Nr. 01/2022 vom 06.01.2022

Ureinwohner des Geistes

Neben seinem politisch-kulturellen Interesse hat der Verleger Klaus Wagenbach den Nonsens als Ordnungskritik hochgehalten. Erinnerungen des Schriftstellers Franz Hohler.

Von Franz Hohler

Klaus Wagenbach, hier bei einer Buchvorstellung 2010, verstand Poesie als Bindeglied zwischen der surrealen und der realen Welt. Foto: Gerhard Leber, Imago

Anfang der siebziger Jahre besuchte mich Klaus Wagenbach in unserem baufälligen Haus in Uetikon am See. Er kam aus dem Tessin und fragte mich, ob ich eine Schallplatte über die Schweiz machen könnte, so wie er eine über Österreich herausgegeben hatte. Diese Platte habe ich nicht mehr, aber es waren, wenn ich mich richtig erinnere, Jandl und Artmann drauf und dazwischen jede Menge vernichtende O-Ton-Passagen über unser Nachbarland.

Klaus Wagenbach übernachtete bei uns, und was mich an seinem Besuch am meisten beeindruckte, war, dass er keinerlei Gepäck bei sich hatte ausser seiner Zahnbürste. Er ist, dachte ich mir, einer jener Aborigines, die jederzeit aufbrechen können, ein Ureinwohner des Geistes.

In seinem «Tintenfisch», einem Jahrbuch für Literatur, das er zusammen mit Michael Krüger herausgab, hatte er 1971 drei «Idyllen» von mir abgedruckt und im Jahr danach meine Kindergeschichte «Der Granitblock im Kino», die er der Anthologie «Das grosse Lalula» von Elisabeth Borchers entnommen hatte. Das hatte mich ebenso verwundert wie erfreut, offenbar hatte es ihm die fröhliche Anarchie des Granitblocks angetan, der unverdrossen und zuversichtlich das Unmögliche versucht und dabei scheitert.

D-Mark und Earl Grey

Es war die Zeit, in der auch in Deutschland eine Handvoll Menschen das Unmögliche versuchten, nämlich einen revolutionären Umsturz. Das Scheitern war programmiert, die Morde der RAF erregten Abscheu statt Zustimmung, aber Klaus Wagenbach veröffentlichte in seinem Verlag Texte von Ulrike Meinhof und hielt nach ihrem Suizid bei ihrer Beerdigung die Grabrede.

Als ich Ende der sechziger Jahre Wolf Biermann in Ostberlin aufsuchte, um ihn für das Schweizer Radio (und auch für mich selbst) zu interviewen, fragte er mich, ob ich ihm bei einem nächsten Besuch allenfalls etwas Westgeld von seinem Verleger Wagenbach rüberbringen könne, damit er sich und vor allem seiner Freundin im Intershop ein paar Dinge kaufen könnte. Und einen guten englischen Tee. Wagenbach war sehr unkompliziert. Die 400 D-Mark legte ich in meinen linken Schuh, die Dose Earl Grey wies ich am Zoll vor, um von meinen Schuhen abzulenken.

Als ich 1977 im Theater Tribüne in Berlin mein Bühnenprogramm «Die Nachtübung» spielte, sass Wagenbach in der Premiere. Später hörte ich, wie er es einem gemeinsamen Bekannten zusammenfasste: «Am Eingang musst du ihm deinen Namen sagen, dann beginnt er mit einem Appell, und danach beleidigt er während zwei Stunden ununterbrochen die Schweiz.»

Die Zivilisations- und Militarismussatire des Stücks konnte er am einfachsten als Schweizkritik abbuchen. Die wollte er von mir ja auch auf der Platte haben, die nie zustande kam. Bei den paar Anfangsnotizen, die ich kürzlich wieder fand, hatte ich zum Beispiel einen Zeitungsartikel aufbewahrt, der sich mit den Menschen befasste, die in der Schweiz als vermisst ausgeschrieben und nie wieder aufgefunden worden waren.

Ab und zu bat er mich um Beiträge für seine Vierteljahresschrift für Kultur und Politik, «Freibeuter», oder eine Anthologie wie «Karnickel, Karnickel», die ausschliesslich dem Kaninchen gewidmet war. Dieses Nebeneinander von politisch-kulturellem Interesse und Nonsens war typisch für Wagenbach und hat mir stets gefallen. Nonsens ist als konsequente Verneinung der Realität eine Abwehrhaltung gegenüber dem Normalen, eine Ordnungskritik, und hat dadurch auch eine politische Komponente.

Bindeglied zum Surrealen

Er fragte mich auch immer wieder, ob er nicht einmal etwas von mir herausbringen könnte, aber ich wollte mit meinen Hauptwerken bei Luchterhand bleiben, zu dessen dienstältestem Autor ich inzwischen geworden bin. Als jedoch die Taschenbuchrechte an meinem ersten Erzählband, «Der Rand von Ostermundigen», wieder frei wurden, fragte ich ihn meinerseits, ob das vielleicht als Wagenbach-Taschenbuch infrage käme. Bevor er zusagte, legte er es zwei jungen Mitarbeitern zur Lektüre hin, und ich hatte Glück. Es gefiel nicht nur dem angejahrten Verleger, sondern auch den beiden jungen, und heute noch ist «Der Rand von Ostermundigen» mit einem Klee-Bild auf dem Umschlag eines der hübschesten Taschenbücher, die es von mir gibt.

Zum Fest an seinem 80.  Geburtstag brachte ich ihm einen Laib Formagella, einen Käse aus dem Maggiatal, wo ich eine Alphütte und Klaus Wagenbach ein Haus hatte. Stephan Hermlin hatte dort sein Buch «Abendlicht» geschrieben.

Als ich vor ein paar Jahren den Alice-Salomon-Poetikpreis bekam und man mich fragte, ob ich einen Wunsch für die Laudatio hätte, nannte ich ohne grosse Hoffnung Klaus Wagenbach, den immer Vielbeschäftigten, und zu meiner Rührung sagte er zu und sprach über die Poesie als unverzichtbares Bindeglied zwischen der surrealen und der realen Welt.

Einmal kam er meiner Frau und mir zufällig auf der Strasse entgegen, als wir unterwegs zur Autorenbuchhandlung am Savignyplatz waren. Wir hatten uns länger nicht gesehen, aber wir unterhielten uns, als ob wir uns jeden Tag anträfen, das hatte die Selbstverständlichkeit eines Dorfes, des grossen Dorfes Berlin.

Jetzt ist er endgültig aufgebrochen, ohne seine Zahnbürste, und das Dorf ist ärmer geworden ohne ihn.

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