Nr. 06/2022 vom 10.02.2022

Genug ist nie genug

Von Bettina Dyttrich

Was ist schlimmer als rechte Politiker:innen, die die Klimaerhitzung leugnen? Wahrscheinlich: rechte Politiker:innen, die so tun, als nähmen sie sie ernst. Mitte-Rechts versucht gerade, Links-Grün die Vorherrschaft bei den Themen Klimaschutz und erneuerbare Energien zu entreissen. Koordiniert wird dieser Plan von der PR-Agentur Furrerhugi, die Infos dazu selektiv einzelnen Medien zusteckt. Das erweckt den Eindruck, als wäre das alles ein bisschen geheim – ein bewährtes Rezept, um im Gespräch zu bleiben.

Am Anfang steht immer das gleiche Argument: Wer die Energiewende wolle, müsse doch Kompromisse machen. Könne nicht jedes Bergtal, jeden Bach unter Schutz stellen und jedem Vogel nachtrauern, der in eine Windturbine gerate. Doch dieses Argument ist so uferlos wie der Energieverbrauch im Internetzeitalter: Genug ist nie genug. Denn Kompromisse machen die Umweltschützer:innen längst: Erst im Dezember haben sich WWF und Pro Natura mit Simonetta Sommarugas Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation auf fünfzehn mögliche Wasserkraftprojekte geeinigt. Am «Runden Tisch Wasserkraft» sassen auch Vertreter der Energiewirtschaft und der Kantone; es ging um Erhöhungen von bestehenden Staumauern, aber auch um neue Stauseen.

Nur zwei Monate später soll das nicht mehr genügen – klar können SVP, FDP und die Mitte nicht mit einem Kompromiss zufrieden sein, der unter SP-Bundesrätin Sommaruga zustande gekommen ist. Auch in Biotopen von nationaler Bedeutung wollen sie Stauseen und Windturbinen bauen. Also in Gebieten, die streng geschützt sind, weil in ihnen viele Arten leben, die sonst überall unter Druck stehen. Und wenn Gletscher schmelzen, entstehen vielerorts wilde, mäandrierende Bäche, die nach heutigen Kriterien klar schutzwürdig sind. Genau dort passen aber auch Stauseen sehr gut hin.

Nun gibt es gute Gründe, das Konzept «Schutzgebiet» infrage zu stellen – allein die Tatsache, dass es sie braucht, zeigt, dass etwas nicht stimmt mit der Art, wie wir mit dem Rest der Welt umgehen. Dass Schutzgebiete allein nicht genügen, um das Artensterben zu stoppen, wird mittlerweile an jeder Biodiversitätskonferenz betont. Nur: Bei der gegenwärtigen Wirtschaftsweise wäre ohne Schutzgebiete alles noch viel schlimmer. Was ist denn der Sinn eines Schutzgebiets, wenn man darin trotzdem bauen darf? «Stellen Sie sich vor, wir würden die Biodiversität mit einer solchen Bulldozer-Mentalität vorantreiben»: So kritisiert Raimund Rodewald, der bekannteste Landschaftsschützer der Schweiz, die Ausbaupläne in einem Interview mit CH Media.

Es lohnt sich, über diesen Satz nachzudenken. Denn wie sähe sie denn aus, die Biodiversitätspolitik mit dem Bulldozer? Sie ist gar nicht möglich. Dem Biodiversitätsnotstand lässt sich nicht technisch abhelfen. Sondern sehr oft, indem man Dinge unterlässt: Strassen, Skipisten, Stauseen nicht baut, weniger Güter konsumiert, Land so nutzt, dass nicht der höchstmögliche Ertrag, sondern möglichst grosse Vielfalt entsteht. Beim Klima kann man hingegen immer noch so tun, als wäre es ein Problem, das sich rein technisch lösen lässt.

Auch Rodewald geht Kompromisse ein – mit vierzehn der fünfzehn Stauseen des «Runden Tischs» könnte er leben. Aber er stellt die naheliegende Frage: Warum beginnen wir die Energiewende nicht mit Solarzellen im Siedlungsgebiet und in Berglandschaften, die schon stark technisch verändert sind? Davon gibt es in diesem Land wirklich nicht wenige.

Seit Jahrzehnten gibt sich die Umweltbewegung Mühe, zu zeigen, dass ein gutes Leben mit viel weniger Ressourcenverbrauch möglich ist. Aber bei einem Teil der Bevölkerung stösst sie dabei auf Beton. Wer Privatauto, Ferienflug und Einfamilienhaus als absolutes Recht betrachtet, wird die Botschaft der Ausbauturbos gern hören: Euer Lebensstil ist weiterhin möglich – mit ganz viel Technik und gigantischen Mengen Strom. Mit Klimaschutz hat das allerdings nicht viel zu tun. Mit dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen – zu dem noch einiges mehr gehört als das Klima – schon gar nicht. Gut, dass es noch Leute gibt, die sich für Vögel und Bergtäler wehren.

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