Nr. 14/2022 vom 07.04.2022

Zurücklehnen mit der Swisscom

Von Bettina Dyttrich

Jetzt klimaneutral telefonieren, Serien schauen und gamen! Das verspricht die Swisscom in ihrer aktuellen Werbung. Wer sich dafür interessiert, kann sich auf der Website einlesen: über den Strommix, die Heizungen, Papiersparen, Geräterecycling – daran ist nichts auszusetzen. Dort, wo es um die Zusammenarbeit «mit ausgewählten Kompensationspartnern» geht, wird die Site ziemlich vage. Doch mehr als die ganze Dokumentation sagt das zufriedene Zurücklehnen der Serienkonsumentin im Werbevideo: Ich darf ja jetzt. Es ist ja jetzt klimaneutral.

Selten wurde der sogenannte Reboundeffekt so schön illustriert wie in diesen wenigen Sekunden. Schon lange ist bekannt, dass Energieeffizienz oft nicht zu Energiesparen führt: Wer Strom spart, spart auch Geld und kann dieses für andere Dinge ausgeben, die auch wieder Energie brauchen. Oder im Fall der «klimaneutralen» Serien: Wer kein schlechtes Gewissen mehr hat, gönnt sich mehr. Und sorgt dafür, dass der Verbrauch – und damit die Verschmutzung – weiter zunimmt.

Es geht gar nicht mehr so sehr darum, wie seriös einzelne «Kompensationspartner» sind: Das Kompensieren als Ganzes hat ein unseriöses Ausmass angenommen. Es nährt die bequeme Illusion, der Dreck des heutigen Lebensstils sei aus der Welt zu schaffen, indem man irgendwo Bäume pflanzt. Doch das Land, auf dem das in diesem Ausmass umwelt- und sozialverträglich möglich wäre, gibt es nicht. Einmal abgesehen davon, dass das CO₂ in Wäldern, die immer öfter vertrocknen oder Feuer fangen, alles andere als sicher gespeichert ist. Auch andere Kompensationsarten, etwa das Ersetzen von Kohlekraftwerken im Globalen Süden, haben Grenzen: Die ganze Welt muss auf netto null CO₂. Da gibt es kein Ausland mehr, in dem man kompensieren kann.

Oft wird das Kompensieren als Ablasshandel bezeichnet. Das Wort passt nicht, denn es geht hier nicht um Sünden (die man sehr unterschiedlich definieren kann), sondern um CO₂-Ausstoss, einen konkreten chemischen Vorgang. Und man tut so, als gäbe es ihn nicht. Dafür gibt es ein besseres Wort: Selbstbetrug.

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