Nr. 49/2021 vom 09.12.2021

Schwarze Selbstzweifel

Eine Wiederentdeckung, jetzt auch verfilmt: Nella Larsens Roman über Schwarze, die als Weisse durchgehen und dafür einen hohen Preis bezahlen.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Hadern mit sich selbst und der Angst, entdeckt zu werden: Clare (Ruth Negga, links) und Irene (Tessa Thompson) geben sich im Film «Passing» als Weisse aus. Still: © Netflix 2021

Im Sommer 2015 sorgte Rachel Dolezal in den USA für einen Skandal: Die Professorin für Africana Studies und Präsidentin des lokalen Chapters der Bürgerrechtsorganisation NAACP hatte sich als Schwarze ausgegeben, obwohl ihre Eltern beide weiss waren. Die Vorwürfe reichten von kultureller Aneignung über Blackfacing bis zum unrechtmässigen Erschleichen eines Stipendiums. Über allem aber schwebte die Frage, weshalb eine Weisse «die Seite gewechselt» hatte, ist doch das Phänomen des «passing» vor allem in umgekehrter Richtung eine historisch verbreitete Praxis und ein kultureller Topos: Schwarze, deren Haut hell genug ist, um als Weisse durchzugehen, versuchen so, dem Rassismus zu entkommen. Davon handelt auch der Roman «Seitenwechsel» von Nella Larsen, der jetzt erstmals auf Deutsch erscheint und von Rebecca Hall verfilmt worden ist.

Geschrieben hat ihn Larsen bereits 1929, in der Blütezeit der Harlem Renaissance, jener kulturellen und künstlerischen Bewegung, deren Exponent:innen oft einer schmalen Schwarzen Mittelschicht entstammten und sich politisch links engagierten. Dazu zählten Louis Armstrong und Josephine Baker ebenso wie W. E. B. Du Bois, Langston Hughes, Zora Neale Hurston und eben Nella Larsen. Auch «Seitenwechsel» spielt in diesem Milieu. Die beiden Jugendfreundinnen Irene Redfield und Clare Kendry treffen im Restaurant eines Nobelhotels im Stadtzentrum zufällig aufeinander und erkennen sich erst gar nicht; schliesslich sind Schwarze dort unerwünscht. Während Irene, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, befürchtet, «entdeckt» worden zu sein, spielt Clare ganz offensiv mit der Grenzüberschreitung, ein Verhalten, das ihr im Lauf der Handlung zum Verhängnis wird und auch Irene in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit bedroht.

Wohin mit der Loyalität?

«Passing» war gerade in den zwanziger Jahren, als Rassismus und Lynchjustiz grassierten, ein weitverbreitetes Phänomen. Gemäss der «one-drop rule» galt als Schwarz, wer auch nur einen einzigen Schwarzen Vorfahren hatte; eine Definition, die auch Schwarze internalisiert hatten. Wer «die Seite wechselte» – und sei es nur temporär, um etwa einer Arbeit nachzugehen –, lebte nicht nur in konstanter Furcht vor Entdeckung, sondern auch mit der psychischen Last der Selbstverleugnung.

Larsens Roman verhandelt dies höchst subtil und verdichtet in der Person von Irene. Denn Irene hadert. Sie hadert mit ihrer Eifersucht auf Clare, die mit einem Weissen, der keine Ahnung von ihrer Herkunft hat, verheiratet ist, sich von diesem «Nig» nennen lässt und sich bei Irene geradezu aufdrängt, um mit ihr an die rauschenden Partys in Harlem zu gehen. «Schon komisch, das mit dem ‹Seiten wechseln›», gesteht Irene ihrem Mann einmal. «Wir missbilligen und entschuldigen es zugleich. Es weckt unsere Verachtung, und doch bewundern wir es eigentlich. Wir schrecken mit einer Art Abscheu davor zurück, decken es aber.» Ihr Mann hingegen findet, das sei nur der biologische «Selbsterhaltungstrieb der Rasse».

Irene hadert also auch mit sich selbst, namentlich mit ihrer Angst, für People of Color einzustehen. Warum, so fragt sie sich nach der qualvollen Begegnung mit Clares Mann, der Schwarze als «Nigger» und «Teufel» bezeichnet und überzeugt ist, diese täten nichts anderes, als Leute auszurauben und umzubringen, warum hatte sie es «versäumt, für die Rasse einzustehen, der sie angehörte»? Weil sie Clare gegenüber loyal bleiben musste: «Sie war ihr durch ebendiese Bindung an die Rasse verpflichtet, die Clare zwar verworfen, aber nicht völlig hatte durchtrennen können.» Doch hatte sie sich dabei nicht mitschuldig gemacht? Ihrem Mann jedenfalls erzählt sie mit den Worten davon, «wenn mich ein Mann als Nigger bezeichnet, ist es beim ersten Mal seine Schuld, hat er aber die Möglichkeit, es zu wiederholen, ist es meine Schuld».

Weisse Ignoranz

Dieses Gefangensein in der eigenen Haut(farbe) bringt Rebecca Hall in ihrer inhaltlich eng an der Vorlage orientierten Verfilmung auch mit formalen Mitteln auf den Punkt. Die Kamera verharrt meist starr und entlässt die Figuren kaum aus ihrem engen 4:3-Bildrahmen. Ein Kammerspiel ist das, gefilmt in Schwarzweiss, äusserlich ereignisarm, die Aufmerksamkeit ruht ganz auf der Gestik und vor allem der Mimik der Protagonist:innen. Und die Schauspieler:innen – Ruth Negga als Clare, Tessa Thompson als Irene und André Holland als deren Mann – entfalten in «Passing» ihr ganzes Können.

Sie glaube nicht, dass es für einen Weissen so einfach sei, als Schwarzer durchzugehen, wie umgekehrt, sagt Irene an einer Party zu einem befreundeten weissen Schriftsteller. Darüber habe er noch nie nachgedacht, gibt dieser zurück – darauf sie: «Warum sollten Sie auch?» Irenes Antwort liest sich wie eine träfe Replik auf Rachel Dolezal und deren Argument, sie habe doch bloss die Tatsache für sich genutzt, dass «race» ein soziales Konstrukt sei. Schon klar: Als Weisse hat sie ja auch die Kontrolle darüber, wie sie angeschaut wird, und kann bei Bedarf wieder die Seite wechseln.

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