Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Schleichendes Ausbluten

Von Stephan Pörtner

Das Zugfahren ist nicht nur eine bewährte, sondern auch eine umweltschonende und damit zukunftsträchtige Reisemethode. Vor mehr als hundert Jahren noch gefördert und vorangetrieben, erlebt es seit vierzig Jahren ein schleichendes Ausbluten zugunsten des Auto- und Flugverkehrs, insbesondere auf der Lang- und Kurzstrecke, während sich die Mittelstrecke aufgrund der Erfindung des Pendelns einigermassen halten konnte. Besonders desolat ist die Situation in dem Land, das als Lokomotive Europas bezeichnet wird. Keine der vom selben Ort zu unterschiedlichen Zeiten auf verschiedenen Strecken reisenden Personen blieb auf Kurs, sodass man unverhofft auf Provinzbahnhöfen wieder aufeinandertraf und gemeinsam in überfüllten Zügen Richtung Heimat zuckelte.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Pöschwies») und lebt in Zürich. 2022 ist sein neuer Roman, «Heimatlos», im Bilgerverlag erschienen. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» sowie «Heimaltos» und «Pöschwies» sind im WOZ-Shop www.woz.ch/shop als Buch erhältlich

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