Durch den Monat mit Daniel Winkler (Teil 4) : Ärgert es Sie, wenn die Leute nur an Weihnachten kommen?

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Pfarrer Daniel Winkler hat schöne Erinnerungen an Weihnachten. Das Aufwachsen und das Feiern im Grosshaushalt waren eine gute Vorbereitung für seinen Beruf. Er ist überzeugt, dass man solidarisch besser durchs Leben kommt – auch wenn es um Corona geht.

Daniel Winkler: «Weihnachten rührt an eine Sehnsucht, die besonders in dieser dunklen Zeit aufbricht. Ich freue mich, wenn die Leute kommen und Freude haben an dieser Feier.»

WOZ: Daniel Winkler, ist die Weihnachtszeit für Sie als Pfarrer vor allem stressig, oder geniessen Sie sie auch?
Daniel Winkler: Ich kann sie recht gut geniessen, denn ich wechsle mich in der Kirchgemeinde mit einer Kollegin ab. Dieses Jahr leite ich die Gottesdienste am Weihnachtstag und an Silvester, sie übernimmt Heiligabend. Auch die Adventsgottesdienste teilen wir uns auf.

Ärgern Sie sich über Leute, die nur an Weihnachten in die Kirche kommen? Die sind nicht mehr aktiv in der Kirchgemeinde, wollen aber einmal im Jahr von den Strukturen profitieren, die Sie tagtäglich aufrechterhalten …
Nein, ich freue mich, wenn sie kommen und Freude haben an dieser Feier, am Singen – immerhin! Man muss das Glas halb voll sehen.

Haben Sie eine Erklärung, warum sie an Weihnachten auftauchen?
Ich denke, Weihnachten rührt an eine Sehnsucht, die besonders in dieser dunklen Zeit im Winter aufbricht. Wir leben in einer extrem rationalistischen Gesellschaft, und unsere Kirche hält das schwache Flämmlein der Hoffnung am Leben, dass unser Dasein nicht kalten Zufällen entsprungen ist. Dass wir gerettet werden. Weihnachten muss man immer von Ostern her sehen: Es geht um Geburt, Leben, Sterben und Tod, das ist alles sehr eng miteinander verwoben, und es versinnbildlicht sich am Leben und Sterben von Jesus. Für mich ist das eine ganz wichtige Hoffnung: dass es eine tragende Kraft im Leben und im Sterben gibt.

Was verbinden Sie persönlich mit Weihnachten?
Ich habe zum Glück sehr schöne Erinnerungen. Es gab auch manchmal Streit, aber es gab Rituale. Und die sind etwas ganz Wichtiges. Bei uns kam Onkel Martin und kochte an Heiligabend Spaghetti, am Weihnachtstag Chüngel, und irgendwann gabs noch Fruchtsalat. Er hat immer in der Küche geraucht und sein Bier getrunken, der Geruch von Rauch gehörte für mich zum Fest. Wir waren nie nur für uns, die acht Kinder mit den Eltern, sondern immer zu fünfzehnt oder zu zwanzigst, mit Onkeln und Tanten, Grosseltern und den Randständigen, die bei uns wohnten. Das war auch ein wichtiger Teil von Weihnachten: Alle sind eingeladen.

Fanden Sie es angenehm mit so vielen Leuten?
Es ist interessant: Alle Geschwister nahmen es anders wahr, erzählen heute eine andere Geschichte. Für mich war es sehr schön, es hatte ein entlastendes Moment: Wenn fremde Leute da sind, gibt man sich ja auch mehr Mühe. Wenn die Familie nur auf sich selber bezogen ist, ist die Gefahr viel grösser, dass man sich an Kleinigkeiten reibt.

War das eine gute Vorbereitung auf Ihren Beruf, dieses Aufwachsen im Kollektiv?
Ich denke schon. Auch wenn es nicht immer lustig war: Einmal wohnte ein Alkoholiker bei uns, der wusste manchmal nicht mehr, was er tat. Hin und wieder kreuzte die Polizei auf, weil er gestohlen hatte … Aber das Bewusstsein, dass man aufeinander schauen muss und zusammen besser durchs Leben kommt als allein, ist dadurch schon sehr stark gewachsen. Heute wird ja so viel von Freiheit und Autonomie geredet. Für mich gibt es keine absolute Freiheit, das ist Selbstbetrug. Die eigene Freiheit muss immer die Freiheit der anderen schützen, dadurch ist sie automatisch eingeschränkt. Wir sind voneinander abhängig, im Familiären, aber auch weltweit. Das hat uns die Pandemie gezeigt, das zeigt uns der Klimawandel. Was in Australien passiert, ist auch ein Teil von uns.

Viele Leute, die die Coronamassnahmen ablehnen, stilisieren die individuelle Freiheit zu etwas Absolutem.
Ich höre oft: «Jeder soll sein eigenes Immunsystem trainieren.» Natürlich ist das gut! Aber was machen wir denn mit Leuten, die wirklich ein schwaches Immunsystem haben? Nehmen wir hin, dass sie einfach krank werden und sterben? Ich kenne mittlerweile viele, die wirklich schwere Verläufe hatten. Für mich wäre es das Ende der Gesellschaft, wenn man nicht mehr zu den Schwächsten schaut.

Wie hat Corona Ihren Berufsalltag verändert?
Es ist immer schwierig, eine gute Mitte zu finden, etwa bei den Gottesdiensten: das Angebot aufrechtzuerhalten und doch die Anwesenden so gut wie möglich zu schützen. Und seit einiger Zeit gibt es explizit Kirchenaustritte von Leuten, die schreiben: «Wir können die Kirche nicht mehr unterstützen, weil sie sich nicht für die diskriminierten Ungeimpften einsetzt.»

Hat die Pandemie auch etwas Gutes?
Sie ist für mich auch eine Chance, weil sie zeigt, wie stark wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Die riesige Solidarität am Anfang war etwas Wunderbares. Man spürte: Jetzt schauen die Leute füreinander. Ich hoffe immer noch, dass durch die Pandemie eine neue Sorgekultur entstehen könnte. Aber mittlerweile ist alles sehr verhärtet. Der Dialog zwischen unterschiedlich denkenden Menschen darf nicht abbrechen, sonst geht sehr viel kaputt. Es ist wichtig, immer wieder das Gespräch zu suchen und dadurch dem anderen Wertschätzung entgegenzubringen: Du bist es wert für mich, das Gegenüber zu bleiben. Aber ich weiss, dass das schwierig ist.

Daniel Winkler (54) ist Pfarrer in Riggisberg BE. Dieses Jahr hat er an Heiligabend frei und feiert mit seiner Frau und den vier Töchtern.