Nr. 16/2022 vom 21.04.2022

Was ist für Sie die ideale Kita?

Bevor Mirjam Belkhadem vor zwanzig Jahren in Basel die «Lupine» gründete, machte sie eine ernüchternde Erfahrung: Kitas waren damals leblose, sterile Orte. Heute macht sie sich wieder Sorgen um die Zukunft der Kita.

Von Renato BeckMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mirjam Belkhadem vor der «Lupine» in Basel: «Ich will den Kindern in der Kita die grundlegende Erfahrung ermöglichen, wie schön Gemeinschaft ist». 

WOZ: Mirjam Belkhadem, ich erinnere mich an ein Fest der Kindertagesstätte Lupine im Allschwiler Wald vor ein paar Jahren. Eltern, Kinder und Erzieher:innen standen im Kreis und hielten sich an den Händen. Sie spielten Gitarre, und wir sangen «Heal the World». Es war ein rührender Moment. Sind Kitas eine heile Welt?
Mirjam Belkhadem: Hier in der «Lupine» ist keine heile Welt, das wäre etwas Künstliches. Bei uns findet sich all das, was das Leben ausmacht. Kraftvolle Momente, kräftezehrende Momente. Vielleicht könnte man aber sagen: Bei uns können die Kinder in einem geschützten Rahmen fürs Leben üben. Sie können auch mal etwas zerreissen, können über die Stränge schlagen.

Und trotzdem wollen Sie vermutlich so etwas wie die ideale Kita betreiben. Wie sieht diese für Sie aus?
Diese Frage hat mich natürlich immer bewegt. Früher stellte ich mir die Kita als ein Kinderhaus vor, in dem gespielt, gearbeitet, gelebt wird. Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass mir die Gemeinschaft immer wichtiger wird. Ich will den Kindern die grundlegende Erfahrung ermöglichen, wie schön Gemeinschaft ist. Die Kinder lernen, eine Einheit zu bilden, in ihrer Gruppe, als «Lupine», und sie können sich auch von dieser Einheit getragen fühlen. Das ist eines der wichtigsten Bedürfnisse von Kindern.

Warum haben Sie vor zwanzig Jahren die «Lupine» gegründet?
Ich war damals selber junge Mutter. Ich wusste, ich will berufstätig bleiben und Familie und Arbeit verbinden. Ich habe mir viele Kitas angeschaut, aber nirgends gefiel es mir. Alle waren sehr sauber, sehr ordentlich, beinahe steril, mit strikten Tagesabläufen. Es kam mir fast industriell vor – nichts war lebendig an diesen Orten. Ich dachte, das kann es doch nicht sein. Andere junge Mütter haben mich dann darin bestärkt, selber eine Kita aufzumachen.

Sie waren zu jener Zeit Kindergärtnerin. Weshalb zog es Sie davon weg?
Mir gefiel der Beruf immer weniger. Die Verschulung nahm zu, die Diskussionen über Lernziele und den Reifegrad der Kinder fand ich ermüdend und uninteressant. Ich stellte mir damals viele Fragen. Was will ich den Kindern weitergeben? Was brauchen sie, um das Leben meistern zu können? Welche Steine müssen wir setzen? Je jünger die Kinder sind, desto relevanter sind diese Fragen, deshalb zog es mich in die Kleinkindererziehung.

Wenn Kitas, wie von den aktuellen politischen Initiativen gefordert, aufgewertet werden, droht dann ihre Verschulung?
Ja, die Gefahr besteht. Das kommt daher, dass alle immer Qualität messen wollen. Eine qualitativ hochstehende Kita ist eine, die alles sauber dokumentiert, die alle Beobachtungen protokolliert.

Das ist natürlich super, aber eigentlich geht es um etwas anderes. Gelingt es in einer Kita, eine Beziehung zum Kind herzustellen? Können die Erzieherinnen und Erzieher unterstützen, wenn Kinder unsicher sind? Das ist natürlich nicht messbar. Und was nur fühlbar ist, gilt in unserer Gesellschaft nicht als harte Währung.

Mit der Verschulung würde die Kita Teil eines Bildungssystems, das nicht immer kindgerecht ist. Viele Kinder entwickeln nach der Einschulung nervöse Ticks. Verstehen Sie, was im Kopf eines Kindes passiert, wenn es in die Schule kommt?
Das Schulsystem ist auf Leistung ausgerichtet. Das wird ja von der Wirtschaft mit Nachdruck eingefordert. Die Kinder sollen noch mehr wissen, noch schneller lernen. Klar, es geht in der Schule darum, etwas zu lernen und Aufgaben zu lösen, auf die man keine Lust hat.

Aber ich frage mich, warum Kinder so stark das Gefühl haben, sie müssten gut sein. Die Antwort darauf ist in der Schule zu finden, aber auch bei den Eltern. Wenn ich Eltern frage, ob sie von ihren Kindern gute Leistungen erwarten, bestreiten das alle vehement. Aber im Hinterkopf gibt es oft diese Erwartungen. Wir können mit unseren eigenen Schwächen nicht gut umgehen und mit den Schwächen unserer Kinder noch viel schlechter.

Mich irritieren die sogenannten Feedbackgespräche in der Schule. Es geht oft darum, wo das Kind Defizite hat und wie die behoben werden können. Ist das gesund?
Ich bin mit dieser Entwicklung nicht glücklich. Es geht nur ums Können, und der Ansatz ist defizitorientiert: Kinder werden nicht dafür gelobt, dass sie als Erste alles aufräumen oder dass sie ein offenes Ohr für ihre Mitschüler:innen haben. Man müsste die Entwicklung eines Kindes viel breiter anschauen.

Vor dreissig Jahren gab es unter den Kindern viele Mitläufer und ein paar, die herausgestochen sind. Heute haben wir nur noch Unikate. Schon kleine Kinder haben heute ausgeprägte Persönlichkeiten, haben einen starken Willen, haben Genialität. Das haut einen um. Aber sobald sie in die Schule gehen, ist vieles von dem, was sie ausmacht, nicht mehr gefragt und verkümmert.

Im letzten Teil des Monatsinterviews spricht Mirjam Belkhadem (49) über die Coronapandemie, die allen Zumutungen zum Trotz auch eine positive Entwicklung bereithielt: Die Eltern hörten auf, sich zu beschweren.

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