Klimaerwärmung : Land unter

Nr. 47 -

Die Niederlande gelten als Weltmeister im Wassermanagement. Doch die jüngsten Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels alarmieren auch diejenigen, die seit Jahrzehnten einen Kampf gegen das Wasser führen.

Die Lebensversicherung der südwestlichen Niederlande: Das Sturmflutwehr Oosterschelde.

Ein mulmiges Gefühl schleicht sich ein am Turfmarkt, einer pittoresken Strasse im Zentrum des Käsestädtchens Gouda. Eigentlich sieht es hier aus wie Holland aus dem Bilderbuch, doch das Wasser der Gracht in der Mitte der Strasse schickt sich an, das Ufer zu erkunden. Fast bis an die Reifen der geparkten Autos reicht es, manchmal passt gerade einmal eine Schuhsohle zwischen Oberfläche und Gehweg.

Das Problem von Gouda ist komplex: der torfhaltige Boden sinkt, der Meeresspiegel steigt, heftige Niederschläge nehmen zu. Konsequenz: Land unter. «Ich wohne etwas weiter weg, aber die Häuser in dieser Strasse stehen häufiger unter Wasser», sagt ein Passant. Christine Schellert, eine Anwohnerin auf dem Weg zum Einkaufen, erklärt: «Die Stadt will den Wasserpegel nun mit einem Pumpwerk senken. Aber für die alten Häuser, die teils auf Pfählen im Wasser gebaut sind, ist das ein Dilemma: Wenn die Pfähle trocken stehen, werden sie faulig.» Ihr eigenes Haus, so Schellert, stehe auch auf Pfählen. «Und seit wir wissen, wie der Nordpol schmilzt, beschäftigt uns das schon ziemlich.»

Das Schmelzen des Polareises sei unumkehrbar und die Erderwärmung menschengemacht und nicht unter der Marke von zwei Grad Celsius zu halten: Diese Hiobsbotschaft in Form des IPCC-Klimaberichts, der Anfang August dieses Jahres veröffentlicht wurde, liess auch in den Niederlanden die Alarmglocken klingen. «Sehr besorgniserregend», kommentierte Premierminister Mark Rutte. Besonders bedrohlich für das niedrig gelegene Land: Der Meeresspiegel steigt immer schneller. Je nach Menge der Treibhausgasemissionen wird er bis Ende des Jahrhunderts einen halben bis einen Meter höher liegen. Auch wenn die Bewohner:innen Goudas nicht ans Umziehen denken, macht sich Beunruhigung breit.

Prognose: Mehr als ein Meter

«Der Anstieg des Meeresspiegels ist jetzt schon messbar. Wie hoch er 2100 sein wird, ist eine Entscheidung, vor der die Menschheit steht.» So formuliert es Aimée Slangen, eine 36-jährige Meeresspiegelspezialistin am Niederländischen Institut für Meeresforschung (NIOZ). Die aktuelle Warnung stammt aus ihrer Feder, denn am Bericht des IPCC war sie als «lead author» beteiligt. Die Bedrohung in konkreten Zahlen: «In den letzten hundert Jahren betrug der Anstieg zwanzig Zentimeter. In den kommenden dreissig Jahren erwarten wir noch einmal zwanzig Zentimeter. Dieser Trend darf sich nicht fortsetzen!»

Drei Monate nach der Veröffentlichung des Berichts empfängt Aimée Slangen die WOZ hinter dem NIOZ, das in Yerseke in der Provinz Zeeland liegt. Drinnen darf sie pandemiebedingt keinen Besuch empfangen. Gleich hinter dem hellen Klinkerbau wogt die Oosterschelde, ein Meeresarm, der rund vierzig Kilometer westlich in die Nordsee strömt. Seit dem IPCC-Bericht hat ihr Wort im Land einiges Gewicht, Anfragen von Medien kommen mehrmals pro Woche. «Als Klimawissenschaftlerin willst du nicht zu aktivistisch wahrgenommen werden», kommentiert sie. «Zugleich machst du dir Sorgen, weil du genau weisst, wie es aussieht. Eine schwierige Balance.»

«Es geschieht nicht in der Zukunft oder weit weg. Der Klimawandel ist hier und jetzt»: Aimée Slangen vom Niederländischen Institut für Meeresforschung.

Während ihrer Promotion forschte Slangen erstmals zur Frage, wie sich die globalen Klimaprognosen regional auswirken. «Man will wissen: Was passiert an meiner Küste?», so Slangen, die von der Universität Wageningen kommt und einst Erasmus-Studentin an der Zürcher ETH war. Mit dieser Untersuchung war sie schon am vorigen IPCC-Bericht beteiligt. Um ihre Küste, so viel ist sicher, steht es nicht zum Besten: «Das Risiko von Überschwemmungen nimmt zu: ein Wasserstand, den wir nun im Schnitt einmal in hundert Jahren messen, könnte Ende des Jahrhunderts alle zwei bis zehn Jahre auftreten.»

Das Königlich-Niederländische Meteorologische Institut (KNMI) hat diese Entwicklung in einem Bericht von Ende Oktober so beziffert: Wird der weltweite Ausstoss von Treibhausgasen nicht schnell reduziert, könnte das Land 2100 mit einer um 1,20 Meter erhöhten Nordsee konfrontiert sein. Sollte durch die globale Erwärmung das antarktische Poleis schmelzen, könnte der Anstieg gar noch drastischer ausfallen. Die letzte Prognose des KNMI von 2014 ging von einer Zunahme von einem Meter aus.

Wie bei einer Wippe

Warum die Niederlande besonders gefährdet sind, erklärt Aimée Slangen: «Wir liegen relativ nah bei Grönland, aber weit weg von der Antarktis. Die Eiskappen haben eine Art Schwerkraft. Sie ziehen Wasser vom Ozean an, weil da sehr viel Eis liegt. Wenn dort also Eis schmilzt, wird diese Anziehungskraft schwächer. So sinkt der Meeresspiegel nahe der Eiskappe, und er steigt weiter von ihr entfernt, wie bei einer Wippe. Die Antarktis kann sehr stark zu einem höheren Seespiegel beitragen. Gerade weil wir so weit weg sind, sind wir davon überdurchschnittlich stark betroffen.«

Durch die niederländische Topografie (vgl. «Dreizehn Sperrwerke» im Anschluss an diesen Text) entsteht ein komplexes Bedrohungsszenario, das Slangen so beschreibt: «Wenn die See einen höheren Wasserstand hat, können die Flüsse dort schwieriger abführen. Kommt dazu extremer Niederschlag, verdoppelt sich dieser Effekt.» Die Überschwemmungen vom Sommer in der weit von der Küste entfernten Provinz Limburg seien ein Weckruf gewesen, so Slangen. Sie wuchs dort auf, und ihre Mutter wurde vor der steigenden Maas evakuiert. «Es geschieht nicht in der Zukunft oder weit weg. Der Klimawandel ist hier und jetzt.»

Für den Hochwasserschutz an dieser Küste ist die Erkenntnis wie ein Zeitraffer. Deutlich wird dies am Oosterscheldekering, einem gigantischen Sturmflutwehr eine halbe Stunde von Yerseke entfernt, wo die Oosterschelde in die Nordsee fliesst. Dieses Wehr gilt als Krönung der Deltawerke, der Lebensversicherung der südwestlichen Niederlande. Als es 1986 in Betrieb genommen wurde, nannten manche es das achte Weltwunder: ein neun Kilometer langes Sperrwerk auf 65 Pfeilern, zwischen denen Schiebetore befestigt sind, die den Meeresarm bei einem vorausgesagten Pegel von drei Metern absperren.

Konzipiert wurde es für einen Seespiegel, der um einen Meter höher liegt. Damals, in den 1980ern, wähnte man sich damit für die nächsten 200 Jahre sicher. Inzwischen ist klar, dass selbst dieses Monument niederländischen Wassermanagements nicht reichen wird. Im Sommer gibt es hier viele Tourist:innen. Nun ist die Anlage verwaist, bis auf die Autos auf der über sie führenden Landstrasse. Unten tost die Oosterschelde der See entgegen, und trotz des stürmischen, diesigen Novemberwetters wird deutlich, wie weit sich die Menschheit hier notgedrungen vorgewagt hat, um den Elementen entgegenzutreten.

Wie also soll es weitergehen? Würde Peter Glas diese Frage schlaflose Nächte bereiten, hätte er den falschen Job. Aber «Deltakommissar», nach eigener Beschreibung ein «Verbindungsoffizier» zwischen allen Ebenen des Hochwasserschutzes in diesem Land, wird man nicht ohne eine Kombination aus Alarmiertheit, Wissen um die eigenen Kapazitäten und einer daraus abgeleiteten nüchternen Analyse. Die 1,20-Meter-Prognose? «Ein Schock war das nicht. Aber eine Bestätigung der Sorge, die wir alle zusammen tragen müssen.»

Immer wieder fallen und aufstehen

Die Bezeichnung «Delta» steht nicht nur für die imposanten Verteidigungsanlagen, mit denen man hier der Bedrohung, die die geografische Lage mit sich bringt, begegnet, sondern auch für die politischen und administrativen Formen, in die man den Hochwasserschutz gegossen hat. Die erste Deltakommission liess ab 1953 die Küste mit den Deltawerken befestigen. Die zweite setzte sich fünfzig Jahre später mit den Folgen des steigenden Seespiegels auseinander. Das jährliche Deltaprogramm gibt das Konzept vor, zur Finanzierung gibt es den Deltafonds, und das Deltagesetz bildet die juristische Grundlage.

Was aber, wenn all dies nicht mehr ausreichen sollte? Für den Deltakommissar, der wegen der Coronabeschränkungen zu einem Onlinegespräch geladen hat, gehören solche Bedenken zum Alltag. «Wenn wir nichts täten, wären wir in einer schlechteren Position mit schlechteren Prognosen.» Peter Glas beruft sich auf die Tradition des Kampfes gegen das Wasser. «Wir machen das schon fast 1000 Jahre mit Fallen und Aufstehen. Auf den Tag genau heute, vor 600 Jahren, kostete die Elisabethflut Tausende Leben.» Er spricht von einer «tief gefühlten Dringlichkeit, weiterzumachen» – und konstatiert zugleich: «Vorbereitet sein ist das Maximale, was wir tun können.»

«Mitgehen mit der See»

Die jüngsten Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels liegen deutlich jenseits dessen, worauf die Niederlande vorbereitet sind. Für den Oosterscheldekering und «die anderen Kunstwerke» bedeute dies, dass sie ein «Upgrade» bräuchten oder ersetzt werden müssten, erklärt Peter Glas. Beide Optionen gehören zu den Szenarien eines Berichts von 2019, der sich mit Anpassungsstrategien an einen schnell steigenden Meeresspiegel beschäftigt. Er enthält auch die Variante, die Wehre permanent zu schliessen, wodurch für die Abfuhr der Flüsse enorme Pumpleistungen benötigt würden.

Grundsätzlich stellt sich bei diesen Szenarien die Frage, ob die Niederlande ihre Küstenlinie in der heutigen Form erhalten wollen. Aktuell sei dies die Devise, sagt der Deltakommissar, sei es durch aufgespritzten Sand, Dämme oder womöglich vorgelagerte Inseln. Laut Experten könne man mit solchen Anpassungen einem Anstieg von bis zwei Metern standhalten. «Es gibt aber auch ein Szenario, das wir ‹Mitgehen mit der See› nennen. Das wäre natürlich sehr eingreifend, denn es bedeutete, Land preiszugeben, auf dem wir schon Jahrhunderte wohnen. Aber wenn der Anstieg in Richtung mehrere Meter geht, rückt das leider näher.«

Nicht nur der Deltakommissar macht sich Sorgen. Gut 200 Kilometer nördlich, auf der Nordseeinsel Terschelling, stand im Winter 2019 das Hafendorf West-Terschelling nach einem Nordweststurm mit Springflut unter Wasser. Marlies de Boer, die Inselbuchhändlerin, weiss, dass es irgendwann mit Terschelling vorbei sein könnte. Dass dies nicht zu ihren Lebzeiten sein wird, macht die Perspektive abstrakter. Die 1,20-Meter-Prognose habe sie zwar nicht geschockt, doch dass «es schnell geht», fällt auch ihr auf.

Im Café mit dem bezeichnenden Namen Storm berichtet Kellnerin Nikkie Zijlstra bereitwillig von ihren Bedenken. Sie kommt vom Festland und wohnt sehr gerne auf Terschelling. «Mein Mann kommt von hier und findet, dass wir hier sicher sind. Aber wir haben gerade ein Haus gekauft und haben drei kleine Kinder, an die denke ich natürlich. Und dann neulich diese Überschwemmungen in Limburg.» Wie jemand sich anhand dieser Entwicklung keine Gedanken machen könne, sei ihr ein Rätsel.

Kein Futter für die Vögel

In Harlingen, drüben auf dem Festland, widmet sich Frank Petersen schon von Berufs wegen dieser Sorge. Beim Umweltministerium in Den Haag erlebte er einst die Zeit nach dem Gipfel von Rio, später arbeitete er bei Greenpeace. Nun kämpft er bei der Waddenvereniging (Wattvereinigung) gegen die Erdgas- und die Salzgewinnung und das damit verbundene Absinken des Seebodens im Naturschutzgebiet.

Dass dieses einzigartige Ökosystem, das seit 2009 auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes steht, im wörtlichen Sinn ertrinken könnte, wenn die Nordsee erheblich anstiege, davor warnt die Waddenvereniging schon seit Jahren. In seinem Umfeld sieht Petersen, dass das Bewusstsein für die Bedrohung deutlich zugenommen hat. Die 1,20-Meter-Prognose des KNMI war für ihn selbst nur eine Bestätigung. Allerdings eine, von der er hofft, dass sie der Politik endlich Beine macht. «Wenn es um den Erhalt des Wattenmeers ging, hat die Regierung Klimawandel und Seespiegelanstieg lange nicht ernst genommen.»

Sollte dieser Teil der Nordsee irgendwann nicht mehr regelmässig trocken liegen, hätte das Folgen, die weit über die Niederlande hinausreichen. «Dann verschwände auch der Schlick, der Nährstoffe für Algen und Plankton und damit die Basis dieses Ökosystems ist. Auch viele Vögel finden hier im Winter Futter oder rasten auf dem Weg von Sibirien nach Westafrika. Wenn sie kein Futter mehr finden, können sie ihre Brutgebiete nicht mehr erreichen. Damit nimmt die Gefahr zu, dass sie aussterben.»