Auf allen Kanälen : Eine kaputte Familie

Nr.  24 –

Eine Recherche der «Zeit» zeigt Erschütterndes über die Tanzakademie Zürich – und ist leider doch nicht erstaunlich.

Stilisiertes Bild: Fuss mit Ballettschuh auf dem Logo der Tanzakademie Zürich

«Die taZ ist wie eine Familie, und wir sind alle sehr nah miteinander verbunden – das wird für immer in meinem Herz bleiben», sagt die junge Tänzerin in einem kurzen Film auf der Website der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Sechs Absolvent:innen des Jahres 2020 erzählen darin über ihre Zeit an der Tanzakademie Zürich (taZ), die der ZHdK angegliedert ist und als eine der renommiertesten Tanzschulen Europas gilt. Die Tänzer:innen sprechen von wunderbaren Jahren, in denen es zwar auch viele schwierige Momente gegeben habe, doch alles in allem seien sie gereift und hätten viel gelernt.

Beschimpft und gedemütigt

Ein etwas anderes Bild der taZ vermittelt eine erschütternde Recherche, die kürzlich auf «Zeit Online» erschien. Die Journalistin Barbara Achermann hat während fünf Monaten recherchiert, mit dreizehn ehemaligen Schüler:innen gesprochen, die zwischen 2007 und 2021 an der taZ waren, und Einsicht in deren Tagebücher, E-Mails und Essprotokolle erhalten. Die Recherche zeigt: In dieser «Familie» ist so einiges kaputt.

«Viele, die die taZ verlassen, sind psychisch und physisch am Ende. Junge Menschen berichten von Essstörungen, Depressionen, Angstzuständen und Suizidgedanken», schreibt Achermann. Dies erstaunt nicht, wenn man liest, was diese Jugendlichen und Kinder – die Grundausbildung beginnt bereits mit elf Jahren – über sich ergehen lassen mussten. Sie wurden von Lehrpersonen beschimpft, blossgestellt, gedemütigt und mit Schlüsseln oder Schuhen beworfen. Die Lehrer:innen dehnten die Schüler:innen so lange, bis sie vor Schmerzen weinten, die «Schlechten» mussten an der «Stange der Schande» trainieren. Zu wehren wagte sich niemand, zu gross sind der Traum von der Profikarriere und die Abhängigkeit von den Lehrpersonen.

Skandalös auch: Die Schule schrieb den Schüler:innen einen Body-Mass-Index (BMI) zwischen 16 und 18 vor. In einem Interview, in dem ZHdK-Rektor Thomas D. Meier mit den Missständen konfrontiert wird, erklärt er, dass dies im Rahmen eines Ernährungs- und Gesundheitskonzepts eingeführt und vom vertrauensärztlichen Dienst festgesetzt worden sei: «Wir wollten damit die Schülerinnen und Schüler schützen.» Allerdings gilt laut WHO ein BMI unter 18.5 als Untergewicht – kein Wunder, leiden die meisten Schüler:innen unter Essstörungen. Die mögliche Folge: ein relatives Energiedefizitsyndrom mit Symptomen wie verzögerter körperlicher Entwicklung, ausbleibender Menstruation, brüchigen Knochen oder grösserer Anfälligkeit für Infektionen und Verletzungen.

Auch wenn die Recherche der «Zeit» Erschreckendes aufzeigt, erstaunen die beschriebenen Zustände leider nicht. Erstaunlich ist vielmehr, dass so lange weggeschaut wurde. Denn in den letzten Jahren gerieten mehrere Ballettausbildungsstätten in Verruf: 2019 kam ans Licht, dass an der Wiener Staatsoper Kinder misshandelt wurden, im Frühling 2020 wurde der Leiter der Staatlichen Ballettschule in Berlin wegen Vorwürfen der Kindeswohlgefährdung freigestellt, und letzten Sommer schloss die Rudra-Béjart-Schule in Lausanne für mindestens ein Jahr nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung.

Hauptsache grazil

Warum sollte es also ausgerechnet in Zürich anders sein? An einer Schule, die mit Oliver Matz und Steffi Scherzer von zwei Ballettstars geleitet wird, die die staatliche Ballettschule im ehemaligen Ost-Berlin besucht hatten, eine der strengsten Schulen überhaupt. «Wir hatten das Glück, tolle Lehrer zu haben und mit den grössten Choreografen unserer Zeit zusammenzuarbeiten. Das müssen wir doch weitergeben!», sagte Matz in einem Interview 2006, ein Jahr nach seinem Antritt in Zürich. Wie er das pädagogisch anpackt und welchen Preis die Schüler:innen für ihren Erfolg bezahlen, interessierte lange niemanden. Hauptsache war, dass die androgynen, grazilen Gestalten möglichst schwerelos über die Bühne schwebten und Zuschauer:innen, Presse und Jury begeisterten.

Noch im Jahr 2015 schrieb swissinfo.ch über die taZ: «Hier unterwerfen sich Schülerinnen und Schüler von 11 bis 19 Jahren der strengen Routine einer klassischen Tanzausbildung, in ihrem Bestreben nach Vollkommenheit.» Kein Wort darüber, dass eine solche «Unterwerfung» auch ihre Schattenseiten haben könnte.