Nr. 08/2022 vom 24.02.2022

Durchs wilde Ostturkestan

Ist das, was den Uigur:innen in China widerfährt, ein Ethnozid? Mit dieser Frage setzen sich zwei aktuelle Bücher auseinander – mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen.

Von Raul Zelik

Ist von Menschenrechtsverletzungen in China die Rede, bekommen Diskussionen schnell eine Schlagseite. Einerseits ist es gewiss kein Zufall, dass die Kritik an China lauter wird, seit das Land offen als Rivale im Kampf um Ressourcen und geopolitische Einflusssphären auftritt. Andererseits führt jeder Versuch, die autoritäre Entwicklung des chinesischen Staates zu relativieren, ins intellektuelle Nirgendwo. Ein chinesisches Internierungslager wird nicht dadurch harmloser, dass die USA in Guantánamo foltern.

Gleich zwei neue Bücher erheben nun den Anspruch, ein differenzierteres Bild davon zu liefern, was in der Provinz Xinjiang und mit der dort lebenden uigurischen Bevölkerung tatsächlich passiert. Der Journalist Philipp Mattheis, bis 2015 Korrespondent deutscher Medien in Schanghai, hält nicht damit hinter dem Berg, dass sein Buch «Ein Volk verschwindet» in erster Linie aufrütteln soll. Eigene Beobachtungen verschränkt er mit neueren Recherchen anderer Journalist:innen und Berichten des Londoner Uyghur Tribunal, das seit 2020 Aussagen über Menschenrechtsverletzungen dokumentiert.

Anwalt der Uigur:innen

Mattheis’ zentrale These: China betreibe einen Ethnozid an der uigurischen Bevölkerung und kombiniere dabei alle erdenklichen Instrumente – von digitalen Überwachungstechnologien und Umsiedlungsprogrammen über Lager bis hin zur systematischen Folter. Der Autor folgt dabei keinem analytischen oder chronologischen Faden, sondern springt zwischen den Perspektiven. So wird zwar die Dringlichkeit seines Anliegens deutlich, aber man versteht weder die Entwicklung des Konflikts noch die chinesische Politik wirklich besser. Anders gesagt: Ob man Mattheis’ Aussagen folgen will oder nicht, wird zur Glaubensfrage. Das Problem zeigt sich bereits in der Einleitung: «Dass sich die deutsche Wirtschaft und Politik angesichts unserer historischen Verantwortung nicht deutlicher von Zwangsarbeit, der an Euthanasie grenzenden Bevölkerungspolitik und dem Lagersystem in Xinjiang distanzieren, ist beschämend.» Das Argument erinnert daran, wie der grüne Aussenminister Joschka Fischer 1999 die Bombardierung Belgrads rechtfertigte – und kann wie damals leicht gegen den Autor gewendet werden: Weil Deutschland im 20. Jahrhundert kolonialen Völkermord und Vernichtungskriege zu verantworten hatte, muss es jetzt im Konflikt mit China die Eskalation suchen?

Sehr viel empfehlenswerter ist Björn Alpermanns Buch «Xinjiang. China und die Uiguren». Der Würzburger Sinologe legt darin einen wahren Parforceritt durch die Geschichte Ostturkestans hin, also des westlichen Teils des heutigen China. Dabei problematisiert er zunächst die von ihm selbst verwendeten Begriffe. Zwar ist auch Alpermann der Ansicht, der chinesische Staat diskriminiere die nationalen Minderheiten in Tibet und Xinjiang, doch er verweist auch darauf, dass weder China noch das uigurische Volk als eindeutig definierte historische Subjekte gelten können. In Xinjiang leben seit vielen Jahrhunderten neben Uigur:innen und Han-Chines:innen auch Kasach:innen, muslimische Han-Chines:innen und andere Sprachgruppen.

Das komplexere Bild

Auch die Diskriminierung der Uigur:innen stellt sich laut Alpermann differenzierter dar, als man vermuten könnte. So habe die chinesische Ein-Kind-Politik lange Zeit nicht für ethnische Minderheiten gegolten: «Stattdessen waren für diese Gruppen durchgängig mindestens zwei Kinder erlaubt – und selbst diese Regeln wurden oftmals nicht strikt kontrolliert.» Alpermann wartet mit vielen solchen Details auf, die das Bild komplexer machen. Das Erwachen des uigurischen Nationalbewusstseins erklärt er mit der sowjetischen Politik der 1920er Jahre, die nationale Befreiungsbewegungen in Zentralasien systematisch zu stärken suchte. Und auch die Reislamisierung der letzten Jahre ist laut Alpermann nicht so eindeutig verlaufen. Auf der einen Seite sei der Einfluss des saudischen Fundamentalismus geringer, als Peking behaupte; andererseits habe der chinesische Staat den Islam nicht nur bekämpft, sondern teilweise den Bau von Moscheen finanziert.

Alpermann hat nicht nur glänzend recherchiert, er diskutiert seine Quellen auch transparent. Auch er kommt zum Schluss, dass die Menschenrechtslage dramatisch sei: Die unterschiedlichen Elemente der chinesischen Politik liessen sich «durchaus mit dem Konzept des kulturellen Genozids beschreiben». Die Existenz von Lagern zur politischen und kulturellen Umerziehung der turksprachigen Bevölkerung hält er für eindeutig belegt. Er stellt aber die Erzählung infrage, wonach sämtliche Massnahmen chinesischer Politik als Angriffe gegen die Uigur:innen zu interpretieren seien. So habe die Zerstörung von Traditionen auch mit der chinesischen Wirtschaftspolitik zu tun, die gesellschaftliche Beziehungen überall im Land radikal verändere. Alpermanns Buch bietet so einen hervorragenden Einstieg, um einen differenzierten und auch gegenüber westlichen Perspektiven kritischen Standpunkt zur Lage in China entwickeln zu können.

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