Nr. 47/2021 vom 25.11.2021

Überwachen und Beichten

Von Florian KellerMail an Autor:in

Die brutalste Szene in diesem überragenden Film braucht nur Messer und Gabel: Am Tisch wird eine gekochte Rindszunge aufgeschnitten, und beiläufiger könnte man die schleichende Angst in «Servants» nicht ins Bild setzen. Dabei sind wir hier an einem Ort, wo sich gar niemand die Zunge abbeissen muss, weil man Geheimnisse jederzeit beichten kann: im Priesterseminar.

Doch 1980 in der Tschechoslowakei ist das etwas heikler. Die beiden Novizen Michal und Juraj haben sich mit dem Eintritt ins Priesterseminar zwar allen weltlichen Versuchungen entzogen, aber Ideologie und Paranoia machen nicht vor den Mauern des Konvents Halt. Erst recht nicht, wenn ein Mann von der Stasi umgeht, der hier ein Verschwörernest aufspüren will, um sich eine grössere Wohnung zu verdienen. Und dann ist da noch die katholische Organisation «Pacem in Terris», die Treue nicht nur zu Gott, sondern auch zum atheistischen Sowjetregime schwört. Regisseur Ivan Ostrochovsky zeigt sie als Galerie erstarrter Gesichter, wie verstaubt in ihrem Gehorsam.

Paranoia, durchkomponiert in Schwarzweiss: «Servants» wird deshalb gerne als Film noir im Priestergewand gefeiert, aber das greift zu kurz. Von Anfang an liegt etwas Sinistres über den Szenen, die Bilder werden von leisen Geräuschen heimgesucht, die das Land auch am helllichten Tag in ein Spukhaus verwandeln: Ist das bloss verfremdeter Motorenlärm oder schon Filmmusik fürs Geisterkino? Manches gerät fast etwas plakativ: etwa das Bild mit dem Priester, der unter heiligem Neonlicht Trampolin springt, oder der Stasimann, der seine Neurodermitis als Stigma trägt. Aber das kirchliche Milieu verleiht diesem historischen Thriller auch etwas gespenstisch Zeitloses. Bis auf die Schreibmaschinen, die einmal konfisziert werden, gibts hier kaum zeittypische Requisiten, was den Film vor jeglicher Ostalgie bewahrt.

Wem also sollen sie dienen? Michal und Juraj werden lernen, dass der Staat als Beichtvater nicht taugt. Denn was du als Informant preisgibst, bringt dir keine Katharsis und keine Gnade.

Jetzt im Kino.

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