Nr. 50/2005 vom 15.12.2005

Die Heilige Familie?

Interview: Bettina Dyttrich, Foto: Florian Bachmann

Rolf Bossart: «Das Christentum war zunächst eine richtig ordinäre Proletensekte.»

Was bedeutet Ihnen der Advent?
Der Advent ist die Zeit der Erwartung. Gemeint ist ein konkretes Warten auf etwas, das kommen soll und kommen wird, das alles anders macht, hell und warm, auf den Retter. Advent ist die Zeit, in der man sich in diesem Denken üben kann, Wachsamkeit und Erwartung trainieren kann – als Gegensatz zur schwächeren, passiven Hoffnung, die immer erst kommt, wenn die Erwartung nicht mehr gehalten werden kann. Das ist auch das widerständige Element in der ganzen Adventskommerzialisierung.

Warum?
Weil Erwartung feststellt: Etwas fehlt, es ist an der Zeit, dass da noch etwas kommt. Das steckt immer noch drin in dieser Weihnachtszeit, deshalb vielleicht auch die Unruhe der Leute ...

Ist Weihnachten wichtig für Sie?
Ja. Ich halte Weihnachten für ein sinnvolles, logisches Fest in unserem Jahresablauf. Trotz aller Beleuchtungen schlägt die dunkle Zeit doch aufs Gemüt, und Weihnachten ist das Gegenmittel, das Fest des Lichts. Die alte Sonnenwende. Es ist aber auch ein antifamiliäres Fest.

Antifamiliär?
Von der christlichen Erzählung her ist Jesus ein uneheliches Kind, von dem man nicht einmal weiss, wie es zustande gekommen ist. Mit einem Mann, der nicht der Kindsvater ist, geht Maria in die Fremde, und sie gebärt das Kind unter widrigen Umständen, in einem kalten Stall. Und alle kommen vorbei. Es ist keine Privatheit da, es wird herumerzählt, jeder hat das Gefühl, dass er da auch noch kommen kann. Die niedrigste Klasse, die Hirten, die stinken und dreckig sind, kommen und irgendwelche dubiosen Gestalten aus dem Morgenland. Also wirklich Kreti und Pleti, das ist einfach keine Familie. Die Heilige Familie ist eine absolute Fehlstilisierung des Ganzen. Es stimmt so nicht.

Sie haben offenbar Freude an 
dieser Geschichte.
Ich finde sie noch glatt, ja. Auch wenn sie natürlich religionsgeschichtlich gesehen nur ein Versuch ist, diesem Jesus eine Ursprungsgeschichte zu geben.

Aber ein spannender Versuch. Man hätte ihn auch als Adligen verkaufen können.
Ja. Hat man aber nicht. Weil das Christentum ja erst später für die Reichen interessant wurde. Zunächst war das eine richtig ordinäre Proletensekte. Obwohl diese Idee von Jesus als König natürlich schon auch von Anfang an irgendwie dabei ist.

Es heisst, er stamme direkt vom jüdischen König David ab, weil Josef ein Nachfahre Davids war. Aber weil Josef ja nicht Jesus’ Vater ist, stimmt das eigentlich gar nicht.
David war der grösste jüdische König, Jesus muss also mindestens auch von ihm abstammen, wenn er überzeugen soll. Drunter macht er es nicht. Aber letztlich gehts bei diesen Dingen nicht um Blutsverwandtschaft, sondern um Geist. Darum ist bei der Zeugung, also bei der Verkündigung des Engels an Maria, der heilige Geist so wichtig. Geist ist das Lebendige, das eine Richtung hat, es ist die göttliche Triebkraft, die die Dinge in Bewegung setzt.

Feiern Sie Advent? Haben Sie spezielle Rituale dafür?
Hierzulande macht man so etwas ja nur, wenn noch jemand da ist, der wirklich daran glaubt. Das ist wie beim Fernsehen: Die Realityshows schaut man nur, weil es sicher andere gibt, 
die daran glauben. Nur weil es immer die dummen anderen gibt, schaut man selber, sozusagen in ihrem Namen 
und mit ihren Augen. Also feiern wir nur Advent, weil die Kinder daran 
glauben. Und man hört damit wieder auf, wenn sie das Spiel durchschaut haben.

Das läuft wirklich so: Sobald die Leute Kinder haben, müssen sie sich überlegen, was sie machen in der Weihnachtszeit.
Ja. Ich bin sehr froh darum; so merkt niemand, wenn ich mit meinen Kindern Advent oder Weihnachten feiere, dass ich selber daran glaube.

Und was machen Sie an Weihnachten?
Wir machen immer ein grosses WG-Weihnachtsfest, das ist aber aus pragmatischen Gründen nicht am 24. Dezember, weil dann fast niemand käme. Darum machen wir es eine Woche 
vorher. Wir essen zusammen, machen eine Lesung und singen.

Was lesen Sie?
Meistens schreiben wir ein Thema auf die Einladung und fordern die Leute auf, Texte zu diesem Thema mitzunehmen. Dieses Jahr ist das Thema «Texte gegen die Krise». Meistens sind wir etwa vierzig Leute.

Und die Lieder sind auch zum Thema?
Die Lieder sind ein Mix zwischen Weihnachtsliedern, Kinderliedern und sozialistischen Liedern.

Rolf Bossart, 35, ist Theologe und Vater. Er lebt mit seiner Familie in einer WG in St. Gallen.

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