Nr. 14/2022 vom 07.04.2022

Wie stellen Sie die Kontrollfreaks zufrieden?

Mirjam Belkhadem führt seit zwanzig Jahren die Kindertagesstätte Lupine in Basel. Sie kennt die strukturellen Probleme der Kitas, weiss, was Abhilfe schaffen würde. Ein Gespräch über zu tiefe Löhne, Vorurteile – und anspruchsvolle Eltern.

Von Renato BeckMail an Autor:in (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mirjam Belkhadem: «Ich erzähle den Eltern einfach noch mehr Details aus dem Tagesablauf, Fachbegriffe helfen auch.»

WOZ: Mirjam Belkhadem, meine drei Kinder gehen bei Ihnen in die Kita. Ich denke, es geht ihnen gut hier. Jedenfalls ist das immer die Antwort, wenn ich sie frage. Mir reicht das völlig als Information. Sollte es mich mehr interessieren, was in der Kita genau passiert?
Mirjam Belkhadem: Mir zeigt das, dass Sie Vertrauen haben. Dann haben wir unseren Job gemacht, denn wir arbeiten auf Vertrauensbasis. Die Eltern geben ihre Kinder bei uns ab, das Kostbarste, was sie haben. Deshalb müssen sie sich darauf verlassen können, dass es ihren Kindern gut geht. Einige Eltern müssen alles genau wissen und verstehen, um sich sicher zu fühlen. Andere verlassen sich auf ihr Bauchgefühl.

Verstehen Sie Eltern, die einfach erleichtert sind, ihre Kinder abgeben zu können?
Ich bin froh, wenn man sich das eingestehen kann. Denn es ist gar nicht möglich, sich immer selber um das Kind zu kümmern. Vor hundert Jahren war die Kinderbetreuung viel breiter abgestützt, sie war Aufgabe der Grossfamilie. In meiner Generation war dann schon die Meinung, das Kind müsse zu Hause erzogen werden, und zwar von der Mutter. Die Erwartung war, als Frau müsse man total in der Kindererziehung aufgehen. Dann kamen die Kitas, und relativ lange gab es dagegen einen Abwehrreflex. «Was, du gibst dein Kind weg?», hörten Eltern, die Kitas nutzten. Danach kam die Phase der Mitbestimmung, das war auch anstrengend. Die Eltern wollten bestimmen, wie die Betreuung auszuschauen hat. Die neuste Generation Eltern hingegen ist mehrheitlich sehr entspannt, was für uns ein Segen ist. Die sagen: «Macht ihr euren Job, wir machen unseren.»

Dann erlebe ich oft Eltern, die geben lange Instruktionen, bevor sie ihr Kind abgeben, und wollen abends viel Feedback. Welche Eltern sind Ihnen lieber?
Ich sehe das nicht schwarz-weiss. Schwierig finde ich, wenn ich mich kontrolliert fühle. Wenn die Fragen darauf abzielen, ob ich meinen Job richtig gemacht habe. Aber viele wollen einfach erfahren, was in der Kita passiert ist, weil sie einen sehr strukturierten Ansatz haben. Die müssen genau wissen, wie viel ihr Kind gegessen und wie viele Minuten es geschlafen hat, damit sie das zu Hause einkalkulieren können. Da erzähle ich alles ausführlich. Wobei ich lieber darüber sprechen würde, was ihr Kind glücklich und was es traurig gemacht hat. Aber das wollen die wenigsten wissen.

Wie schaffen Sie es, die Kontrollfreaks unter den Eltern zufriedenzustellen?
Ich erzähle dann einfach noch mehr Details aus dem Tagesablauf. Fachbegriffe helfen auch. Manchmal gibt es ja ein Gefälle zwischen Eltern und Kita. Viele der Eltern sind Akademiker. Und hier treffen sie dann auf Leute, die eine Betreuungslehre gemacht haben. Die müssen manchmal schon die Brust rausstrecken und betonen, dass die Eltern ihren Job nur deshalb machen können, weil sie in der Kita ihren machen.

Vielleicht sind Eltern auch verunsichert, weil viele Geschichten über Missstände in der Kinderbetreuung kursieren: zu wenig Personal, Burn-outs, Betreiber, denen es nur ums Geld geht. Sind das Einzelfälle, oder hat die Branche strukturelle Probleme?
Es gibt ganz eindeutig strukturelle Probleme. Das eine ist die finanzielle Ebene. Da setzt nun auch die Kita-Initiative der SP an. Es ist im heutigen System schwierig, geeignete Lokalitäten zu finden und gute Löhne zu bezahlen. Aber die Probleme gehen darüber hinaus. In der Bildungspolitik sind Kitas noch nicht wirklich angekommen. In den neunziger Jahren mussten Kindergärtnerinnen enorm kämpfen, um mit Primarlehrerinnen gleichgestellt zu werden. Jetzt sind wir in der Debatte eine Stufe weiter unten angekommen, bei den Kitas. Da gibt es noch viele Vorurteile: Ich höre oft, das sei doch nur ein bisschen Hüten, was wir hier machten. Und das Tragische ist, dass junge Leute, die bei uns anfangen, mitunter ebenfalls dieses Berufsbild haben.

Die Initiative will neben besseren Löhnen auch die Ausbildung stärken …
Da sind wir bei den Hauptproblemen. Die Arbeitsbedingungen sind in den Kitas nicht gut, und die Ausbildung ist ungenügend, das schafft Qualitätsprobleme in der Betreuung. Die Ausbildung sollte organisiert sein wie bei den Pflegeberufen. Es braucht eine zweijährige, eine dreijährige, eine vierjährige Ausbildung. Denn es gibt verschiedene Aufgabengebiete und Anforderungsprofile in einer Kita.

Was verdient eine voll ausgebildete Erzieherin bei Ihnen?
Zwischen 4200 und 5000 Franken.

Finden Sie das genug, gemessen an der Arbeitsleistung?
Nein, das ist nicht genug. Deshalb wäre eine abgestufte Ausbildung an der Fachhochschule mit entsprechender Entlöhnung wichtig. Man sollte sich dabei an den Löhnen von Kindergärtnerinnen und Lehrern orientieren. Kitas haben eine hohe Fluktuation, was auch am Lohn und an den fehlenden Perspektiven liegt. Viele Erzieherinnen geben nach ein paar Jahren den Beruf auf – das ist ein riesiges Problem.

Mirjam Belkhadem (49) gründete vor zwanzig Jahren die Kita Lupine im Basler St.-Johann-Quartier mit einem besonderen pädagogischen Ansatz: Auch Kleinkinder sollen als selbstbestimmte Menschen behandelt werden.

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