Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

«Die Zuschauer merken sofort, wenn etwas unecht ist»

Der dänische Fernsehsender Danmarks Radio reitet mit seinen Serien wie «Forbrydelsen» oder «Borgen» weltweit auf einer Erfolgswelle. Ihr Produzent Ingolf Gabold kennt das Erfolgsgeheimnis: talentierte DrehbuchautorInnen, die gebührend gefördert werden.

Von Sarah Stähli

«Du musst die Drehbuchautoren wie die Könige der Produktion behandeln»: Dies sagt der dänische TV-Serienproduzent Ingolf Gabold. Der Siebzigjährige ist dank seiner leitenden Funktion beim Fernsehsender Danmarks Radio (DR) mitverantwortlich für den riesigen Erfolg von dänischen Fernsehserien. Doch es sind die DrehbuchautorInnen, die dem dänischen Fernsehen zurzeit einen Boom bescheren und deren Produktionen zu Exportschlagern machen. Den Hauptgrund für den Erfolg sieht Gabold in der Wertschätzung des Berufs: «Bei uns haben die Autoren bei der Wahl des Regisseurs und der Schauspieler bis hin zum Setdesigner Mitspracherecht. Und das Wichtigste: Sie erhalten während der neun Monate Drehbuchentwicklung wöchentlich einen anständigen Lohn.» Ob die Krimiserien «Forbrydelsen» («Kommissarin Lund»), «Broen/Bron» («The Bridge») oder das Politdrama «Borgen»: Die Serien begeistern dank lebensnaher Dialoge, Figuren mit Macken und geschickt verstrickter Geschichten.

Bei der Auswahl der AutorInnen wendet Gabold, der bis im April 2012 Bereichsleiter Fiktionale Serien bei DR war, eine Art Talentraster an: «Drehbuchautoren brauchen in erster Linie eine grosse Vorstellungskraft, und sie müssen die Fähigkeit besitzen, zu analysieren und mehrere Schichten einer Geschichte visualisieren zu können. In einem ersten Treffen teste ich sie in einem Pingponggespräch in diesen Fertigkeiten.» Während des Entwicklungsprozesses stehen der Produzent der Serie sowie Gabold den AutorInnen durchgehend beratend zur Seite. «Drehbuchautoren brauchen Gesprächspartner, mit denen sie Brainstorming betreiben und die Geschichte gemeinsam weiterentwickeln können.»

Meister der Figurenzeichnung

Als Gabold Ende der neunziger Jahre bei DR begann, hatte er ein klares Ziel vor Augen: die Serien von ihrem verstaubten Image befreien und ihnen einen filmischen Anstrich geben. 1994 gab es bereits eine Serie, die bewies, dass es auch anders geht: Ein gewisser Lars von Trier wartete auf die Finanzierung seines nächsten Kinofilms, «Breaking the Waves», und drehte in der Zwischenzeit kurzerhand die Fernsehserie «Riget. The Kingdom», eine sperrige Mischung aus Krankenhausserie, Komödie und Horror. Billig produziert, unkonventionell und unerwartet: Die Strassen Kopenhagens waren zur Sendezeit wie leer gefegt. «Von Trier hat damals bewiesen, dass Fernsehen nicht geradlinig sein muss, dass ruhig etwas riskiert werden darf und: Er zeigte keinerlei Berührungsängste mit dem Medium Fernsehen.»

Diese Schranken müssten unbedingt abgeschafft werden, betont Gabold: «Früher dachten die Filmregisseure auch in Dänemark, sie kämen von einem anderen Planeten als die Fernsehregisseure.» Mittlerweile sei es gang und gäbe, dass Kameraleute, RegisseurInnen oder CutterInnen aus der Filmbranche fürs Fernsehen rekrutiert werden. «Es ist eine gegenseitige Bereicherung. Für die Regisseure ist die Arbeit an einer Fernsehserie ein guter ‹Nebenjob›, während dessen sie am Drehbuch für ihren nächsten Film arbeiten. Und die Schauspieler sind sowieso gezwungen, Theater, Film und Fernsehen zu machen, um überleben zu können. Dänemark ist ein kleines Land.»

Ein glänzendes Beispiel eines erfolgreichen Drehbuchautors ist Tobias Lindholm: Vor fünf Jahren erst hat er die Filmschule in Kopenhagen abgeschlossen und bereits mehrere Drehbücher für den Regisseur Thomas Vinterberg verfasst – darunter den 2012 in Cannes ausgezeichneten «Jagten» – sowie zwanzig Episoden von «Borgen». Lindholm ist ein Meister der Figurenzeichnung. In «Borgen» stehen neben der Premierministerin deren Imageberater und eine ehrgeizige TV-Journalistin im Mittelpunkt: drei unbequeme und wirklichkeitsnahe Figuren. In einem Gespräch mit dem Magazin des Dänischen Filminstituts beschreibt der 35-Jährige seine Vorliebe für Verkürzungen: «Amerikanische Filme haben die Tendenz, die Figuren überdeutlich zu erklären, bis zu dem Punkt, an dem ich aufhöre, mich für sie zu interessieren.» Er versuche, möglichst wenig über eine Figur zu erzählen und trotzdem ein komplettes Bild von ihr zu entwerfen: «Ich will keine zu offenkundigen Emotionen zeigen: Nicht die Figuren sollen weinen, sondern das Publikum», so Lindholm.

Mit dem Velo zur Königin

Lindholms «Borgen» lockte im Schnitt rund 1,5 Millionen DänInnen vor den Fernseher, die letzte Folge der ersten Staffel von «Forbrydelsen» hatte gar über 2 Millionen ZuschauerInnen, bei einer Bevölkerungszahl von fast 5,5 Millionen. Gute Einschaltquoten im eigenen Land sind das eine, aber die dänischen Fernsehproduktionen feiern weltweit Erfolge und heimsen Preise ein, von denen das Schweizer Fernsehen nur träumen kann: «Forbrydelsen» schnappte an den britischen Bafta-Awards «Mad Men» die Auszeichnung weg; «Borgen» wurde bereits in fünf Kontinenten verkauft; von «Forbrydelsen» gibt es ein amerikanisches Remake, und von «Borgen» und «Broen/Bron» ist eines in Produktion.

Wie haben Gabold und sein Team es geschafft, dass die heimischen Produktionen auch im Ausland funktionieren? «Als ‹Borgen› den Prix Italia gewann, waren wir zuerst auch überrascht. Wie kann eine Serie über eine dänische Premierministerin die Italiener interessieren?» Der Produzent sieht den Erfolg wiederum in der Art, wie die Geschichte erzählt wird: «Ich nenne es Double-Storytelling: eine persönliche Geschichte, Figuren, mit denen wir uns identifizieren können, gemischt mit einer globalen Ebene.» So geht es auch in «Forbrydelsen» – dessen Hauptfigur die beziehungsunfähige Kommissarin Sarah Lund ist – nicht nur darum, einen Mord aufzuklären, sondern gleichzeitig um politische Intrigen, den Wert der Demokratie, Dänemarks Beteiligung am Afghanistankrieg und die Finanzkrise. In einem Interview mit dem DFI-Magazin meinte Gabold: «Wir mischen die unterhaltsame amerikanische Art des Geschichtenerzählens mit der skandinavischen Tiefe. Die Zuschauer nehmen ihre Vitamine gerne, wenn sie in Nervenkitzel eingepackt sind.»

In allen drei Serien scheint sich zudem ein Muster zu wiederholen: Eine starke Frauenfigur muss sich in einer Männerdomäne behaupten und moralisch schwierige Entscheidungen treffen. «Mag sein, dass wir damit eine Art Rezept gefunden haben. Uns Skandinaviern ist es einfach fremd, Frauen als Sklavinnen oder als marienhafte Übermütter darzustellen. Und eine Frau in einer Machtposition, die zu Hause, mit ihrer Familie an Macht einbüssen muss, das verstehen alle – von Spanien bis in die USA.»

Bis auf ein paar allzu dänische Momente – etwa wenn die Premierministerin mit dem Fahrrad zur Audienz mit der Königin fährt – lasse sich deshalb «Borgen» problemlos für das amerikanische Remake adaptieren. Dabei sei es wichtig, dass in der richtigen «Sprache» gesprochen und die eigene Kultur widerspiegelt werde. «Die Zuschauer merken sofort, wenn etwas unecht ist und einfach ein amerikanisches Format kopiert wird.»

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