Nr. 25/2022 vom 23.06.2022

Postsowjetischer Fiebertraum

Von Anna JikharevaMail an Autor:in

Es wird viel gesungen in «Petrov’s Flu», dem aktuellen Film des russischen Starregisseurs Kirill Serebrennikow: mal von einem grossmütterlichen Chor vorgetragen und mal von einer Countrysängerin mit Gitarre zum Besten gegeben. Allerdings sind die Lieder dann doch bloss Vorzeichen drohenden Unheils. So zum Beispiel, als die mit Superkräften ausgestattete Bibliothekarin Petrova das ausfällig gewordene Mitglied eines verstaubten Poesieklubs ermordet. Oder ist alles bloss ein fiebriger Traum?

Was wirklich passiert und was in den Köpfen der Protagonist:innen stattfindet, welche Szenen in der Vergangenheit spielen und wie die Gegenwart aussieht, bleibt am Ende ziemlich unklar. Ist aber vielleicht auch egal, denn eine wirkliche Handlung hat «Petrov’s Flu», der im Juli 2021 bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, aber jetzt erst in die Kinos kommt, ohnehin nicht.

Vielmehr kann man dem Mittvierziger Petrov, der tagsüber als Automechaniker arbeitet und nachts Comicbücher zeichnet, zweieinhalb Stunden dabei zuschauen, wie er im Grippedelirium durch eine postsowjetische Kulisse stolpert. Aber vielleicht ist es sowieso besser, gar nicht erst aufzuwachen und sich der tristen Realität einer russischen Fabrikstadt mit ihren sozialen Verheerungen und der Gewalt stellen zu müssen. Einer Stadt, durch die ein Bestattungswagen mit einem Sarg fährt, in dem lebendige Menschen liegen, die plötzlich aufstehen und sich verabschieden.

Die Betrachtung dieser dystopisch anmutendenden Gegenwart ist verstörend und faszinierend zugleich. In einer Szene hilft Petrov seinem gescheiterten Schriftstellerfreund Sergei auf dessen Wunsch beim Suizid. Begleitet von einem krächzenden Cover des Nick-Cave-Songs «Tupelo», zündet er Sergeis zu wenig gewürdigtes Manuskript an. Gerade noch schafft er es nach draussen, bis der Wohncontainer hinter ihm explodiert.

Möglicherweise existiert Sergei selbst auch nur in Petrovs Wahnvorstellungen. Oder es ist die einzige politische Aussage des Films, und Serebrennikow wollte die russische Welt in Flammen aufgehen lassen.

Zurzeit in den Deutschschweizer Kinos.

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