Russlandgeschäfte : Die Privatbank und der Fonds

Nr. 15 -

Während die Grossbanken im Fokus der Öffentlichkeit stehen, agiert die Genfer Privatbank Pictet & Cie weitgehend in deren Schatten. Nun zeigt sich jedoch: Pictet spielt bei den Investitionen in russische Rohstoffe ganz vorne mit.

Verschwiegenheit ist eine der Stärken der Genfer Bank Pictet & Cie, die seit 216 Jahren vermögende Kund:innen berät. Die Bank verströmt die Aura eines diskreten Familienunternehmens. Tatsächlich steuert sie von Genf aus ein globales Firmennetzwerk, sie ist in neunzehn Ländern aktiv, beschäftigt 4900 Mitarbeiter:innen und verwaltet Kund:innenvermögen von über 609 Milliarden Schweizer Franken. Daran gemessen, ist Pictet die drittgrösste Schweizer Bank – hinter der UBS (4,5 Billionen US-Dollar) und der Credit Suisse (1,8 Billionen US-Dollar).

Dass bei der Privatbank Profite oft über der Sorgfaltspflicht stehen, davon zeugt eine lange Liste an Skandalen: So durchsuchte die Bundesanwaltschaft vor wenigen Wochen die Büros der Bank aufgrund des Korruptions- und Geldwäschereiskandals um Petrobras. Auch in einer Untersuchung des Recherchenetzwerks ICIJ zu internationaler Geldwäscherei tauchte 2020 der Name Pictet auf. Dass erst geleakte Dokumente die Untersuchung ermöglichten, zeigt das eigentliche Problem: Pictet agiert aufgrund fehlender Pflichten zur Offenlegung seiner Kund:innen seit Jahrhunderten abseits öffentlicher Kontrolle.

Öl, Gas, Kohle

So bleibt auch unklar, für welches Kund:innensegment genau die Bank ihren Fonds «Pictet Russian Equities» konzipiert hat. Was im März aber bekannt wurde: Pictet ist mit rund 600 Millionen US-Dollar klar der wichtigste Schweizer Investor für russische Öl- und Gasfirmen. Die Bank übertrifft die Credit Suisse (245 Millionen US-Dollar) und die UBS (206 Millionen US-Dollar) deutlich – und das, obwohl sie bei allen Kennzahlen klar hinter den Schweizer Platzhirschen liegt. Pictet nimmt bei den Investitionen in die russischen Rohstoffe im gesamteuropäischen Vergleich gar den vierten Platz ein. Der spezifische Fonds für russische Aktien spielt dabei eine zentrale Rolle: «Pictet Russian Equities» umfasste bis Mitte Februar Aktien russischer Unternehmen im Wert von rund einer Milliarde US-Dollar. Da der Fonds die russische Wirtschaft weitgehend abbildete, erstaunt es nicht, dass sich «Pictet Russian Equities» vor Kriegsbeginn zu fast vierzig Prozent aus Öl-, Gas- und Kohleunternehmen zusammensetzte und Gazprom-Aktien im Wert von rund hundert Millionen Franken enthielt.

Der Krieg traf auch den Fonds. In nur wenigen Tagen verlor «Pictet Russian Equities» über vierzig Prozent, worauf die Bank den Fonds am 28. Februar aussetzte. In einer separaten Mitteilung an die Aktionär:innen am gleichen Tag begründete sie diesen Schritt mit der Unmöglichkeit, Wertpapiere an der russischen Börse zu handeln, und schrieb weiter, dass die Aussetzung aufgehoben werde, «sobald die Marktbedingungen dies zulassen».

Eine Anfrage der WOZ, ob Pictet den Fonds trotz des anhaltenden Angriffskriegs bei Möglichkeit wieder aufnehmen werde, lässt die Bank unbeantwortet. Ebenso wenig äussert sie sich dazu, ob mehrheitlich russische Bankkund:innen in den Fonds investierten oder andere Investoren, die sich auf russische Wertpapiere spezialisiert haben.

Keine Antwort gibt es auch auf die Frage, ob in der entsprechenden Mitteilung an die Aktionär:innen das Wort «Krieg» bewusst vermieden worden sei. Die Bank schrieb stattdessen von den «aktuellen und sich ständig verändernden Umständen im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine/Russland». Auf der Website lautet der Terminus «geopolitische Krise in Osteuropa» oder «Ukraine-Konflikt».

Europas grösster CO₂-Sünder

Zwar sind die Investitionen von Pictet in Gas und Öl viel höher als jene in russische Kohleunternehmen (78 Millionen US-Dollar). Wie eine Recherche des niederländischen Forschungsinstituts Profundo zeigt, liegt Pictet hier jedoch im europäischen Bereich gar auf dem zweiten Platz. Ein Blick auf Pictets Investitionen in den schädlichsten aller fossilen Brennstoffe lohnt sich aber auch über den russischen Kontext hinaus. 6,2 Milliarden US-Dollar hat die Bank Pictet gemäss Recherchen der deutschen NGO Urgewald 2021 in Kohleunternehmen investiert. Das ist nur etwas weniger, als die UBS, und mehr als doppelt so viel, wie die Credit Suisse investiert hat. Der bereits genannte Umstand, dass diese beiden Banken ein Vielfaches der Vermögenswerte von Pictet verwalten, zeugt von ihrer enormen Exposition gegenüber Kohle.

Deutlich zeigt sich das bei ihrer grössten Kohlebeteiligung: RWE. Mit rund 700 Millionen US-Dollar beziehungsweise einer Beteiligung von 2,5 Prozent ist Pictet der sechstgrösste Investor in Europas grössten CO₂-Verursacher. Brisant ist, dass Pictet erst 2017 begann, umfangreich in RWE zu investieren, also ein Jahr nachdem in Paris das bislang ambitionierteste Klimaabkommen unterzeichnet worden war.

Eine hohe Aktienbeteiligung böte jedoch auch Chancen: So hätte Pictet durch das damit verbundene Stimmrecht die Möglichkeit, Einfluss auf RWE zu nehmen. Bei der Generalversammlung von RWE 2020 hat Pictet jedoch sämtliche Anträge des Managements kommentarlos durchgewinkt.