Nr. 17/2022 vom 28.04.2022

Aus dem All den Krieg nachzeichnen

Ästhetisch, anwaltschaftlich, nahbar: Ein neuer Atlas macht mit historischen und aktuellen Karten und Grafiken globale wie lokale Ungerechtigkeiten sichtbar.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

Die Karte schaut aus, als hätte jemand die Erde zu einem Zylinder gepresst und abgerollt – bloss: Warum sticht zwischen Europa und Japan ausgerechnet Indien so flächig gelb gesprenkelt heraus? Vor zehn Jahren veröffentlichte die US-Raumfahrtbehörde Nasa revolutionäre Satellitenbilder der Erde als «Black Marble»: Sichtbar waren einzig die nächtlichen Lichtquellen auf der «schwarzen Kugel». Solche Satellitenaufnahmen verwenden der Geograf James Cheshire und der Grafiker Oliver Uberti in ihrem «Atlas des Unsichtbaren», um Veränderungen der Lichtemissionen zwischen 2012 und 2016 zu erfassen. Darauf erstrahlt Indien so hell, weil dort seit 2014 über 25 Millionen Haushalte ans Stromnetz angeschlossen wurden. Der Westen Syriens hingegen, mit den Grossstädten Aleppo und Damaskus, ist ein riesiger dunkler Fleck: Er macht die Verheerungen des Krieges bis ins All sichtbar.

Von Ungerechtigkeiten, die so gross sind, dass sie förmlich zum Himmel schreien, handeln die Karten und die Grafiken in diesem Buch immer wieder. Denn manches bleibt durch seine schiere Dimension für uns Erdbewohner:innen unsichtbar, anderes tritt erst im Lauf der Zeit zutage. Die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar und ihre grotesk zusammengepferchte Existenz in einem gigantischen Flüchtlingslager in Bangladesch etwa, das blutige Ausmass des US-Walfangs zwischen 1761 und 1920 oder eine Welt, die aufgrund der Klimaerhitzung vielerorts in Flammen steht.

Zeigen, was Unrecht ist

Cheshire und Uberti verstehen sich als Aufklärer mit Mission: Ihre Karten und Grafiken sollen nicht einfach Muster zum Vorschein bringen, die in Daten verborgen sind, sondern das «Rüstzeug» liefern «für diejenigen, die in der Position sind, uns zu schützen» oder für den «Aufbau einer besseren Welt» kämpfen. Gerade wenn heute aus linker Position das kommerziell getriebene Datensammeln höchst ambivalent beurteilt wird, zeigen die beiden, dass diesem auch ein subversiver Impetus innewohnen kann. Als Entwickler einer Fitness-App damit prahlten, wo überall diese auf der Welt zum Einsatz kam, deckten andere aufgrund der Joggingrouten von Soldaten, die diese App nutzten, die Umrisse eines bis dahin geheimen US-Militärstützpunkts auf. Und während der Proteste in Hongkong im Sommer 2019 warnte eine Online-Crowdsourcing-Karte in Echtzeit mit Hunde- und Dino-Emojis vor der Polizei.

Viele Grafiken basieren auf historischen Quellen, die in Datenbanken zusammengetragen und im Buch so überraschend wie schlagkräftig visualisiert, mit kurzen Kommentaren geschickt kontextualisiert und in vier Essays erweitert diskutiert werden. Oder wussten Sie, dass im transatlantischen Sklavenhandel fast jede:r sechste Verschleppte auf der Überfahrt starb und fast die Hälfte der Überlebenden in Brasilien von Bord gingen? Auf dass die einzelnen Menschen nicht hinter simplen Balken und Buchstaben verschwinden, haben die Autoren ein Projekt aus dem Umfeld des US Holocaust Memorial Museum in eine ausklappbare Karte umgewandelt: Darauf verzeichnet sind die Erlebnisse der beiden Holocaustüberlebenden Jacob Brodman und Anna Patipa anhand der «assoziativen Geografie ihrer Erinnerung» – der «Pfahl» im Lager von Szebnie etwa oder «zwischen den Baracken» in Auschwitz, wo die über Nacht Gestorbenen zu Leichenbergen gestapelt wurden.

Wiederholt porträtieren die Autoren auch engagierte Pionierinnen der datengestützten Sozialgeografie und deren historische Schlüsselwerke, unter ihnen Florence Kelley und Jane Addams vom sozialreformerischen Hull House in Chicago, die in den 1890er Jahren ihre Unterschichtsnachbarschaft in bunten Karten nach ethnischer Herkunft, Einkommen und weiteren Kriterien darstellten – das Resultat monatelanger persönlicher Gespräche. Oder die Schwarze Journalistin Ida B. Wells, die ebenfalls um diese Zeit begann, Daten zur Lynchjustiz aus den ganzen USA zusammenzutragen, um die Grundlage für ein nationales Verbot zu schaffen. Trotz seither über 200 Vorstössen bis heute erfolglos: Lynchmord gilt in den USA auf Bundesebene nicht als Straftat. Immerhin erhielt Wells 2020 für ihre mutige Berichterstattung posthum den Pulitzerpreis.

Wann handeln wir endlich?

Strukturellen Rassismus sichtbar zu machen, bleibt eine Herausforderung: Eine Grafik mit Zwangsräumungen in Städten des US-Südens macht zwar deutlich, dass 2016 in gewissen Städten jeder fünfte Haushalt auf der Strasse landete. Wie disproportional häufig Schwarze Haushalte und insbesondere Frauen obdachlos wurden, macht aber erst ein Kommentar aus dem Eviction Lab deutlich, das die Daten erhebt: «Wenn die Inhaftierung typisch für das Leben von Männern aus armen Schwarzen Vierteln geworden ist, so ist die Zwangsräumung typisch für das Leben von Frauen aus diesen Vierteln.»

Geschlechtsspezifische Diskriminierung hingegen lässt sich aufgrund der länderspezifischen Angaben zum Verhältnis von bezahlter und unbezahlter Arbeit glasklar abbilden. Auch die Bedeutung der verschieden grossen, farbigen Sterne sticht unmittelbar ins Auge: Es ist eine nach Ländern aus Afrika, Asien und Lateinamerika aufgeschlüsselte Grafik zu verschiedenen Formen der (nichthäuslichen) Gewalt gegen Frauen. Aber warum beschränken sich die Autoren dabei auf eine Quellenbasis, die keine Daten zu Europa, den USA und Australien liefert, und suggerieren so implizit, dort existierte das Problem nicht?

Und wenn Cheshire und Uberti in einer hübschen Grafik mit 88 Sonnenstrahlen ihre persönlichen Lieblingskünstler:innen verewigen und dabei gerade einmal fünf Frauen berücksichtigen, sagt das letztlich mehr über sie und ihre blinden Flecken aus als über die Korrelation mit dem Alter, in dem das erste «Schlüsselwerk» entsteht. Gehen wir davon aus, dass diese Doppelseite eher als auflockernder Scherz gemeint war in einem sonst hochrelevanten und anwaltschaftlichen Atlas, der im letzten Kapitel eindrücklich vor Augen führt, welche Zukunft uns die Daten prognostizieren.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch