Antikriegsbewegung in Russland : Protest auf Ostereiern und im Supermarkt

Nr.  17 –

Grosse Demonstrationen gegen den Krieg finden nicht mehr statt. Das sagt viel aus über die Repression in Russland – aber wenig über die Haltung der Menschen. Insbesondere Feministinnen lassen den Widerstand weiterleben, wenn auch in subtiler Form.

«Nein zum Krieg»: Demonstration in Sankt Petersburg Ende Februar. Wer seine Meinung frei äussert, riskiert jahrelange Haft. Foto: Mary Gelman, Laif

Gesprühte Antikriegsparolen finden sich im Stadtzentrum von Sankt Petersburg nicht auf jeder Wand, und wo sie stehen, sind sie oft nicht sofort zu entziffern. Immerhin: Slogans, die auf eine Unterstützung der «Sonderoperation der russischen Streitkräfte in der Ukraine» schliessen liessen, sind während des Abendspaziergangs bei hellem Nordlicht genauso wenig zu sehen.

Witali Bowar kennt seinen Wahlkreis mitten in der Millionenmetropole in- und auswendig, Passant:innen erkennen sein Gesicht, manche grüssen ihn. «An meinem Haus findet seit anderthalb Monaten ein regelrechter Kleinkrieg um die Fassade statt», sagt Bowar. Wenn er am Morgen ein frisches Peace-Zeichen oder die Aufschrift «Kein Krieg» entdecke, sei die betreffende Stelle nur Stunden später schon wieder mit einer frischen Farbschicht überdeckt. Am Folgetag wiederhole sich der Vorgang. «Es geht um die visuelle Besitzergreifung der Stadt», sagt der Politiker.

Da sich der Sitz der für die Beseitigung von Wandschmierereien zuständigen Kommunaldienste im gleichen Haus befindet wie sein Büro als Bezirksabgeordneter, habe er wahrnehmen können, dass sich dort bereits erste Ermüdungserscheinungen breitmachten. Die Stadtverwaltung fordere von den Kommunaldiensten kategorisch, alle Spuren unerwünschter politischer Meinungsäusserung auf der Stelle unkenntlich zu machen.

Konkret und kreativ

Selbst in oppositionellen Kreisen wird über die Frage debattiert, ob es in Russland eine Antikriegsbewegung gebe. Witali Bowar gehört zu jenen, die davon überzeugt sind, dass es sie gibt. Mehr noch: Sie reiche weit über die klassische Anhänger:innenschaft der Opposition hinaus, sagt er. Dass sich der Protest nicht in Form von Massenkundgebungen äussere, sei kein Indiz für fehlenden Widerstand: «Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendetwas verändern wird, wenn wir auf die Strasse gehen», so Bowar, «selbst wenn es unglaubliche Massen wären.» Anstatt sichtbare Resultate zu erreichen, würden Aufrufe zu Strassenprotesten fast schon kontraproduktiv wirken, weil sie mit relevanten Sicherheitsrisiken verbunden seien.

Seit Kriegsbeginn wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Agora über hundert Strafverfahren wegen kritischer Aussagen oder Aktionen eingeleitet. So drohen der Petersburger Künstlerin Alexandra Skotschilenko wegen angeblicher Diskreditierung der russischen Streitkräfte bis zu zehn Jahre Straflager. Sie hatte in einem Supermarkt die Preisschilder mit Informationen über die Kriegsfolgen ersetzt. Jetzt sitzt sie in Untersuchungshaft.

Dank zahlreicher Solidaritätsbekundungen hat ihr Fall viel Aufsehen erregt – anders als unzählige weitere Administrativverfahren, die nur eine kurze Haft oder eine Geldbusse nach sich ziehen. Wie etwa jenes gegen einen Mann in Iwanowo, der George Orwells Roman «1984» über eine dystopische Gesellschaft kostenlos auf der Strasse verteilte.

Palladija, Aktivistin: «Wir wollen ­niemanden ­unnötiger Gefahr aussetzen.»

Wo alles einem Verbot zu unterliegen scheint, macht sich unweigerlich Frust breit. Um dem entgegenzuwirken, brauche es konkrete Handlungsperspektiven: Zu diesem Schluss kommt der Feministische Widerstand gegen den Krieg, kurz FAS, und setzt bei kreativen Herangehensweisen an. «Wir schlagen relativ sichere Handlungsformate vor», sagt eine der Initiantinnen und Koordinatorinnen der Bewegung.

Die selbstbewusste 24-jährige Designerin nennt sich Palladija und blickt bereits auf lange und vielfältige Erfahrungen als Aktivistin zurück. Die auf einem breiten Netzwerk basierende FAS-Struktur entstand als prompte Reaktion auf den militärischen Angriff auf die Ukraine – allein dem Telegram-Kanal folgen mittlerweile über 31 000 Personen.

Die rege Beteiligung erklärt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass die feministische Bewegung in Russland in den vergangenen Jahren bereits eine enorme Anziehungskraft entwickelte. Sie stand weniger im Fokus der Strafverfolgungsbehörden als andere politische Strukturen. Auch ist Palladija überzeugt, dass der Feminismus mit seiner langen Geschichte in Russland ohnehin nicht kleinzukriegen sei; nicht einmal alle Koordinatorinnen müssten sich untereinander persönlich kennen, um gemeinsam zu kämpfen.

«Unsere Methoden lassen sich im umgangssprachlichen Sinn als ‹weiblich› bezeichnen», sagt Palladija. «Wir greifen keine Sicherheitskräfte an, führen künstlerische Aktionen durch und wollen niemanden unnötiger Gefahr aussetzen.» Nach Kriegsbeginn sei ihr aufgefallen, dass insbesondere ganz junge Frauen auf Twitter sofort ihrem Aktionsdrang Luft verschafften. Umgesetzt hat der FAS bereits etliche emotional aufwühlende Ideen, wie etwa die Nachstellung von Gräbern ukrainischer Zivilist:innen in Wohngebieten unter dem Motto «Mariupol 5000». Oder die Aktion «Frauen in Schwarz», bei der sich entsprechend gekleidete Frauen mit Antikriegsparolen oder gleichlautender Symbolik fotografieren.

Zu Ostern rief der FAS Frauen dazu auf, mit blau-gelb gefärbten Eiern die Ostergottesdienste zu besuchen – und auch, sich das überall anzutreffende Kürzel «Ch W» zunutze zu machen. Im religiösen Sinne steht es für die Auferstehung Christi, aber die beiden Buchstaben des kyrillischen Alphabets können genauso als Abkürzung für «Gegen Krieg» interpretiert werden.

Der FAS kooperiert auch mit weiteren Gruppen, und er unterhält sogar einen Solifonds für jene, die aufgrund ihrer Antikriegshaltung ihren Job verloren haben. Das Potenzial sei noch längst nicht ausgeschöpft, sagt Palladija: «Wir wollten die feministische Bewegung immer schon politisieren, nur haben uns dazu viele Instrumentarien gefehlt – mit dem Krieg hat sich das geändert», lautet die Zwischenbilanz der Künstlerin. Dass sich jetzt so viele Menschen mit tollen Ideen einbringen würden, mache ihr Mut.

Unter Hochspannung abwarten

Den braucht sie auch. In einem ersten Impuls hatte Palladija eine Tasche gepackt, für den Fall einer Festnahme oder einer Hausdurchsuchung. Und tatsächlich war es wenige Tage vor einem der letzten angekündigten Strassenproteste Anfang März so weit: Die Polizei holte sie ab, sie verbrachte einige Tage in Haft. Derzeit läuft gegen sie und eine Reihe weiterer lokaler Aktivist:innen ein Verfahren wegen «Telefonterrorismus». «Meine Position, in Russland bleiben zu wollen, ist ideologisch gefestigt – ich will nicht weg von hier», sagt Palladija.

Sie könne zwar nachvollziehen, dass viele das Land verliessen – mehr Männer als Frauen übrigens, denen dafür oft die nötigen Ressourcen fehlen. Aber aufgrund ihres antikolonialen Blickwinkels sieht sie die kriegsbedingten Emigrationsbewegungen aus den russischen Metropolen ausgerechnet in ehemalige Sowjetrepubliken, etwa Kirgistan oder Georgien, kritisch.

«Ich positioniere mich selbst nicht als russische, sondern als udmurtische Künstlerin», erklärt Palladija. In jenen Regionen Russlands, in denen nationale Minderheiten lebten, verstünden viele, dass die Ereignisse in der Ukraine so etwas wie der Nachhall dessen seien, was seinerzeit Udmurtien, Tschuwaschien, Tatarstan und anderen Teilen von Russlands kolonialem Imperium widerfahren sei. Tatsächlich hat die Zuwanderung aus den privilegierten urbanen Zentren für die Menschen in diesen Regionen auch problematische Konsequenzen gehabt, etwa einen Anstieg von Lebenshaltungskosten und Mietpreisen. Auch deren Perspektive gelte es zu berücksichtigen, so Palladija.

Witali Bowar will ebenfalls bleiben, trotz begrenzter Handlungsoptionen. Nicht zuletzt weil er oft auf Personen treffe, denen die Kriegssituation Unbehagen bereite. Wer einmal Zweifel zulasse, befürworte den Krieg nie mehr, ist er überzeugt. «Manche stürzen sich in Arbeit, andere schliessen sich der Antikriegsbewegung an, um irgendetwas zu tun», sagt Bowar, «aber im Moment gilt es, unter Hochspannung abzuwarten.»

Bis dann vielleicht doch noch ein Signal ertönt, das die Menschen massenhaft auf die Strasse treibt.