Nr. 24/2022 vom 16.06.2022

Wer lebt da nicht mehr?

Von Alice Galizia

Ah, Spanien! Sonne, Meer, gutes Essen und die Sorgen einfach mal daheim lassen. Aber die Probleme des Ferienlands? «Dort vergisst man solche Dinge.» – «Im Urlaub rede ich nicht über Politik.» Solche Antworten bekam der schwedische Regisseur Vilgot Sjöman, als er 1967 für seinen Dokumentarfilm «Soy curiosa (Amarillo)» Spanientourist:innen fragte, wie sie zur politischen Situation, zur Franco-Diktatur stünden. Einige Ausschnitte daraus hat Ana Penyas in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Comic «Sonnenseiten» nachgezeichnet. Das mag etwas reisserisch wirken, ist aber doch ein guter Auftakt zu diesem Buch: In sieben Stationen zwischen 1969 und 2019 setzt es sich anhand mehrerer Generationen einer Familie mit dem Wandel an der Levante, der Ostküste Spaniens, auseinander. Ah, diese schmucken kleinen Städtchen am Strand: Aber wer lebt da, und wer bald nicht mehr?

Penyas folgt dieser ziemlich normalen Familie, nicht sonderlich arm, reich sicher nicht: Die Eltern verlieben sich Ende der sechziger Jahre ineinander, ziehen vom Dorf in die Kleinstadt, wo der Vater in einem Hotel eine Stelle bekommt; sie haben Kinder, die nach und nach zu den Protagonist:innen des Buchs werden. Und alles verändert sich: Nach Francos Tod 1975 endet die Diktatur, in den Achtzigern und den Neunzigern entwickelt sich der Tourismus vom lukrativen Wirtschaftszweig zum fast alles bestimmenden Phänomen. Vieles tönt Penyas in ihren warmen, mit Farbstift, Fotocollage und in Aquarell gearbeiteten Bildern nur an: die hohe Arbeitslosigkeit, die Kämpfe gegen die Gentrifizierung. Und immer wieder zeichnet sie ein Panel der gleichen Sicht aufs Meer – nur dass man das Wasser irgendwann vor lauter Hotelblocks kaum mehr sieht.

«Aber was sollen Touristen an so einem Ort gut finden?», fragt die Mutter einmal, als sie von den Plänen eines Architekturbüros hört, in ihrem Wohnviertel direkt neben dem Strassenstrich eine alte Klosterschule zu einem Hotel umbauen zu lassen. Wenige Jahre später sind nicht nur die Sexarbeiter:innen, sondern auch die Familie nicht mehr dort: Es ist zu teuer geworden.

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