etwa, was die Andeutungen einer unerwiderten Liebe von Barbara Hug zu Stürm angeht?
In dieser Frage haben wir von Leuten, die Barbara Hug kannten, extrem unterschiedliche Informationen bekommen. Da gab es zwei oder drei, die uns klar zu verstehen gaben, dass da mehr gewesen sei zwischen den beiden als nur ein Mandat. Wir reden hier nicht von einem sexuellen Verhältnis, sondern von einer platonischen Beziehung, die aber sehr eng und intensiv war. Dann wiederum gab es andere, die sagten, dass das eine rein professionelle Angelegenheit gewesen sei. Aber natürlich haben wir uns da gewisse Freiheiten erlaubt.

Wie hat sich die Schauspielerin Marie Leuenberger dieser anspruchsvollen Rolle genähert?
Das war viel Arbeit für sie. Eigentlich wollte ich die beiden Hauptrollen mit zwei Unbekannten besetzen. Die haben wir aber nicht gefunden, und so bin ich letztlich bei Joel Basman und Marie Leuenberger gelandet. Marie ist von ihrem Wesen her eine sehr gesunde, aufgeräumte Person, die sich Sorge trägt und die auch definitiv jünger wirkt, als sie ist. Für die Rolle habe ich sie zu einem ungesunden Leben angestiftet: saufen, rauchen, möglichst wenig Schlaf. Sie hat sich stark in diese Figur eingelebt, das war wirklich ein Sprung weg von der eigenen Person in einen völlig anderen Charakter – auch stimmlich. Marie hat eine eher feine, weiche Stimme, wir haben daran gearbeitet, dass sie rauer und herber wird. Joel Basman konnte ihr viel helfen dabei.

Inwiefern?
Er hat Barbara Hug als Kind gut gekannt; lustigerweise war er damals ihr Nachbar. So konnte er teilweise vorspielen, wie Barbara Hug sich bewegt und wie sie gesprochen hat. So ist recht viel von seinen Kindheitserinnerungen auf Marie Leuenberger hinübergeschwappt.

Im Film steht Barbara Hug im linken Anwaltskollektiv zwischen zwei karikierten Männertypen: Pascal Ulli als schillerndem Macker, Philippe Graber als etwas verkorkstem Bürokraten. Sind diese Figuren real existierenden Personen nachempfunden?
(Lacht.)

Und?
Wir wollten ursprünglich einige Wegbegleiter von Barbara Hug im Film einflechten, doch aus dramaturgischen Gründen wurde das zu kompliziert und schlicht unmöglich. So haben wir uns am Ende für fiktive Figuren entschieden. Wir haben uns ein bisschen von den realen Vorlagen inspirieren lassen, aber eben, es sind karikierte Männertypen.

Beim ersten darf ich also an Bernard Rambert denken, beim anderen an Moritz Leuenberger?
(Lacht.) Es sind inzwischen, wie gesagt, fiktive Figuren.

Oliver Rihs (49) hat nie Militärdienst geleistet und hielt das später für eine ideale Voraussetzung, um bei der Armeekomödie «Achtung, fertig, WK!» Regie zu führen.

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