Kino-Film «The Power of the Dog» : Zwischenmännliche Wildnis

Nr.  46 –

Eine Kuhherde, aufgereiht auf einer Bergkuppe; eine nervöse Fliege auf dem haselnussbraunen Pferderücken; ein Hundekopf, der sich aus einer wellenförmigen Hügellandschaft herausschält wie die Bourbonflasche aus den Leintuchfalten im Bett der heimlichen Trinkerin. Der nicht für alle erkennbare Schattenhund ist das Totemtier von Jane Campions neuem Film «The Power of the Dog», in dem die neuseeländische Regisseurin aus Versatzstücken des Westerns eine existenzielle Parabel baut. Diese beginnt, ganz biblisch, mit zwei ungleichen Brüdern, die sich auch im fortgeschrittenen Alter auf ihrer Ranch ein Schlafzimmer teilen. Doch wer nun eine ins Jahr 1925 verpflanzte Kain-und-Abel-Geschichte erwartet, liegt daneben. Überhaupt ist Campion sehr gut darin, Erwartungen zu unterlaufen und vermeintliche Gewissheiten auszuhebeln.

George (Jesse Plemons) verliebt sich in die verwitwete Gasthausbesitzerin Rose (Kirsten Dunst), zwei rührend langweilige Menschen, wie geschaffen füreinander, doch nicht für die Ménage-à-trois mit Georges Bruder Phil (Benedict Cumberbatch). Er macht seiner Schwägerin das Leben mit viel Energie zur Hölle – bis sie schon frühmorgens zur Flasche greift. Doch gerade wenn man meint, man habe das Personal von «The Power of the Dog» und vor allem Phil als abgefeimten Bösewicht nun durchschaut, entwickelt sich eine weitere eigenartige Beziehung: zwischen Roses halbwüchsigem Sohn, einem spindeldürren, verträumten Aussenseiter, und dem rauen Cowboy Phil, der nur einmal im Monat im Fluss badet und seine zarteren Ambitionen auf dem Altar einer vorsintflutlichen Männlichkeit geopfert hat.

Über diesen in teils hypnotischen Bildern erzählten, wortkargen Plot, der immer wieder Haken schlägt, legt sich der Soundtrack von Jonny Greenwood. In seinen Arrangements liegen Dissonanz, Härte und hoffnungslose Gefühlsverlorenheit genauso nahe beieinander wie in den rätselhaften, unwirtlichen Figuren dieser formvollendeten Romanverfilmung.

Jetzt im Kino, danach auf Netflix.

The Power of the Dog. Regie: Jane Campion. Neuseeland/Australien 2021