«Wälder sind viel widerstandsfähiger, als wir zuerst dachten.» Kann der Wald die Erde retten?

Nr. 2 -

Illustration: Franziska Meyer

WOZ: Jaboury Ghazoul, Bäume und Wälder strahlen in Kunst, Literatur und Film oft etwas Mystisches aus, in den Gemälden von Caspar David Friedrich etwa, in J. R. R. Tolkiens «Lord of the Rings» oder im Film «Avatar». Warum?
Jaboury Ghazoul: Bäume gehören schon seit Jahrtausenden zur Kultur der Menschen, seit den Zeiten des babylonischen Epos «Gilgamesch» 2100 vor Christus. Die grossen Wälder galten als wild, geheimnisvoll, sogar gefährlich – dort lebten die mystischen Bestien, von dort kamen auch viele der Götter. Gleichzeitig ist da dieses Paradox: Auf der einen Seite werden Wälder verehrt und als heilige und mystische Stätten betrachtet, andererseits nutzt und beutet man sie aus, zerstört sie oft regelrecht. Das «Gilgamesch»-Epos verweist auf die weiten Zedernwälder des Libanon, die bereits vor Tausenden von Jahren fast vollständig gerodet wurden.

Wurde dieses Paradox nie hinterfragt?
Die Menschen haben Wälder stets als unverwüstlich betrachtet. Bäume werden gefällt, aber sie schlagen wieder aus und wachsen. Wälder werden niedergebrannt und kommen doch zurück. Da ist dieses Gespür für den materiellen, den natürlichen Kreislauf, das Vertrauen darauf, dass sich die Natur erholt – ein zentraler Aspekt in vielen Kulturen und manchen Religionen.

Dieses Vertrauen dürfte mit dem Bericht des Club of Rome von 1972 ziemlich Risse bekommen haben.
Und ob. Seit den Siebzigern und noch bis weit in die neunziger Jahre hinein galten Wälder, vor allem die Regenwälder, plötzlich als unglaublich fragil. Man war überzeugt: Stört man diese Wälder oder holzt sie ab, bricht das ganze Ökosystem zusammen. Aber das war eine Mär. Mittlerweile wissen wir, dass das nicht passiert. Wälder sind viel widerstandsfähiger, als wir zuerst dachten. Wir können sie abbauen und sogar in grösserem Ausmass stören – und doch vermögen sie oft, sich ziemlich rasch wieder zu erholen.

Was ist mit dem «Waldsterben», das in den achtziger Jahren begann, und den Waldbränden, die in den letzten Jahren immer intensiver in Kalifornien oder auch in Griechenland und Italien wüten? Kann sich der Wald auch angesichts wachsender Umweltverschmutzung und Klimaerhitzung noch erholen?
Grundsätzlich ja, aber es gibt dabei zwei Probleme. Erstens wird ein derart degradierter oder gar zerstörter Wald in ziemlich anderer Struktur und Zusammensetzung nachwachsen. Zweitens tut er dies nur, wenn man ihm auch die Gelegenheit dazu gibt. Aktuell werden Wälder immer häufiger gestört, und die Bäume vermögen dem auch aufgrund des Klimawandels zunehmend schlechter standzuhalten. Ein Wald kann sich zwar rasch von einem Feuer erholen, aber wenn er, angefacht von der Klimaerhitzung, die grosse Trockenheiten mit sich bringen kann, immer häufiger brennt, wird es für ihn extrem schwierig, sich zu erholen.

Die Regenwälder horten noch immer gut zwei Drittel des globalen Kohlenstoffs und der Biodiversität. Kürzlich hat eine Studie aus Lateinamerika gezeigt, dass sie sich rasch erholen können, und das ganz ohne menschliche Intervention. Könnten wir den Planeten retten, indem wir die Tropenwälder wachsen lassen?
Wenn wir Wälder wachsen und sich erholen lassen, trägt das sicher dazu bei, die Erde zu retten. Zumindest unternehmen wir damit etwas gegen die zahlreichen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, namentlich den Klimawandel oder den Verlust an Biodiversität. Aber es ist keinesfalls die ganze Lösung, sondern höchstens ein Teil davon. Viel wichtiger ist es, die Treibhausgasemissionen grundsätzlich zu reduzieren. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass es andere Sichtweisen gibt, die der Idee, mehr Bäume zu pflanzen und Wälder zu expandieren, nicht so viel abgewinnen können.

Was für andere Sichtweisen?
Wir sitzen hier in der Schweiz, verfügen über genug Nahrungsmittel und Energie und können jederzeit all die Güter importieren, die wir für einen gesunden Lebensstil brauchen. In einem Dorf irgendwo auf dem Land in Asien, Afrika oder Lateinamerika hingegen sind viele dieser Güter des täglichen Bedarfs nicht ohne Weiteres erhältlich. Dort benötigen die Menschen Zugang zu Land, um Nutzpflanzen für sich selbst anzubauen oder um diese zu verkaufen, damit sie ihre Kinder zur Schule schicken können. Naturschutz oder Aufforstung gehören da nicht zur obersten Priorität.

Einverstanden. Kleinbäuer:innen in Brasilien oder Indonesien sind aber gar nicht Teil des Problems; es sind die Grosskonzerne, die den Urwald grossflächig zerstören und stattdessen riesige Monokulturen für den Export anlegen. Würden Kleinbäuer:innen nicht sogar davon profitieren, wenn sich die Regenwälder erholen dürfen – umso mehr, als dies offenbar sehr rasch geschehen kann?
Ja, der Wald regeneriert sich rasch – zumindest tun dies einzelne seiner Attribute wie der Boden oder die Baumdichte, und zwar innerhalb von nur zwanzig Jahren. Andere Aspekte hingegen brauchen Jahrzehnte für die Regeneration, darunter gerade solche, die uns sehr wichtig sind: die Biodiversität und die Biomasse, also der Kohlenstoff, den ein Wald speichert. Ausserdem wächst ein ganz anderer Wald nach als jener, der ursprünglich dastand.

Was ist anders im Vergleich zum ursprünglichen Wald?
Ein unberührter Tropenwald besitzt eine hohe Baumkronenschicht. Sie wird durch all jene Bäume gebildet, die zwischen vierzig und sechzig Metern hoch sind. In manchen Urwäldern ragen einzelne Bäume auch über diese Baumkronenschicht hinaus. In Südostasien, wo ich die meisten Erfahrungen gesammelt habe, werden sie bis zu achtzig Meter hoch. Der Grossteil der Biodiversität ist in der Baumkronenschicht versammelt, weil dort auch das Licht eindringt. Das Untergehölz hingegen ist ziemlich leer, weil im Schatten der dichten Baumkronen nur wenige Pflanzen überleben und wachsen. Man kann sich unter einem ursprünglichen Regenwalddach also ziemlich ungehindert bewegen. Und praktisch jeder Baum, auf den man dabei stösst, gehört zu einer andern Art. Auf einer einzigen Hektare Regenwald finden sich 200 bis 300 verschiedene Baumarten. In einem europäischen Wald sind es kaum deren zehn.

Und im nachwachsenden Tropenwald?
Dort ist die Baumkronenschicht viel dünner, dafür stehen die Bäume viel näher beieinander, und das Untergehölz ist insgesamt dichter, sodass man sich nur mit Mühe fortbewegen kann. Ausserdem trifft man immer wieder auf dieselben Baumarten, ein sekundärer Tropenwald ist viel weniger reichhaltig und divers. Das gilt auch für die Tiere und Insekten, die darin leben – es sind meist verbreitete Arten, Spezialisten finden sich kaum unter ihnen.

Bedeutet das auch, dass ein sekundärer Tropenwald weniger widerstandsfähig ist?
Das würde ich nicht sagen – aber es kommt natürlich darauf an, wie man «widerstandsfähig» definiert. In Bezug auf die Regenerationsfähigkeit der Biodiversität trifft es sicher zu, diese braucht viel mehr Zeit, um sich zu erholen. Betrachtet man die Akkumulation der Biomasse in diesen Wäldern, dann lautet die Antwort nein. Sie haben das Potenzial, ziemlich rasch wieder relativ grosse Mengen an Kohlenstoff zu speichern, weil viele der jungen Bäume rasch und dicht wachsen. Denn die dünnere und lichtere Baumkronenschicht lässt genug Licht bis ins Untergehölz vordringen.

Was für Bedingungen braucht es, damit ein sekundärer Tropenwald optimal wachsen kann?
Diese Frage lässt sich schwer beantworten, weil es so viele unterschiedliche Formen von tropischen Wäldern gibt, die unter verschiedenen Bedingungen wachsen. Vereinfacht gesagt: Ein klassischer Regenwald hat dort, wo er steht, schon Millionen von Jahren existiert. Im Lauf der Zeit wurde der Boden immer nährstoffärmer und ausgelaugter. Ein tropischer Wald wächst also typischerweise auf sehr schlechtem, unfruchtbarem Boden.

Wie kann ein unfruchtbarer Boden eine so immense Vielfalt an Bäumen sowie anderen Pflanzen und Tieren erhalten?
Die Nährstoffe, die die Bäume für ihr Wachstum und ihre Gesundheit brauchen, sind in ihnen selbst respektive in der Vegetation gebunden. Stirbt ein Baum, werden diese Nährstoffe freigegeben. Doch weil im Boden ein unglaublicher Reichtum an Pilzen und Mikrobiota herrscht, werden diese Nährstoffe und das Pflanzenmaterial extrem schnell zersetzt und ebenso rasch wieder von anderen Bäumen in der Umgebung aufgenommen. Regenwaldbäume sind äusserst effizient im Auffinden von Nährstoffen und im Plündern der Böden. Das müssen sie auch sein, weil sie auf den schlechten Böden sonst sterben würden. Und so werden die Nährstoffe zwar durch den Boden rezykliert, bleiben aber nur sehr kurzfristig dort verfügbar, weil sie gleich wieder von den umstehenden Bäumen aufgenommen und für das eigene Wachstum gebraucht werden.

Aber wie kann ein sekundärer Tropenwald auf solch unfruchtbarem Boden überhaupt entstehen?
Wenn man einen Regenwald verbrennt oder anderweitig zerstört, werden all die in den Bäumen gespeicherten Nährstoffe in den Boden abgegeben. Und weil es keine Pflanzen mehr gibt, die diese aufnehmen könnten, bereichern sie den Boden und machen ihn wieder fruchtbar. So können neue Baumarten darin wachsen, Bäume, die nur auf solch fruchtbaren Böden gedeihen. Wir nennen sie Pionierbäume, weil sie in den ersten Phasen der Erholung wachsen – und zwar sehr rasch, da sie so viele Nährstoffe im Boden und genügend Licht zum Wachsen vorfinden.

Könnten auch die riesigen brasilianischen Sojafelder oder die Palmölplantagen Indonesiens in solche Tropenwälder zurückverwandelt werden?
Das könnten sie, ja. Aber es würde sehr lange dauern, wenn man die Felder und die Plantagen einfach aufgäbe und sich selbst überliesse. Dann würden Samen aus Bäumen oder Waldflecken der Umgebung auf dem verlassenen Gebiet Wurzeln schlagen und wachsen. In ihrem Schatten würden die verbliebenen Ölpalmen und Sojapflanzen eingehen, weil ihnen das Licht fehlt. Innerhalb von zwanzig Jahren wären sie wohl verschwunden. Danach tragen Wind und Tiere immer mehr Samen in das Gebiet, und zu den Pionierbäumen gesellen sich neue, langlebigere Baumarten. Ihnen macht Schatten nichts aus, aber sie wachsen viel langsamer. Irgendwann sind aber auch sie so gross, dass es unter ihrem Blätterdach für die Pionierbäume zu dunkel wird und diese absterben. Das ist der Moment, in dem dann die typischen Regenwaldbäume zurückkommen und der Wald wieder mehr wie ein ursprünglicher Tropenwald auszusehen beginnt. Aber dieser Prozess dauert mindestens 100 bis 150 Jahre.

Könnte dieser Prozess beschleunigt werden?
Ja, indem man selber Bäume pflanzt und aktiv aufforstet. Das Problem ist, dass das sehr teuer ist. Man muss die gepflanzten Bäume über lange Zeit hinweg hegen und pflegen, vor Feuer schützen und das Gebiet abriegeln, damit niemand reinkommt und den Wald wieder rodet. Es gibt viele Beispiele für Aufforstungsprojekte, in Costa Rica etwa, wo nach einer Periode von zwanzig Jahren, in der man die Bäume hat wachsen lassen, Menschen sukzessive in das Gebiet eingedrungen sind, den Wald wieder gerodet und in Ackerland zurückverwandelt haben. Es geht also nicht nur darum, Bäume zu pflanzen – die ganze Landschaft muss auch über vierzig oder fünfzig Jahre hinweg verwaltet werden.

Ausserhalb der Tropen gibt es einige sehr vielversprechende Aufforstungsprojekte, die grosses Potenzial besitzen, die Klimaerhitzung abzumildern: Im Rahmen des Grain-for-Green-Programms in China etwa konnte die Waldfläche in Südchina seit dem Jahr 2000 fast verdoppelt werden. Dadurch wurde eine Kohlenstoffsenke geschaffen, die fast ein Drittel der regionalen jährlichen CO2-Emissionen kompensiert. Und Studien für die Nordwestküste Amerikas rechnen vor, dass mit einer Verlängerung der Abholzzyklen die Nettokohlenstoffbilanz des Ökosystems bis ins Jahr 2100 um über fünfzig Prozent verbessert werden könnte.
Das ist tatsächlich eindrücklich. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, solche Szenarien nicht aufzublähen oder überzubewerten. Der eine Grund ist: Sie mögen dort erfolgreich sein, wo das Land der öffentlichen Hand gehört oder in Privatbesitz ist und damit unkompliziert und ohne langwierige Verhandlungen mit diversen Interessengruppen über seine Verwendung entschieden werden kann. Und wo auch die notwendigen Technologien und Finanzen dafür vorhanden sind. In den Tropen ist die Situation aber oft viel komplexer. Nicht nur, weil das Land, das aufgeforstet werden soll, von den unterschiedlichsten Menschen benutzt wird und indigene Gemeinschaften ihre historisch-traditionellen Bewirtschaftungsformen weiter pflegen wollen. Oft ist auch unklar, wem der Boden überhaupt gehört. Da gibt es also zahlreiche Debatten darüber, was mit dem Land geschehen soll, weil die Interessen so unterschiedlich und auch die Finanzierungskapazitäten so beschränkt sind.

Und was ist der andere Haken?
Man findet viele Studien, die zeigen, wie man mit spezifischen Aufforstungssystemen eine Menge Kohlenstoff binden und der Wald so zur Kohlenstoffsenke werden kann. Das wird auch gar nicht angezweifelt. Umstritten ist hingegen, ob und wie man anhand von solch kleinen Studien das Ausmass an Kohlenstoffbindung hochrechnen kann, das global nötig ist.

Es gibt auch Studien, die aus einer globalen Perspektive argumentieren: Würde die Abholzung weltweit gestoppt, aufgegebenes Ackerland aufgeforstet und liesse man Sekundärwälder ungestört wachsen, könnten die Wälder der Erde so viel Kohlenstoff speichern, dass sie damit bis zu vierzig Prozent des aktuellen globalen CO2-Ausstosses kompensierten.
Vorsicht mit diesen Studien! Sie basieren auf höchst ungewissen Annahmen. Ausserdem gehen sie von einem komplett unrealistischen Resultat aus, weil es viel ausgedehntere Landflächen beanspruchte, als praktisch zur Verfügung stehen. Dies würde zu vielen Konflikten mit lokalen Gemeinschaften und konkurrierenden Bedürfnissen wie Ackerbau, Holzwirtschaft oder Naturschutz führen. Akademiker – ich inbegriffen – machen immer wieder solch weitreichende Pauschalisierungen über das Potenzial zur Kohlenstoffbindung, das in einer weltweiten Aufforstung liegt. Aber das wird nicht geschehen. Es ist nicht realistisch. Und wir sollten uns davor hüten, den Eindruck zu erwecken, wir würden solch hochgradig unrealistische Szenarien unterstützen.

Warum?
Erstens, weil es vielen Menschen schaden würde, die in und von diesem Land leben, das aufgeforstet werden soll. Natürlich liebe ich es als Waldökologe, über Wälder und Bäume zu reden – und gleichzeitig weiss ich wohl, dass wir uns nicht darauf beschränken dürfen. Wälder sind nicht die Antwort auf all unsere Umwelt- und Klimaprobleme. Sicher leisten sie ihren Beitrag, aber wir müssen sie auch im Kontext all der anderen gesellschaftlichen Bedürfnisse betrachten, die mit Land verbunden sind. Um unsere eigene Arbeit ins Rampenlicht zu stellen, suchen wir Akademiker gerne nach Schlagzeilen für spezifische Lösungen wie etwa Bäume pflanzen – aber solche Statistiken können auch sehr in die Irre führen.

Inwiefern führen sie in die Irre?
In letzter Zeit wird immer wieder diskutiert, wie Bäume und Aufforstungen den Planeten retten könnten. Doch das stimmt einfach nicht, zumindest nicht in dieser Absolutheit. Und trotzdem gehen jetzt viele Leute Bäume pflanzen und geben eine Menge Geld dafür aus. Natürlich ist das toll, aber es wird unsere Probleme nicht lösen. Dazu brauchen wir eine viel breiter gefächerte Strategie. Meiner Meinung nach lenkt all dieses Bäumepflanzen von den Dingen ab, die wir viel dringender in Angriff nehmen sollten – an erster Stelle: Treibhausgasemissionen reduzieren.

Jaboury Ghazoul Foto: Alessandro Della Bella

Bäume pflanzen ist bloss eine Ablenkung?
Ja, insofern als es uns davon ablenkt zu tun, was wir eigentlich sollten: Wir sollten Land zur Sicherung vieler Bedürfnisse verwalten – inklusive Ackerbau, aber auch Biodiversität, Bindung von Kohlenstoff und Wasserressourcen. Vor allem sollten wir uns bewusst sein, worauf es ankommt, wenn wir Klimawandel und Biodiversitätsverlust bekämpfen wollen: Wir müssen über unser Konsumverhalten nachdenken, über unseren Erdölverbrauch und darüber, wie weit wir recyceln und eine Kreislaufbiowirtschaft aufbauen können und wie wir Energie generieren. Dazu trägt das Wachstum von Wäldern trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, die es erhält, bestenfalls einen kleinen Teil bei.