Von oben herab : Isch cool, man

Nr.  47 –

Stefan Gärtner schauderts

Manchmal bin ich so müde, dass es mich würgt. Ich meine nicht die Müdigkeit, die damit zu tun hat, dass der Wecker zu früh klingelt, sondern die, die sich den Nachrichten verdankt. Meine Tageszeitung bietet ein Wochenendabonnement an, man bekommt also nur die Ausgaben vom Freitag und Samstag. Ich hätte gern das Gegenteil: dass ich wenigstens am Wochenende meine Ruhe habe.

Mit dem Bruder telefoniert, und ich nehme mir immer vor, ihm keine Vorträge zu halten; aber wes das Herz voll ist, des läuft der Mund über, und schon geht es wieder mit allem Eifer um die Dummköpfe, die die Impfung verweigern, und die Dummköpfe mit den zu grossen Autos, die vor der Grundschule parken und dabei den zu grossen Motor laufen lassen und stur in ihre Telefone glotzen, und die Grundschulen, weil es eine sogenannte freie Schulwahl gibt, sind streng getrennt in feine und nicht so feine, und die blonden Kinder gehen in die feinen, und im Fernsehen reden dieselben Leute von «Integration» und «Zusammenhalt», die genau diese Freiheit meinen, wenn sie «Freiheit» sagen. Das ist, ich fürchte, die Zukunft, und die ist sehr von gestern. Ich könnte kotzen, aber bin bloss müde.

Es gibt, das muss einem klar sein, keinen Fortschritt, der irgendwas im Grundsatz infrage stellt. Das ist die Demokratie. Mein Bruder ist ein freundlicher, aufgeklärter, besonnener Liberaler, der sagt: Ich wähle, was mir nützt. Und das ist ja auch die Idee, dass jede wählt, was ihr nützt, und aus der volonté de tous ergibt sich dann eine volonté générale: e pluribus unum, wenn einem Latein lieber ist. Das Problem ist natürlich, dass die Reichen und Schlauen am Drücker sind und wissen, wie sie es bleiben. Darum hatte (und forderte) der junge Bernd Begemann «Mitleid mit den Dummen, Erbarmen mit den Armen! / Die sind nicht so clever wie ihr, / die verstehen nicht, was passiert, / denn eure Komplotte / sind zu hartgesotten / und viel zu kompliziert», und am Ende sind es nicht einmal Komplotte, sondern bloss Nebelkerzen wie die «Chancengesellschaft», die eine Gesellschaft der Gewinnerinnen und Verlierer bleibt, die aber endlich selbst dran schuld sind.

«Nichts, nur müde», schrieb derselbe Kafka in sein Tagebuch, der überzeugt war, der Versuch, es besser zu machen, mache es nur schlimmer. Fortschritt heisst, dass die Medizin im Rekordtempo Impfstoffe entwickeln kann und dass fortschrittliche Sozialmedien dann dafür sorgen, dass genügend verhetzte Knallköpfe den Impferfolg zunichtemachen. Es gibt keinen Fortschritt in Sachen Dummheit, falls es nicht sogar so ist, dass technischer Fortschritt und Regression eins geworden sind, und wer sich in Rafz, Kanton Zürich, in näherer Zukunft einfrieren lässt, um «dem Tod ein Schnippchen zu schlagen» («Beobachter»), per Kryonik nämlich, wird nicht enttäuscht sein, wenn er oder sie in fernerer Zukunft eine Welt vorfindet, die sicher technisierter, aber darum nicht besser geworden ist. Aber das muss ja auch nicht sein, denn die Kosten für den Langzeitaufenthalt in der «ersten europäischen Kühlkammer» (ebd.) stemmt ja niemand, der von der schlechten Welt nicht in ausreichendem Masse profitiert hat. «Die grosse Mehrheit der Wissenschaftler hält die Hoffnung, Tote jemals wieder zum Leben erwecken zu können, für realitätsfern (…) Die internationale Forschungsgesellschaft Society for Cryobiology, also für Tieftemperaturbiologie, bezeichnet Kryonik in einer Stellungnahme als ‹einen Akt der Spekulation oder Hoffnung, nicht der Wissenschaft›.»

Hoffnung ist, dass es die Technik richten wird, dieselbe, von der gewisse Müdigkeiten glauben, dass sie den Ausgang des Menschen aus seiner Unmündigkeit eher behindert denn befördert. Denn sich der Technik ausliefern, das ist die Freude an der Fremdbestimmung. Da können wir uns für so cool halten, wie wir wollen.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop/buecher.