Nr. 08/2022 vom 24.02.2022

Mut zur Lücke

Der Bundesrat hat beschlossen, mit der Planung von Reservekraftwerken zu beginnen. Dereinst könnten auf dieser Grundlage Gaskraftwerke gebaut werden, um eine angeblich drohende Stromlücke zu verhindern.

Von Lukas Tobler

Laut Scientists for Future gelangen durch Lecks bis zu sechs Prozent des transportierten Erdgases direkt in die Atmosphäre: Im Innern einer Pipeline. Foto: Paul Langrock, Keystone

Jetzt macht der Bundesrat ernst. Schon seit einigen Monaten äussern sich Politikerinnen und Interessenvertreter in den Medien zum möglichen Bau von grossen Gaskraftwerken. Es wären die ersten in der Schweiz. Letzte Woche hat der Bundesrat den Grundstein dafür gelegt. Er beschloss, die notwendigen Bestimmungen für den Bau von zwei bis drei solchen Kraftwerken zu erarbeiten. Ist das der erste Schritt in Richtung einer Zukunft mit Gaskraft?

Nils Epprecht, der Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung, gibt sich gelassen. «Eine Planung zu beschliessen, ist nicht das Gleiche wie der tatsächliche Bau eines Gaskraftwerks», sagt er. Es stimme, dass es Unsicherheiten in Bezug auf die Energieversorgung gebe. «Aber die weitere Entwicklung ist derzeit noch mit vielen Unsicherheiten verbunden», so Epprecht. Wenn der jetzige Beschluss dazu beitragen könne, die Angst vor einem Blackout zu mindern, könne das durchaus sinnvoll sein. Epprecht sagt aber auch: «Einen Bedeutungsgewinn der Gaskraft müssen wir um jeden Preis verhindern.»

Auf die Barrikaden

Das sehen nicht alle so. Bereits hat SVP-Nationalrat Christian Imark vorausgesagt, dass allfällige neue Gaskraftwerke das ganze Jahr über in Betrieb sein würden. FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen machte dieselbe Prognose: Spätestens wenn alle Atomkraftwerke ausser Betrieb seien, werde die Gaskraft unverzichtbar sein.

Die Vertreter:innen einer rückwärtsgewandten Energiepolitik wittern Morgenluft. Und machen damit den Beschluss, mit der Planung von Reservekraftwerken zu beginnen, zu einem Richtungsentscheid. Auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse fordert die Förderung von Gaskraftwerken. Und behauptet, dass das nicht im Widerspruch zum Netto-null-Ziel stehe, sofern ihre Emissionen kompensiert würden.

Der hiesige Diskurs steht nicht für sich allein. Die EU-Kommission stuft Gaskraft als nachhaltig ein. In der Schweiz weibeln Interessenverbände wie Economiesuisse für die fossile Energie als gangbaren Weg für die Zukunft. Gas birgt ein Versprechen: dass in Zukunft womöglich trotz Klimawandel weder Wirtschaft noch Konsum eingeschränkt werden müssen. Auch der Bundesrat spricht davon, dass die vorgeschlagenen Reservekraftwerke CO2-neutral betrieben werden sollen. Konkret heisst das, dass ihre Emissionen mithilfe von Investitionen in Klimaschutzmassnahmen kompensiert würden.

Es ist ein falsches Versprechen. Solche Investition können auch getätigt werden, ohne dass man dafür ein Gaskraftwerk bauen müsste. Das Problem sei zudem, dass bei der Gaskraft meist nur die CO2-Emissionen berücksichtigt würden, die bei der Stromproduktion im Kraftwerk anfielen, sagt die Klimastreik-Aktivistin Annika Lutzke. Diese sind bei Gaskraftwerken im Vergleich zu Öl- oder Kohlekraftwerken tiefer. Das Ausmass der Zerstörung, die Gaskraft verursacht, werde deshalb unterschätzt, so Lutzke. «Ganze Regionen und Lebensräume werden für das Fracking von Erdgas zerstört.» Und weil Erdgas auch verflüssigt werden kann, sind der Förderung anders als früher heute keine geografischen Grenzen mehr gesetzt – sie bedingt keinen Pipelineanschluss mehr. Hinzu kommen sogenannte Leakages beim Transport und bei der Lagerung in den Pipelines. Laut den Wissenschaftler:innen von Scientists for Future gelangen durch solche Lecks bis zu sechs Prozent des transportierten Erdgases direkt in die Atmosphäre. Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan, das in den ersten zwanzig Jahren nach seinem Austreten mehr als achtzigmal schädlicher ist als CO2.

Der Klimastreik geht deswegen gegen die geplanten Reservekraftwerke auf die Barrikaden. «Wir werden den Bau dieser Kraftwerke mit allen Mitteln verhindern», kündigen die Aktivist:innen in einer Medienmitteilung an. Heute noch Geld in Gaskraft zu investieren, sei irrsinnig, sagt Lutzke. Auch sie sieht darin einen Richtungsentscheid. «Es geht um die Frage, wie wir mit Energie umgehen – und ob wir bereit sind, einen Umgang damit zu finden, der mit einer nachhaltigen Gesellschaft vereinbar ist.»

Anlass für den Aktionismus des Bundesrats ist ein Bericht der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom), der im letzten Oktober veröffentlicht wurde. Die Elcom prüft darin die Stromversorgungssicherheit der Schweiz im Jahr 2025 – und kommt zum Schluss, dass diese nicht unbedingt gewährleistet werden könne. Nicht, weil das Atomkraftwerk Mühleberg inzwischen stillgelegt wurde, und auch nicht, weil ein weiter reichender Ausstieg aus der Atomenergie unmittelbar bevorstehen würde, sondern vor allem, weil die Verhandlungen über das Rahmenabkommen mit der EU gescheitert sind.

Die Schweiz hat als Drittstaat auf dem europäischen Strommarkt gemäss der Elcom schon heute einen schwierigen Stand. 2025 dürfte sich die Situation weiter verschärfen. Dann treten in der EU neue Vorschriften für Netzbetreiber in Kraft: Sie müssen dann voraussichtlich siebzig Prozent ihrer Kapazitäten für den Handel innerhalb der EU freihalten. Der Export in die Schweiz wäre davon ausgenommen – sofern bis dahin kein entsprechendes Stromabkommen abgeschlossen wird. Und das würde den hiesigen Stromimport gefährden, schlussfolgert die Elcom. Wobei diese Siebzigprozentregel unterschiedlich interpretiert und bis 2025 auch noch angepasst werden könne.

47 Stunden

Trotzdem ist sie wichtiger Bestandteil eines hypothetischen Szenarios, das die Elcom in ihrem Bericht entwirft. Wenn im Winter 2025 gleichzeitig beide Reaktoren des Atomkraftwerks Beznau sowie ein Drittel aller französischen Atomkraftwerke nicht verfügbar wären, keine neuen Kooperationen zwischen der Schweiz und der EU geschlossen würden und die Siebzigprozentregel tatsächlich so in Kraft treten würde, dann könnte womöglich jeweils am Ende des Winters im März der Strombedarf nicht mehr gedeckt werden – während 47 Stunden.

Darum geht es, wenn derzeit über die drohende Stromlücke gesprochen wird; wenn die Ratsrechte der Energiestrategie des Bundes unterstellt, sie sei gescheitert; und wenn der Bundesrat von drohenden «ausserordentlichen Knappheitssituationen» spricht.

Das Szenario soll nicht nur mithilfe von Gaskraftwerken verhindert werden. Der Bundesrat will zudem eine Wasserkraftreserve einrichten. Konkret soll der Bund ein Speicherkraftwerk dafür entschädigen, eine gewisse Menge Wasser zurückzuhalten, das in Notfällen für die Stromproduktion zur Verfügung stehen soll. Ausserdem wurden vergangene Woche Massnahmen zur Steigerung der Stromeffizienz ergriffen: So soll etwa der Ersatz von Elektroheizungen stärker finanziell gefördert werden. Diese beiden Bestandteile des Massnahmenpakets sind weitgehend unumstritten.

Ausschliesslich für Notsituationen

Wie die Gaskraftwerke dereinst aussehen sollen, ist noch weitgehend unklar. Aber der Bundesrat stützt sich auch hierfür wieder auf die Elcom, die für ihn das Konzept «Spitzenlast-Gaskraftwerk» erarbeitet hat. Sie rechnet darin mit Investitionskosten von bis zu 900 Millionen Franken.

Die Elcom schlägt den Bau von zwei bis drei Gaskraftwerken vor. Sie sollen nicht in den Strommarkt integriert werden, sondern ausschliesslich in einer Notsituation zum Einsatz kommen. Im besten Fall also nie. Die Kommission schlägt zu diesem Zweck den Bau von Gasturbinenkraftwerken vor. Ihr Wirkungsgrad liegt deutlich unter demjenigen von ebenfalls geprüften Gaskombikraftwerken. Dafür sind Turbokraftwerke reaktionsfähiger und billiger im Bau.

Aus Sicht des WWF Schweiz sind Gaskraftwerke die falsche Wahl. Wer trotzdem darauf setze, fahre mit den sogenannten «Gaspeakern» besser, sagt Elmar Grosse Ruse, Energieexperte beim WWF Schweiz. «Fällt die Entscheidung auf solche Gasturbinenkraftwerke, spricht das sehr dafür, dass sie wirklich nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kämen – und dann besonders schnell Strom produzieren könnten», sagt er. Sie sind für den vorgesehenen Einsatzzweck also besser geeignet als effizientere Alternativen. «Es geht jedoch auch ganz ohne Gaskraftwerke», sagt Grosse Ruse.

Eine Garantie dafür, dass der jetzige Entscheid nicht zum Einfallstor der Gaskraft wird, gibt es aber nicht. Auch die Elcom schreibt in ihrem Konzept, dass die vorgeschlagenen Gasturbinenkraftwerke einfach zu effizienteren Gaskombikraftwerken nachgerüstet werden könnten, sollten sie öfter eingesetzt werden müssen.

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