Nr. 25/2022 vom 23.06.2022

«Ein Entscheid im Interesse der Banken»

Die Nationalbank hat die Zinsen erhöht. Eine schlechte Idee, findet der Fribourger Geldökonom Sergio Rossi.

Interview: Yves WegelinMail an Autor:in

Geldökonom Sergio Rossi

Geldökonom Sergio Rossi

WOZ: Herr Rossi, was halten Sie vom Entscheid der Schweizer Nationalbank (SNB), den Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf −0,25 Prozent zu erhöhen?
Sergio Rossi: Er hat mich nicht erstaunt – aber enttäuscht. Ich habe erwartet, dass die SNB der US-amerikanischen und der Europäischen Zentralbank folgt, die die Zinsen erhöht beziehungsweise einen Anstieg angekündigt haben. Anders als in den USA und der Eurozone ist die Inflation in der Schweiz mit 2,9 Prozent jedoch nicht exorbitant hoch. Und trotzdem nimmt die SNB mit ihrem Entscheid negative Konsequenzen für die nationale Wirtschaft in Kauf.

Die Inflation bei den inländischen Gütern liegt unter zwei Prozent. Gestiegen sind die Preise für importierte Energie, die die SNB nicht beeinflussen kann. Warum hat sie die Zinsen trotzdem erhöht?
Die SNB will damit den Wechselkurs stärken: Steigt der Wert des Frankens, werden importierte Güter wie Energie oder Getreide billiger. Damit soll auch der Preisanstieg inländischer Güter gebremst werden, die mit importierten Waren hergestellt werden.

Welche negativen Folgen befürchten Sie für die nationale Wirtschaft?
Wird der Franken teurer, bekommen Schweizer Firmen Mühe, ihre Waren zu exportieren – ein starker Franken macht Schweizer Güter teurer. Das wird im Inland zu tieferen Löhnen führen und im schlimmsten Fall auch zu Entlassungen.

Die SNB sagt, der Franken sei trotz des nominellen Anstiegs nicht mehr überbewertet: Schliesslich würden Güter im Ausland mit der hohen Inflation auch teurer.
Das stimmt nur bedingt. Will ich als italienischer Unternehmer eine Maschine aus der Schweiz importieren, werde ich auf den Wechselkurs schauen. Wenn dieser steigt, werde ich zögern, die Maschine in der Schweiz zu kaufen.

Glauben Sie, dass der Franken bereits überbewertet ist, oder befürchten Sie das für die Zukunft?
Es ist unmöglich zu sagen, was der richtige Wechselkurs sein sollte. Sicher ist, dass der Franken an Wert zulegen wird, auch weil weltweit die Konjunktur nachlässt. In Krisenzeiten wird der Franken für Anleger:innen stets zum sicheren Hafen.

Befürchten Sie auch einen Crash am Immobilienmarkt?
Vielleicht keinen Crash, aber eine starke Korrektur: Mit dem Entscheid der SNB steigen nun auch die Hypothekarzinsen. Leute, die für ihr Haus die Hypothek erneuern müssen, könnten in Schwierigkeiten geraten. Eine zehnjährige Hypothek kostete bis jetzt ein Prozent, nun ist sie auf fast drei Prozent gestiegen. Damit könnten nicht nur Kreditnehmer:innen in Not geraten, sondern auch Banken, die zu viele Kredite vergeben haben. Und der SNB-Entscheid könnte eine weitere Folge haben.

Welche?
Wenn Unternehmen für Kredite den Banken nun höhere Zinsen zahlen müssen, erhöht das ihre Produktionskosten. Diese höheren Kosten werden sie auf die Preise schlagen. SNB-Direktor Thomas Jordan könnte mit seinem Entscheid also die Inflation gar verschlimmern.

Um den Franken zu stärken, hätte die SNB auch einen Teil ihrer Währungsreserven verkaufen können. Warum hat sie stattdessen die Zinsen erhöht?
Das wäre tatsächlich die bessere Option gewesen. Ein Verkauf der etwa in Aktien gehaltenen Währungsreserven hätte allerdings die entsprechenden Kurse nach unten gedrückt, womit sich die SNB der Kritik der Banken ausgesetzt hätte. Möglich, dass sie dies verhindern wollte. Eine Zinserhöhung ist dagegen im Interesse der Banken. Sie müssen nun auf ihre Reserven bei der SNB weniger Negativzinsen zahlen, was ihre Profite erhöht. Auch durch die höheren Zinsen etwa für Hypotheken steigen ihre Einnahmen.

Ist die Zinserhöhung wirklich im Interesse der Banken, wenn sie dadurch etwa bei den Hypotheken Ausfälle befürchten müssen?
Die SNB und die Banken glauben, dass sich der Schaden in Grenzen halten wird.

Die Negativzinsen der letzten Jahre haben bei den Immobilien und an den Börsen zu Finanzblasen geführt. Ist nicht ein Ende der Negativzinsen nötig?
Über Jahre hat man weltweit versucht, die Wirtschaft durch billiges Geld am Laufen zu halten. Will man aus dieser Strategie aussteigen, müsste der Staat mehr investieren, indem er sich Geld bei der Zentralbank leiht oder die grossen Finanzvermögen höher besteuert. Auch die Schweiz müsste mehr investieren.

Finden Sie es richtig, dass die US-Zentralbank die Zinsen erhöht hat?
Im Fall der USA ist dies teilweise berechtigt. Die Inflation liegt dort bei über acht Prozent. Zudem sind die Löhne dort seit der Pandemie stark gestiegen. Viele Firmen zahlen mehr, weil sie Mühe haben, Arbeitskräfte zu finden. Ausserdem hat die US-Regierung ärmeren Haushalten Coronazuschüsse gezahlt.

In den USA ist die Inflation also auch das Resultat einer hohen Nachfrage. In Europa ist es das knappe Angebot etwa aufgrund von Lieferengpässen, das zu Inflation führt. Sind höhere Zinsen hier richtig?
Nein, hier sind die Löhne nicht stark gestiegen. Die Europäische Zentralbank strafft ihre Geldpolitik, damit angesichts der US-Zinserhöhung der Euro nicht zu stark an Wert verliert. Das ist wichtig, damit sich die importierten Güter nicht noch mehr verteuern. Das wird jedoch zu mehr Arbeitslosigkeit führen.

Vor allem in Deutschland und der Schweiz gibt es Ökonom:innen, die behaupten, dass nicht Engpässe die Inflation anheizen würden, sondern die lockere Geldpolitik der letzten Jahre.
Das ist falsch. Die Geldpolitik ist seit der Finanzkrise 2008 ultralocker. Warum sollte die Inflation fünfzehn Jahre später kommen? Lockere Geldpolitik führt nur zu Inflation, wenn sie zu höheren Löhnen und damit zu mehr Konsum führt. Das Geld ist jedoch auf den Finanzmärkten gelandet, wo die Preise der Aktien oder der Immobilien gestiegen sind.

Statt die Zinsen könnten die USA auch die Steuern für Leute mit hohen Einkommen anheben. Auch das würde den Konsum drosseln und die Inflation senken.
Kaum ein Politiker wagt es, die Steuern für Reiche und grosse Unternehmen zu erhöhen. Gegen die jetzigen Zinserhöhungen gibt es jedoch kaum eine Lobby. Das Problem ist aber auch, dass sehr reiche Leute ihren Konsum kaum senken, wenn sie mehr Steuern bezahlen müssen. Sie legen dann lediglich etwas weniger Geld am Finanzmarkt an.

Die SP und die Mitte-Partei verlangen unter anderem eine Anpassung der Renten an die Inflation sowie höhere Prämienverbilligungen. Was halten Sie von diesen Ideen?
Sie gehen in die richtige Richtung: Der Mittelstand und Leute mit tiefen Einkommen brauchen Hilfe. Wie die Grünen gefordert haben, könnte man diese Hilfe mit einer Sondersteuer für Konzerne wie Glencore finanzieren, die dank der hohen Energiepreise grosse Profite machen.

Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass solche Hilfen oder höhere Löhne zu einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale führen, mit der die Inflation weiter angeheizt würde?
Ein bestimmtes Risiko besteht. In vielen Branchen haben die Produktivitätsgewinne in den letzten Jahren jedoch kaum zu höheren Löhnen geführt, wie das der Fall sein sollte. Hier gibt es Luft nach oben.

Sergio Rossi (54) ist Professor für Makroökonomie und monetäre Ökonomie an der Universität Fribourg.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch