Nr. 15/2022 vom 14.04.2022

Er rappt, tänzelt – und siegt

Christian Smalls ist das Gesicht der neu gegründeten Amazon Labor Union in New York: Er verbindet Selbstinszenierung mit gewerkschaftlicher Basisarbeit und Black Lives Matter mit Klassenkampf. Der WOZ erzählte er, wer sein grosses Vorbild ist.

Von Lukas Hermsmeier, New York

Mit Held:innen ist es so eine Sache. Manchmal scheint es, als bräuchten wir sie, um nicht im Alltag zu versumpfen. Für die Moral, und wenn nicht als Vorbilder, dann wenigstens zur Unterhaltung. Anders betrachtet, droht mit jeder Held:innengeschichte immer auch Stillstand, denn in der Idee des individualisierten Durch-die-Welt-Kämpfens löst sich ja gerne die notwendige Komplexität und Kollektivität auf, die es für wirkliche Veränderungen braucht. Klingt vielleicht etwas entrückt, dieses Problem. Aber es spielt eine Rolle, wenn es darum geht, wie man Politik denkt und erzählt.

Christian Smalls sticht sofort heraus. Seine Kleidung, sein Auftreten, seine Show. Der 34-Jährige trägt an diesem sonnigen Freitagnachmittag eine fette Sonnenbrille zum schwarz-weissen Jogginganzug, dazu eine Goldkette und einen Durag, so heissen die im Nacken zusammengebundenen Kopftücher, die man von Rappern kennt. Wenn Smalls lächelt, sieht man seine goldenen Grillz, Schmuck auf den Zähnen. Er schlendert zum Pult, wo mehrere Mikrofone aufgestellt sind. Alle Augen auf ihn, er kennt das schon. Und dann sagt er einen ersten Satz, mit dem er die Rolle des Helden gleichzeitig annimmt und ablehnt, mit dem er sich selbst in Szene setzt, aber nicht auf Kosten der anderen, sondern in ihrem Sinne.

«Das ist keine Ein-Mann-Pressekonferenz», sagt Smalls. «Diese Pressekonferenz gehört den Arbeiter:innen.»

Ein historisches Ereignis

Wir befinden uns in Staten Island, dem südlichsten der fünf Stadtbezirke von New York City, der manchmal vergessen wird. Rund eine halbe Million Menschen wohnen hier, bei Wahlen gewinnen meist die Republikaner:innen. Im Westen der Insel, mitten in einem Sumpfgebiet, hat sich das Unternehmen Amazon niedergelassen. Im Zentrum des Areals steht ein gigantisches Gebäude mit grau-weisser Fassade, das den Namen JFK8 trägt. Es ist seit zwei Wochen das wohl bekannteste Warenlager der Welt. 2654 Beschäftigte – und damit die relative Mehrheit – stimmten in einer Abstimmung Ende März für eine Gewerkschaft. Ein historisches Ergebnis, weil es in den USA, wo der 1994 gegründete Konzern über eine Million Angestellte hat, bis dahin keinen einzigen Standort mit gewerkschaftlicher Vertretung gab.

Angetrieben wurde die Initiative von Smalls, der jahrelang für Amazon arbeitete und im Laufe der Zeit feststellte, dass sein Einsatz in diesem Unternehmen nicht nach oben führt, dass Courage nicht belohnt, sondern bestraft wird. Als die Pandemie anfing und den Arbeiter:innen von Amazon weder Schutzkleidung noch bezahlte Quarantäne angeboten wurden, organisierte Smalls eine Protestaktion vor dem Gebäude. Um die Medien herzulocken, hatte er ihnen erzählt, dass sich Hunderte am Streik beteiligen würden. Stimmte zwar nicht, aber die Aufmerksamkeit für die Arbeitsbedingungen war nun da. Kurz darauf wurde Smalls von Amazon entlassen. Die Unternehmensführung versuchte, ihn fortan zu diskreditieren, er sei «nicht schlau oder wortgewandt», hiess es in einem E-Mail – eine Beleidigung, die Smalls erst recht zur Rebellion motiviert habe.

Im April 2021 gründete Smalls zusammen mit seinem Kumpel Derrick Palmer, der bis heute im Warenlager arbeitet, die Amazon Labor Union (ALU). Erst waren es nur die beiden, doch die Gruppe wuchs schnell. Innerhalb des Gebäudes führten sie unzählige Gespräche mit den Beschäftigten, veranstalteten Mittagessen und störten die von Amazon anberaumten Versammlungen, um die verzerrten Statements des Unternehmens über Gewerkschaften zu korrigieren. Ausserhalb des Warenlagers, an einer Bushaltestelle, schmissen sie kleine Grillpartys und gaben Interviews. Die Organisator:innen trafen sich regelmässig an verschiedenen Orten in Manhattan und Brooklyn, wo Telefonlisten abgearbeitet und politische Organisationen kontaktiert wurden. Zahlreiche Leute haben sich in den vergangenen Monaten gezielt einen Job im Warenlager JFK8 gesucht, um bei der Kampagne zu helfen – «salting» nennt sich diese Strategie. All der Einsatz sollte sich lohnen: Das Magazin «Jacobin» sprach nach der Abstimmung vom «wichtigsten erfolgreichen Arbeitskampf seit den 1930er Jahren».

Der Sieg der ALU ist gleich auf mehreren Ebenen von ausserordentlicher Bedeutung. Erstens zeigt er, dass man auch gegen einen globalen Riesen wie Amazon – der für seine miserablen Arbeitsbedingungen bekannt ist, jährlich mehrere Millionen Dollar in die Bekämpfung von Gewerkschaften investiert und dabei von der enormen Fluktuation profitiert – etwas ausrichten kann. Amazon-Arbeiter:innen auf der ganzen Welt schöpfen nun Hoffnung, die ALU steht bereits in Kontakt mit über hundert Standorten.

Zweitens wurde durch die Kampagne deutlich, dass Gewerkschaften vor allem dann erfolgreich sind, wenn sie von den Arbeiter:innen selbst geführt werden und nicht von aussenstehenden Funktionär:innen. Eine Botschaft, die auch in Europa Resonanz finden könnte, wo Gewerkschaften oft verstaubte, strukturkonservative Apparate sind.

Und drittens wäre da noch die Person Smalls selbst. Ein junger Vater und ehemaliger Rapper, der die Ich-Inszenierung beherrscht, aber im Kollektiv denkt, der sich der Gewerkschaftsarbeit genauso wie Black Lives Matter verbunden fühlt, in einem Nichtdualismus, von dem so manche Linke etwas lernen könnten.

Die Klasse der Systemrelevanten

Smalls wuchs in Hackensack, einer kleinen Stadt in New Jersey, auf. Seine alleinerziehende Mutter, die in einem Krankenhaus in Manhattan arbeitet, ist bis heute sein Vorbild. «Zu sehen, wie sie jeden Morgen zur Arbeit fuhr und sich danach um mich und meinen Bruder kümmerte, hat mich zum Kämpfer gemacht», erzählt er. Smalls besuchte erst ein College in Florida, dann studierte er Tontechnik in New York. Ein paar Jahre lang verdiente er sein Geld als Rapper, doch als er mit Anfang zwanzig Vater von Zwillingen wurde, brauchte er einen stetigen Job. Smalls fand ihn in der «essential worker class», wie er es nennt: in der «Klasse der Systemrelevanten».

Ab 2015 hiess sein Arbeitgeber Amazon, für den er an verschiedenen Standorten als sogenannter Picker arbeitete. Das bedeutet: den ganzen Tag laufen, Waren zusammensuchen. Bald spürte Smalls, dass er zwar regelmässig für seine Fähigkeiten gelobt, aber – als Schwarzer Mann mit sichtbaren Tattoos – anders behandelt wurde als die weissen Kolleg:innen. Trotz 49 Bewerbungen auf eine leitende Position sei er nur zweimal überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen worden. Für solche Muster gib es einen Begriff: institutioneller Rassismus. Smalls sagt, dass er wegen Amazon gegen Depressionen kämpfen musste.

Bei der Pressekonferenz eine Woche nach der historischen Abstimmung hält Smalls eine Rede, in der sich überschäumende Freude mit nüchternem Realismus verbindet. Es geht um die Wintermonate, als er und seine Kolleg:innen draussen vor dem Gebäude bei Minustemperaturen froren und er nach den langen Tagen oft in seinem Auto übernachtete; es geht um die Gegenkampagne von Amazon, die unter anderem zur Festnahme mehrerer Gewerkschafter führte; um die fehlende Unterstützung linker Politiker:innen und die Ignoranz der Medien; um überfällige Gesetzesvorhaben wie den Pro Act, der Arbeiter:innen mehr Rechte zugestehen würde; am Ende geht es sogar um den Klimawandel, insofern, als Amazon enorme Emissionen verursacht, wie Smalls erklärt, und mit den Logistikzentren Landschaften verunstaltet.

Smalls reflektiert mit warmen Worten, dann brüllt er ins Mikro, rappt, tänzelt, agitiert. Wie ein Frontsänger seine Bandmitglieder kündigt er seine ALU-Kolleg:innen an. Ein ehemaliger Arbeiter spricht von «moderner Sklaverei» bei Amazon. Ein anderer sagt, dass wir eine «Revolution» erleben, «hier und jetzt». Es ist eine diverse Crew, junge Kommunistinnen, Gewerkschaftsveteranen, hispanische Mütter. Sie strahlen aus, dass sie keine Angst mehr vor ihrem Arbeitgeber haben.

Smalls berichtet, dass er sich in den vergangenen Tagen mit den Chefs etablierter Gewerkschaften getroffen, auch mit berühmten Politikern wie Bernie Sanders gesprochen habe. Ob er sich selbst eine politische Karriere vorstellen könne, wird er gefragt. Typische Antwort: «Nein, nein.» Aber ausschliessen will er es auch nicht. Man merkt, dass er die Aufmerksamkeit geniesst, um sie im nächsten Moment abzugeben. Das hier sei kein Kampf zwischen Chris Smalls und Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer. Im Mittelpunkt, das betont er immer wieder, stehe die grosse Masse der Arbeiter:innen. Als ein Lastwagen vorbeifährt und sekundenlang hupt, streckt Smalls die Faust in den Himmel. Er weiss, wie man Bilder produziert.

Mehr Streiks

In den USA ist im zurückliegenden Jahrzehnt ein neues Klassenbewusstsein gewachsen, auch das kommt in Staten Island zum Ausdruck. Wir erleben eine Zunahme von Streiks und Gewerkschaftsgründungen, sozialistische Politiker:innen ziehen in die Parlamente ein. In der gleichen Periode hat sich mit Black Lives Matter eine progressive Bewegung formiert, die vor allem gegen rassistische Polizeigewalt gerichtet ist. Diese zwei Entwicklungen – das reaktivierte Klassenbewusstsein und Black Lives Matter – lassen sich nicht voneinander trennen. Einerseits, weil die Arbeiter:innenklasse in den USA überproportional Schwarz ist und es bei Black Lives Matter von Anfang an auch um ökonomische Ausbeutung ging. Andererseits, weil viele der wichtigsten Arbeitsproteste in den vergangenen Jahren von Schwarzen Beschäftigten angeführt wurden, so wie bei Amazon.

Smalls steht für die Verflechtung der Kämpfe, er kann sie gar nicht voneinander trennen. «Wir müssen zusammenhalten», sagt er. «Denn die Kapitalist:innen wollen, dass wir gespalten sind.»

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