Nr. 26/2022 vom 30.06.2022

Neue Folgen im Parlament

Was beeinflusst die Schweizer Politik tatsächlich: das Geld, die Lobbys, Economiesuisse? Nein, eine dänische Fernsehserie!

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

Fotomontage: Politiker:innen aus der Serie «Borgen» mit Nationalratssaal im Hintergrund

Was macht Frau Nyborg denn in den heiligen Hallen der Schweiz? Die Serie «Borgen» fasziniert Politiker:innen von links bis rechts. Foto Nationalratssaal: Peter Mosimann; Montage: WOZ

Da ist sie also wieder, Birgitte Nyborg, wie gewohnt adrett gekleidet: beiger Mantel, schwarzer Hosenanzug, weisse Bluse – und mit kontrolliertem Blick steigt sie aus der Limousine. Sofort springt ihr ein hechelnder Assistent bei: «Ihr Zeitplan ist heute sehr eng!» Es steht eine Medienkonferenz mit der chinesischen Handelskammer an, die symbolisch vor dem Pandagehege im Zoo inszeniert werden soll.

Wir lernen schnell: Die Nyborg, einstige Premierministerin von Dänemark, ist jetzt also Aussenministerin, und unterwegs zu den Pandas erreicht sie auch schon die sensationelle Nachricht, die die neuste Staffel der Fernsehserie «Borgen» bestimmen wird: «Die haben Öl in Grönland gefunden!» Frage des Assistenten: «Glückwunsch, oder freuen wir uns nicht darüber?» Antwort Nyborg: «Nein, das kann ein Riesenproblem werden. Fossile Brennstoffe schaden dem Klima und gehören der Vergangenheit an.»

Die Serie «Borgen» begründete nebst dem Thriller «Die Brücke» oder den Krimis mit Kommissarin Lund das sogenannte nordische Serienwunder und avancierte zum Welthit. Benannt ist die Serie nach Schloss Christiansborg, dem Sitz von Parlament und Regierung in Kopenhagen. Es geht darin um die Machtkämpfe, die sich in der «Burg» abspielen, um Prinzipien und Opportunismus, die Wechselwirkung zwischen Politik und Medien – und das Privatleben der Protagonist:innen, nie ohne das obligate Glas Rotwein im Bild.

Die ersten drei Staffeln von «Borgen» wurden in den Jahren 2010 bis 2013 vom öffentlich-rechtlichen Sender DR1 produziert. Zehn Jahre nach dem Grosserfolg läuft derzeit beim Streamingdienst Netflix eine neue Staffel. Hier soll nun nicht spekuliert werden, wie das Drama um den grönländischen Ölfund mit all seinen Ingredienzien – Klimaerwärmung! Kolonialismus in der Arktis! Chinesische Weltherrschaft! – ausgeht. Vielmehr soll die Frage gestellt werden, ob «Borgen» in den letzten zehn Jahren auch von Politiker:innen in der Schweiz verfolgt wurde und ob die Serie gar als Vorbild für das eigene Verhalten dient.

Klar, Dänemark kennt im Gegensatz zur Schweiz ein Politiksystem mit Regierung und Opposition, ist EU-Mitglied und fliegt bei der Nato mit. Doch der Kleinstaat ist in vielem durchaus mit der Schweiz vergleichbar, bewegt sich zwischen fremdenfeindlichem Regress und gesellschaftlicher Gleichberechtigung und will in Zukunft ebenfalls viel zu teure F-35-Kampfjets kaufen.

Fragt man Politiker:innen zum Thema «Borgen» an, geschieht etwas Unerwartetes. Von den Grünen bis zur SVP melden sie sich, anders als bei Sachgeschäften, in Windeseile zurück und haben plötzlich sehr viel Zeit. «Die lustigste Anfrage, die ich je erhalten habe!» – «Ansonsten bin ich zurückhaltend, aber bei diesem Thema mache ich für Sie eine Ausnahme.» – «Ich bin den ganzen Tag erreichbar, rufen Sie mich einfach an.»

Inspirierende Frauenrollen

Wo also beginnen mit den Gesprächen? Am besten bei den Grünliberalen. Schliesslich lanciert Birgitte Nyborg ihre Karriere bei den «Moderaten» und gründet später «Die Neuen Demokraten». Die Partei gibt sich ökologisch, pragmatisch, aufgeschlossen – und wirkt dabei wie die dänische Blaupause für die hiesigen Grünliberalen. Und in der Tat: «Wir fanden die Serie vor zehn Jahren alle grossartig und wurden zu Fans», bestätigt GLP-Nationalrätin Corina Gredig. Schliesslich sei man damals noch eine kleine Partei gewesen, die erst im Aufbau begriffen war.

Da hätten sich durchaus Parallelen zu den Neuen Demokraten ziehen lassen. Gredig erinnert sich etwa, wie sie selbst einen Tisch ins erste Zürcher Büro der Partei trug. Auch Nyborg richtet ihre Parteizentrale in einer leeren Industriehalle ein. Wie die Neuen Demokraten seien auch die Grünliberalen mit allen möglichen Erwartungen konfrontiert worden, die sich längst nicht alle hätten erfüllen lassen. Nyborg trennt sich in diesem Prozess beispielsweise von radikalen Tierrechtler:innen, die ihr nicht ins Konzept passen. Gredig: «Auch wir mussten uns für eine Richtung entscheiden.»

Die studierte Politikwissenschafterin ist von der Serie so begeistert, dass sie sich die alten Folgen sogar zweimal angesehen hat. Mit den neuen hat sie erst begonnen. «Es bahnt sich die Zerstörung des Heldinnenmythos an», befürchtet sie. Birgitte Nyborg, die grosse Klimafreundin, unterstützt die Ölbohrung in Grönland. Zeigt sich hier nicht einfach der Opportunismus grünliberaler Politik? «Zwischen Ideal- und Realpolitik gibt es immer eine gewisse Spannbreite», meint Gredig. «Die eigenen Kernanliegen sollte man aber nicht aus den Augen verlieren.» Wie geht sie mit dem Risiko um? «Würde ich je in ein Regierungsamt gewählt, dann würde ich meine Grundsätze aufschreiben und in einem Couvert verschliessen.» In Momenten des Zweifels könnte sie es dann öffnen.

Die Serie hatte für Gredig aber noch eine andere Bedeutung, fern der Parteilogik. «Vor zehn Jahren war es für Frauen mit Kindern in der Schweiz nicht üblich, in der Öffentlichkeit eine eigene berufliche Karriere zu verfolgen. Bei ‹Borgen› waren nun plötzlich Role Models zu sehen, die es hier noch nicht gab.» Die Frauen in der Serie, darunter auch Fernsehmoderatorin Katrine Fonsmark, seien für sie ein Vorbild gewesen, dass sich Beruf und Familie vereinbaren liessen. «Das hat mich als junge Mutter ermutigt, in die Politik zu gehen.»

Auf Begeisterung stösst «Borgen» nicht nur bei der GLP, sondern auch bei jener Partei, von der sie sich abgespalten hat: den Grünen. «Ich schwärme für diese Serie, sehr unvernünftig sogar!», sagt die Waadtländer Nationalrätin Sophie Michaud Gigon. Sie schaue jeweils bis tief in die Nacht Folge um Folge. Auch sei sie fasziniert, wie Birgitte Nyborgs Rolle als Frau in der Öffentlichkeit ausgeleuchtet werde. «Die inneren und die äusseren Kämpfe stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Eine grossartige Schauspielerin», meint die Literaturwissenschaftlerin. «Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Belastung der Gesundheit und die Frage, auf wen man zählen kann oder ob man in den Anzug passt – damit sind Frauen in der Bundespolitik und in Führungspositionen oft konfrontiert», sagt die zweifache Mutter.

Dass die letzte Parlamentswahl eine Frauenwahl war, hat viele Ursachen. Schub hat besonders der Frauenstreik gebracht. Aber wie die Aussagen von Gredig und Michaud Gigon zeigen, die beide 2019 in den Nationalrat gewählt wurden, hatte auch eine dänische Serie zumindest eine gewisse Wirkung. Die neuste Staffel, meint Michaud Gigon, sei im Übrigen eine Warnung, bloss nicht das Leben neben der Politik aus den Augen zu verlieren. «Nyborg hat jetzt nur noch die Politik. Und je grösser das Vakuum bei einem Machtverlust wird, umso eher gibt sie auch ihre Prinzipien preis.»

Auch die SVP schaut mit

Ob dieser linksliberalen Begeisterung für «Borgen» – wie sieht man den Hype in der anderen Parlamentshälfte? Ein Anruf rechts aussen, bei Peter Keller, SVP-Nationalrat, früherer «Weltwoche»-Journalist, heute Generalsekretär der Partei, fördert Erstaunliches zutage. Auch er hat die Serie geschaut, «zumindest die beiden ersten Staffeln». Nach anfänglich schlimmsten Bedenken sei er fasziniert gewesen, wie Nyborg, diese «linksliberale Perfektionspolitikerin», einen Machtwillen und einen Führungsanspruch entwickle. In der dritten Staffel sei er dann aber ausgestiegen. «Da wird sie zunehmend zur heiligen Johanna stilisiert, und bei der Gründung ihrer neuen Partei werden Klischees über linke und rechte Gegner bedient.» Andere SVP-Mitarbeiter:innen seien der Serie allerdings treu geblieben, berichtet Keller: Die Kommunikationschefin der Partei schaue gerade die neusten Folgen.

Bei der eigenen Parlamentstätigkeit sieht sich Keller selten an «Borgen» erinnert. «Unser politisches System ist für diese Art der Skandalisierung ungeeignet. Alain Bersets Limousinenfahrten sind die Ausnahme.» Machtwillen und Opportunismus gebe es im Bundeshaus durchaus, doch wegen der Konkordanz würde kaum je ein Regierungsmitglied zum Rücktritt gezwungen. Und schliesslich sei die Schweizer Politik stark von der stets drohenden Möglichkeit eines Referendums geprägt: «Alles ist auf den Kompromiss, das Temperieren und Dämpfen ausgerichtet.»

Wie schliesslich beurteilt man die Serie ausserhalb des Parlaments: in den Regierungen und bei den Campaigner:innen? Auskunft geben der Basler SP-Regierungsrat Kaspar Sutter («Politik, so spannend wie ein Krimi!») und Marco Kistler von der linken Kampagnenagentur «digital/organizing» («Sehr gut gemachte Serie!»).

Sutter begann seine politische Laufbahn als Mitarbeiter der früheren Regierungsrätin Eva Herzog. «Bei dieser Tätigkeit liessen sich durchaus Analogien zur Serie ziehen.» Schliesslich sei «Borgen» geprägt von Spindoktoren, Stabsmitarbeitenden und Medienschaffenden – entsprechend hätten sie damals in der Verwaltung oft über die Serie gesprochen. Für seine heutige Arbeit als Regierungsrat hat Sutter gelernt, das politische Amt und das Familienleben strikt voneinander zu trennen. Damit sei dann aber auch Schluss mit dem Vergleich zwischen der fiktionalen Serie und der täglichen Realität. «Zum Glück ist die Politik in der Schweiz am Ende doch viel stärker am Inhalt orientiert», sagt Sutter.

Elitäres Machtgame

Marco Kistler, selbsterklärter Politserienjunkie, lobt ebenfalls die spannenden Drehbücher von «Borgen». Auch die Darstellung der Frauenrollen in der Politik sei inspirierend. Und natürlich sei uns das dänische Politsystem vertrauter als jenes in US-Serien wie «House of Cards». Dann aber setzt Kistler nach all dem überschwänglichen Lob für «Borgen» zu einem wohltuenden Rundumschlag an: «Die Politik wird darin doch auf ein sehr elitäres Machtgame zwischen Spitzenpolitiker:innen und Medienschaffenden reduziert.»

Kein Wunder, stehe eine grünliberale Partei im Zentrum. Soziale Bewegungen würden keine Rolle spielen. «Die Bevölkerung erscheint als Manipuliermasse, die mal jubelt und mal enttäuscht ist.» Alles in «Borgen» sei auf den nächsten Skandal ausgerichtet, Birgitte Nyborgs einziges Ziel bestehe im Ausloten ihrer Möglichkeiten zum Machterhalt. Eine irritierende Engführung sei das letztlich: «Es wäre wirklich mal Zeit für eine linke Serie mit einem breiteren Politikbegriff.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch