Nr. 22/2022 vom 02.06.2022

Ein System am Anschlag

Seit Jahren setzen etliche Kantone auf Integrationsklassen. In Basel-Stadt verlangt nun eine Initiative die Rückkehr zu Kleinklassen. Ist der Traum vom Klassenzimmer, das allen Platz bietet, geplatzt?

Von Renato BeckMail an Autor:in (Text) und Samuel Schuhmacher (Illustrationen)

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Die Jugend wird immer verdorbener und disziplinloser, sie tyrannisiert die Lehrer:innenschaft wie nie zuvor. Derartige Klagen finden sich auf sumerischen Tontafeln und in Platons sokratischen Aufzeichnungen. Heute sind sie zu hören, wenn Wirtschaftsverbände über faule, fachlich ungenügende Lehrlinge jammern – oder Lehrer:innen die Zustände im Klassenzimmer beanstanden. Bloss: Wenn es in der Antike schon kaum mehr auszuhalten war und seither immer schlimmer wurde, wo stehen wir dann heute?

Im Kanton Basel-Stadt hat der Berufsverband der Lehrer:innen, die Freiwillige Schulsynode, vor einem Jahr ihre Mitglieder gefragt, was Entlastung brächte. Kleinere Klassen wurden zuvorderst genannt – heute dürfen je nach Leistungsniveau maximal 25 Schüler:innen in einer Klasse sein. Gleich danach: die Wiedereinführung von Kleinklassen, in denen man Verhaltensauffällige, Lernschwache und notorische Störenfriede unterbringen kann. Es kann so nicht weitergehen, darüber ist sich die Mehrheit der Basler Lehrer:innen einig. «Die Gesellschaft hat sich verändert. Immer mehr Kinder haben weniger Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Durchhaltewillen, wenn sie in die Schule kommen», sagt Marianne Schwegler, Heilpädagogin und Geschäftsleitungsmitglied der Basler Schulsynode.

Einige Monate nach der Umfrage lancierten aktive und ehemalige Lehrer:innen in Basel eine Volksinitiative, die kräftig an bildungspolitischen Gewissheiten rüttelt. Die Initiative fordert sogenannte Förderklassen, tatsächlich aber: eine Rückkehr zur Kleinklasse, die in vielen Kantonen vom integrativen Unterricht abgelöst wurde. In Basel gibt es seit zehn Jahren keine Kleinklassen mehr. Kinder, die früher ausgesondert wurden, bleiben nun in der Regelklasse. Damit der Unterricht gelingt, werden die Klassenlehrer:innen von Heilpädagoginnen, Psychomotorikern oder fachlichen Assistent:innen unterstützt. Doch Schwegler, die mit der Lehrer:innenvereinigung die Initiative unterstützt, sagt: «Die Heterogenität ist riesig. Es hat so viele verschiedene Kinder, die man irgendwie mitnehmen muss, dass wir dem als Lehrpersonen immer öfter nicht mehr gerecht werden können.» Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwächen würden sich im heutigen System teilweise noch verstärken.

«Romantik statt Praxiserfahrung»

Ein jahrzehntelanger, von internationalen Übereinkünften verlangter Prozess, der allen Kindern eine Chance auf angemessene Bildung und Berufsaussichten geben will, scheint an den Realitäten zu scheitern. «Romantik statt Praxiserfahrung», konstatiert der ehemalige Basler SP-Präsident, Kleinklassenlehrer und Mitinitiant Roland Stark mit Blick auf die integrative Schule. Zur Disposition steht diese auch in Nidwalden, wo vor allem die SVP dagegen Stimmung macht. Ist der Traum vom Klassenzimmer, das allen Platz bietet, geplatzt?

Wer eine Antwort darauf sucht, landet irgendwann im Büro von Dennis Hövel an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Hövel arbeitete früher als schulischer Heilpädagoge, heute ist er Professor. Sein Spezialgebiet: Entwicklungsförderung im Bereich Verhalten. Er kennt die vielen Studien zu integrativen und separativen Bildungssystemen. Erste Frage: Gibt es tatsächlich eine gesellschaftliche Tendenz – immer mehr Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, die das System an den Anschlag bringen?

Hövel sagt, der Befund sei eindeutig: «Die Zahl ist in den letzten sechzig Jahren immer gleich geblieben.» Rund ein Fünftel aller Kinder hätten erhöhten Förderbedarf – bis zur Coronapandemie. In deren Verlauf, so Hövel, sei der Anteil derer, die besondere Betreuung bräuchten, auf dreissig Prozent gestiegen. Wobei der Bedarf nur selten erkannt wird: Derzeit erhalten in der Schweiz nur rund fünf Prozent der Schüler:innen sonderpädagogische Fördermassnahmen. Derselbe Effekt lässt sich in Basel-Stadt beobachten, wo die Zahl der Abklärungen, die es dafür braucht, in den letzten beiden Jahren um etwa ein Drittel zugenommen hat. Ist die Sehnsucht nach Kleinklassen ein Coronaeffekt?

Hövel ist sich sicher, dass Kleinklassen die grundfalsche Antwort auf den Stress im Klassenzimmer wären: «Wenn ich Kinder in die Kleinklasse abschiebe, nehme ich ihnen den wichtigsten Treiber für eine gesunde, positive Entwicklung, nämlich den Kontakt mit nicht belasteten Kindern und Jugendlichen.» Wenn die Initiant:innen argumentieren, in Förderklassen könne besser auf Kinder mit Problemen eingegangen werden, entgegnet Hövel: «Den Verlust dieser Kontakte kann kein Experte wettmachen.»

«Extreme Stigmatisierung»

Verstärkt wird der soziale Ausschluss durch die Stigmatisierung, die eine Karriere in der Kleinklasse bedeutet. «Einmal drin, immer drin», sagt Pierre Felder, Basler Volksschulleiter im Ruhestand. Felder hat die Basler Schule über Jahrzehnte geprägt und auch den Übergang zur integrativen Schule vorangetrieben, die Separation, wo nötig, aber zugelassen. Er spricht von einer «extremen Stigmatisierung», die eine Karriere in der Kleinklasse mit sich bringe. Eine Integration ins Berufsleben sei danach sehr schwierig (vgl. «‹Für alle› heisst: nicht für Laurin»).

An eine Durchlässigkeit des Systems, wie es die Basler Initiative vorsieht, wo ein Kind nur befristet in der Kleinklasse wäre und dann wieder in den Regelunterricht zurückkehrte, glaubt Felder nicht. «Dieses System ist schwer steuerbar und tendiert dazu, fortlaufend zu wachsen.» Die Zahl der ausgesonderten Kinder wuchs in Basel-Stadt bis zum Wechsel ins integrative System stetig, bis sie den Höchststand von über elf Prozent erreicht hatte – drei Mal so hoch wie heute.

Abgeschoben wurden früher überproportional oft Kinder ohne Schweizer Pass. Die Kleinklasse war ein Sammelbecken für Kinder, die den reibungslosen Unterricht störten. Um ein Kind loszuwerden, brauchte es keine Abklärungen, keine anfechtbare Verfügung, sondern bloss das Einverständnis der Eltern. «Dieses war bei Schweizer Eltern oft nicht leicht zu erhalten, ausländische Eltern dagegen konnten sich dem Druck schlechter widersetzen», sagt Felder.

Druck spürt auch Urs Bucher, Leiter der Basler Volksschule. Aufgrund der nötigen Abklärungen dauert es sehr lange, bis Kinder, die als schwer integrierbar gelten, in die noch bestehenden Spezialangebote wechseln können. Und die Unzufriedenheit vieler Lehrer:innen damit ist gross. Man müsse das ernst nehmen, sagt Bucher, er verspricht «Verbesserungen im System». Doch eine Rückkehr zur Kleinklasse lehnt er ab. Stattdessen rät er zu einer Rückbesinnung im Bildungswesen, auf das, was er «unsere Daseinsberechtigung» nennt: «Das Kind steht im Zentrum aller unserer Tätigkeiten – nicht die Lehrpersonen.»

Und doch kommt den Lehrer:innen eine zentrale Rolle zu. Zurück zu Dennis Hövel an der Hochschule für Heilpädagogik. Hövel glaubt, dass die Lehrer:innen der Schlüssel zum Erfolg sind. Oder vielmehr: den Schlüssel dazu in den Händen tragen. Heutige Lehrer:innen seien durchaus fähig, mit unterschiedlichsten Leistungsniveaus umzugehen – an den Anschlag bringt sie die Heterogenität im Verhalten. «Dabei gibt es bewährte Konzepte, um Stresssituationen für Kinder und Lehrkräfte zu vermeiden.»

Hövels Botschaft: Der Umgang mit Auffälligkeiten ist genauso gut beherrschbar wie jener mit Leseschwäche. Doch dieses Verständnis fehle mitunter an Schulen. Wer nicht verstehe, was im Klassenzimmer passiere, verschlimmere schwierige Situationen oft, statt sie zu entschärfen. Aggressionen etwa seien fast immer auf Ängste zurückzuführen. Sanktionen helfen also selten weiter. Woher kommen die Ängste, wie kann man ihnen begegnen? Heute wüssten oft nur Heilpädagoginnen und Schulpsychologen darüber Bescheid. Doch diese würden an vielen Schulen falsch eingesetzt: für die Eins-zu-eins-Betreuung statt den Unterricht vor der ganzen Klasse.

Hövel fordert einen Perspektivenwechsel. Heute wird integrative Schule als ein unbelastetes System verstanden, in das belastete Kinder integriert werden. «Doch alle Kinder sind irgendwo belastet», sagt Hövel. Studien seien da eindeutig: Würden Lehrer:innen eng mit Heilpädagog:innen gleichermassen an sozialen Kompetenzen wie an den akademischen Leistungen arbeiten, gäbe es auf allen Ebenen Verbesserungen.

Nicht isolieren, sondern integrieren

An einem ganz anderen Ort, bei der Basler Polizei, hat man ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Abteilung Gewaltprävention bietet Hilfsangebote für Schulen an. Sie sind besonders beliebt bei gestressten Lehrer:innen, denn sie gelten als wirksam. Für grenzverletzende oder gewalttätige Kinder gibt es etwa ein zwölfwöchiges Konflikttraining. Am stärksten nachgefragt ist ein Programm namens Klassenintervention. Psycholog:innen der Polizei rücken aus, wenn Lehrer:innen Alarm schlagen. Auslöser sind Gruppendynamiken, die ein vernünftiges Unterrichten verunmöglichen, oder Konstellationen, in denen einzelne Kinder unter die Räder kommen. Leonie Meyer, Leiterin des Ressorts, sagt, sie würden immer mit der gesamten Klasse arbeiten – auch wenn das Problem vermeintlich bei einigen wenigen liege: «Das grosse Veränderungspotenzial liegt bei den Zuschauer:innen. Sie haben die Macht in der Klasse, denn sie sind die grösste Masse.» Meyer verteilt dann rote und grüne Karten an alle Schüler:innen, und diese schreiben darauf Dinge, die ihnen am Umgang untereinander gefallen oder nicht gefallen. Über mehrere Monate arbeiten sie dann gemeinsam daran, die roten Karten abzubauen. «Je früher wir herbeigezogen werden, desto erfolgreicher sind wir», sagt Meyer.

Verhaltensauffällige nicht isolieren, sondern integrieren; mit allen arbeiten statt mit wenigen; Konflikte frühzeitig erkennen und bearbeiten: Die Ansätze der Präventionspolizei unterscheiden sich nicht von Ansätzen, mit denen integrative Schule gelingt. Und doch wünschen sich gestresste Lehrer:innen ein Stück Vergangenheit zurück. Sie beklagen, Basel-Stadt habe es mit seiner konsequenten Umsetzung der Integration zu weit getrieben. Dabei ist Basel, wie die übrige Schweiz, bestenfalls auf halbem Weg stehen geblieben, wenn es um gleichwertige Bildung für alle geht. Der nächste Schritt dorthin lautet: inklusive Schule. In Italien werden 99 Prozent aller Schüler:innen gemeinsam unterrichtet – seit 1977. Trotz deutlich geringerer Ressourcen und vieler fehlender Fachkräfte: Die Inklusion ist unantastbar.

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