Nr. 47/2021 vom 25.11.2021

Wo ist Walter?

Von Florian KellerMail an Autor:in

Schon das erste Bild hat es in sich, weil es eigentlich keines ist. Alles schwarz, nur ganz oben am Bildrand ein winziger Rest von Licht, und dumpf hört man von irgendwo Radau. Wir sitzen fest, aber wo? Endlich wird eine Tür aufgerissen, und wir sind mittendrin in den Zürcher Unruhen im Film «Stürm: Bis wir tot sind oder frei».

Isolation, Ausbruch, Widerstand gegen die Staatsgewalt: Absolut bestechend, wie diese erste Szene gleich einmal drei Schlüsselmotive aus dem bewegten Leben des Walter Stürm (1942–1999) bündelt. So wuchtig und radikal wie dieser Auftakt ist der Spielfilm über den legendären «Ausbrecherkönig» dann zwar nicht. Doch Regisseur Oliver Rihs, als einer von vier Autoren auch am Drehbuch beteiligt, macht so gleich zu Beginn klar: Mit einer reinen Räuberpistole begnügt er sich nicht, selbst in den komischen Szenen steht implizit oft mehr auf dem Spiel. Etwa als Stürm (Joel Basman) sich inkognito über die Grenze absetzen will und am Zoll nicht etwa seinetwegen angehalten wird, sondern weil seine Beifahrerin eine aktenkundige Linke ist.

Das ist Barbara Hug, seine Verteidigerin aus dem linken Zürcher Anwaltskollektiv, gespielt von Marie Leuenberger. Neben dem fast etwas zu jugendlichen Basman avanciert sie früh zur zentralen Kraft, wie sie, seit Kindheit auf Krücken angewiesen, mit Stürm für bessere Haftbedingungen kämpft. Da verhaken sich zwei Figuren aus ganz unterschiedlichen Milieus ineinander, mit zwei unterschiedlichen Vorstellungen von Freiheit – geeint in einer Mission, die doch nie zur gemeinsamen Sache wird.

Auch wenn die linksaktivistischen Cliquen mitunter etwas kostümiert wirken: In seinem Blick für Klassenunterschiede ist der Film ungemein präzise. Aber war Stürm für Barbara Hug wirklich mehr als ein Mandant, eine heimliche Liebe gar, wie der Film suggeriert? Das mag dramaturgisch zugespitzt sein, aber im übertragenen Sinne ist es doch sehr treffend: die unerwiderte Liebe als Metapher für die Faszination der Linken für Stürm, die ja auch sehr einseitig blieb.

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