Durch den Monat mit Daniel Winkler (Teil 2) : Darf die Kirche politisch sein?

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Der reformierte Pfarrer Daniel Winkler ist in einer Freikirche aufgewachsen. Obwohl er Dogmatismus ablehnt, hat er auch gute Erinnerungen daran. Bis heute zweifelt er manchmal am Glauben – und sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen Christ:innen und anderen sozialpolitisch Engagierten.

«Kirche und Macht, das passt überhaupt nicht zusammen», sagt Daniel Winkler. Doch eine Kirche, die sich nicht politisch engagiere, verrate ihre Wurzeln.

WOZ: Daniel Winkler, wollten Sie schon als Kind Pfarrer werden?
Daniel Winkler: Mein Vater war Pastor in einer Freikirche. Einer Pfingstgemeinde. Er war ein dogmatischer Mensch, wusste ziemlich genau, was gut und was böse ist. Aber wenn ein Mensch vor unserem Haus stand, fand er immer eine offene Tür. Wir waren acht Kinder und hatten immer Leute, die bei uns unterkamen, auch einmal einen Tamilen und einen Kurden. So waren wir vertraut mit diesen «Fremden». Und das ist für mich im Rückblick schön, wenn ich an meinen Vater denke: Der Mensch war ihm wichtiger als sein Dogma.

Dann haben Sie auch gute Erinnerungen an die Freikirche?
Auf jeden Fall. Leute, die nur Antworten kennen und keine Fragen, sind unerträglich – ganz egal, in welcher Freikirche, Sekte oder politischen Gruppe sie sind. Aber die Freikirche hatte auch sehr menschliche Seiten, ein offenes Herz gegenüber Leuten, die nicht auf der Sonnenseite standen.

War Ihr Vater ein offizieller Pfarrer?
Nein, er hatte nicht studiert, sondern eine Bibelschule der Freikirche besucht. Ich wusste, ich will kein Freikirchenpfarrer werden, sondern der Sache auf den Grund gehen, mich auch wissenschaftlich damit auseinandersetzen. Ich habe erst das KV gemacht – eine Verlegenheitslösung –, später auf dem zweiten Bildungsweg die altphilologische Matur, dann in Basel und Bern studiert. Mein ältester Bruder ist auch Pfarrer – und der jüngste ist Clown.

Was hat Sie am Pfarrberuf gereizt?
Im KV hatte ich vor allem mit Geld zu tun – und wusste, ich würde mich lieber mit Menschen beschäftigen. Auch die Frage nach dem Sinn des Daseins hat mich schon immer umgetrieben. Was gibt einem Halt im Leben, wie nährt man die eigene Hoffnung, wie stärkt man das Vertrauen? Für mich hatte der Glaube da gute Angebote. Aber das ist etwas, worum man immer wieder ringen muss.

Um den eigenen Glauben?
Ja. Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel. Felsenfest ist gar nichts – ausser der eigene Tod. Es ist immer wieder ein Ringen um Antworten auf Fragen, die einem das Leben stellt. Je älter ich werde, desto provisorischer werden die Antworten.

Gibt es in der Kirchgemeinde Leute, die sich an Ihrem asylpolitischen Engagement stören?
Natürlich. Wir sind ein konservatives Dorf. Mir hat auch schon einer gesagt: «Wenn du keinen schwarzen Gring hast, dann kommt er nicht, der Pfarrer.» Wenn mich jemand ruft, komme ich immer. Aber ich gehe nicht systematisch Leute im Dorf besuchen, das schaffe ich nicht. Da bin ich vielleicht ein schlechter Pfarrer.

Gingen die Pfarrer früher oft bei den Leuten essen?
Absolut. Und Schnaps saufen!

Seit der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative kocht die Debatte, ob die Kirche politisch sein darf, recht hoch.
Für mich ist es undenkbar, dass sich die Kirche nicht politisch engagiert. Es wäre ein Verrat an ihren Wurzeln. Es gibt ein schönes Zitat vom Theologen Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis ermordet wurde. Er vergleicht das Unrecht mit einem Wagen und sagt: Es kann doch nicht sein, dass die Kirche nur die Opfer unter dem Rad verarztet – sie muss dem Rad des Unrechts auch in die Speichen fallen. Man muss versuchen, die Wurzeln der Probleme zu behandeln, und das ist immer eine politische Frage. Unsere Kantonalkirche ist bis jetzt zum Glück sehr couragiert im Vergleich zu anderen Kirchen in der Schweiz. Aber jetzt ist sie auch etwas eingeschüchtert. Denn die Wirtschaftsvertreter drohen mit Kirchensteuerabbau.

Macht Ihnen das keine Sorgen?
Die Demokratie lebt von einer aktiven Zivilgesellschaft, dazu gehört auch die Kirche. Soll sich denn die Kirche auf die Seite der Privilegierten stellen? Wäre das das Ziel? Oder einfach die Hände in den Schoss legen, bloss noch für die Leute beten und sie aufs Jenseits vertrösten? Das ist auch etwas billig.

Manchen wäre das bestimmt am liebsten.
Man kann ja beides machen! (Lacht.)

Es gibt auch von links ein Misstrauen gegenüber der Kirche. Ist das kleiner seit der Kovi?
Die Juso würde uns ja am liebsten abschaffen – dabei haben wir sehr viele thematische Gemeinsamkeiten. Das Misstrauen gegenüber elitären, autoritären Traditionen in der Kirche verstehe ich. Kirche und Macht, das passt sowieso nicht zusammen. Unser Vorbild aus der Bibel ist ja der Inbegriff von Ohnmacht. Und das passt auch: Man ist vielen Situationen gegenüber ohnmächtig, man ist aufeinander angewiesen. Darum ist es wichtig, dass man einander in der Andersartigkeit akzeptiert, respektvoll miteinander umgeht und eben keine Vorurteile bewirtschaftet, egal wem gegenüber.

Schaffen Sie das?
Ich muss aufpassen, dass ich gegenüber Rechtskonservativen keine Vorurteile habe, sondern immer den Menschen anschaue. Die sind alle ganz verschieden, manchmal sehr zugänglich und verständig. Das ist ganz wichtig!

Daniel Winkler (54) ist Pfarrer von Riggisberg BE und dort asylpolitisch aktiv. Das Dorf kommt in Markus Imhoofs Dokumentarfilm «Eldorado» vor.