Badikultur : Haube auf, schnell duschen, ab ins Wasser

Nr.  28 –

Das Publikum eines Schwimmbads sei ein Abbild der Gesellschaft, ist der Bademeister der Badi Suhr überzeugt. Die WOZ hat sich in der Aargauer Agglomerationsgemeinde auf dem Badetuch niedergelassen.

  • Kind mit Flossen im Kinderbecken der Badi Suhr
    Das Geschrei des Nachwuchses als Grundrauschen: Kinderbecken der Badi Suhr.
  • Liegestuhlstapel in der Badi Suhr
    Warten auf die Kundschaft: Liegestuhlstapel am frühen Morgen.
  • Liegewiese und Schwimmbecken der Badi Suhr umgeben vom Industriegebiet
    Mitten in der Agglo: Rund um die Badi Suhr lässt die Migros verschiedene Lebensmittel produzieren.
  • Badileiter Steve Radam bei Reinigungsarbeiten am Beckenrand
    An manchen Tagen läuft er dreissig Kilometer hin und her: Badileiter Steve Radam.
  • Rettungsring und Alarmknopf am Beckenrand der der Badi Suhr
    Sicherheit first: Rettungsring zum Selberwerfen, wenn kein:e Bademeister:in in der Nähe ist.
  • Bodenreinigungsgerät im Sprungbecken der Badi Suhr
    Alles sauber, alles kontrolliert: Bodenreinigungsgerät im Sprungbecken.

Es ist Ende April, blaue Stunde, der Weg zieht sich. Er beginnt bei Gewerbe und Industrie, führt zu Einfamilienhäusern und Wohnblocks, bevor diese sich wieder mit Gewerbe und Industrie vermischen. Der Hochfrequenzton eines Katzenschrecks lässt eher auf Bünzlibewohner:innen schliessen. Bald sind links Blocks, rechts heruntergewirtschaftete Lagerhäuser: kaputte Scheiben, zerschlagenes Holz, Berge von Müll – und Natur. Es plätschert die Suhre, ein Flüsslein, wenige Hundert Meter vor ihrem Zusammenfluss mit der Wyna. Doch so weit führt mich der Weg nicht. Er trägt nun den Namen «Neuer Badiweg».

Das Tor steht offen. Niemand fragt im Morgengrauen, ob ich ein Saisonabo habe. Die Wiese ist leer. Im Dämmerlicht erscheint eine Gestalt mit Rucksack-Laubbläser. Es ist Daniela Nusseck, die stellvertretende Leiterin des Schwimmbads Suhr, wie ich später erfahre. Steve Radam kommt auf mich zu. Er ist geradezu ansteckend wach. Der Leiter der Badi sagt, er sei nervös. Man sieht ihm die Vorfreude an.

Endlich wieder Saison! Der Saisonstart sei immer speziell, aber dieses Jahr besonders – nach den Unwettern, und nachdem die Pandemie und die damit verbundenen Massnahmen auch im Freibad spürbar waren. Radam und sein Team mussten die Geländer am Sprungturm jede Stunde desinfizieren. Manche Gäste sind ferngeblieben, andere sind gekommen, aber waren weniger gesellig. Wird mit dieser Saison wieder Normalität einkehren?

Radam hoffts. Dafür arbeitet er seit Monaten. Ausfälle wegen Corona, Handwerker:innenmangel im Folienbau – manchmal habe er gebibbert in den letzten Wochen, ob alles rechtzeitig klappt: «Bevor es anfängt, musst du jedes Schräubchen kontrollieren.» Schrauben an der Wasserrutsche, Schrauben auf dem Spielplatz. Das Team ist auch bereit: Am Vortag hat es den obligatorischen Erste-Hilfe-Auffrisch-Tag absolviert.

Wir stehen jetzt im Betonraum unter dem Schwimmerbecken. Grau sind die Wände, laut pumpt das Wasser. Radam redet weiter, während er den Chlorgehalt einer Wasserprobe misst. Zwei Tests pro Tag sind gesetzlich vorgeschrieben – direkt vor dem Saisonbeginn misst er die Werte aber dreimal. «Nun ist alles bekannt, pH-Wert, Lufttemperatur, Wassertemperatur. Nur die Besucherzahlen kennen wir noch nicht.» Etwas Letztes gibt es doch noch zu tun: Seit sechzehn Jahren leitet Radam das Schwimmbad Suhr. Über die Jahre machte er es sich zur Tradition, als Letztes vor der Eröffnung die Aargauer und die Schweizer Flagge zu hissen. Während er die Fahnen hochzieht, treffen bereits die Gemeinderät:innen aus der Badikommission und ein Journalist der Lokalzeitung ein.

30. April, ein Samstag, 8,7 Grad Celsius Lufttemperatur – die Glacékarte schwingt im Wind. Kein Badiwetter, aber trotzdem ist Eröffnung, ein Grund zum Anstossen! Für die Mägen, die das frühmorgens aushalten, gibt es Schaumwein. Ein Gemeinderat hat Yufkagebäck mitgebracht. Die letzten Geranien werden postiert. Das Gastroteam macht sich bereit, die Kasse ist schon parat. Dann öffnet sich das Schiebetor und gibt den Blick frei auf die, die schon warten.

Es sind so einige. «Flurina, Mensch, das ist ja ein Ding!» Radam kennt die meisten mit Namen. «Brigitte, immer pünktlich! Das Abokärtli hast du schon. Darfs ein Apéro sein?» Das Interesse am Apéro ist bescheiden. Die ersten Badibesucher:innen sind nicht deswegen hier: In Flipflops und Daunenjacke rennen sie in die Umkleide oder direkt zum Becken. Badehaube auf, schnell duschen, ab ins Wasser. Die Erste springt mit Stil, der Zweite mit einem Bauchplatscher. Die Ziffern der Badiuhr zeigen 08 Uhr 02. Das Wasser wird die ganzen zwanzig Wochen lang auf 24 Grad geheizt.


Manche kommen zum Schwimmen in die Badi; andere «gehen in die Badi» – dass das elementare Unterschiede sind, ist in der Badi Suhr Allgemeingut. Die, die am ersten Tag hier sind, wollen schwimmen. Die Eile, mit der es die Senior:innen zum Becken zieht, hat nichts mit dem kalten Boden zu tun. Sie werden auch in den nächsten zwanzig Wochen einen Wettbewerb daraus machen, wer als Erstes im Wasser ist. «Es sind immer dieselben», verrät Daniela Nusseck mit verschmitztem Blick.

Die jungen Leistungssportler:innen des Schwimmvereins Aarefisch haben es weniger eilig, den Beckenrand zu erreichen. Sechs Senior:innen schwimmen schon im 50-Meter-Becken ihre Längen, als das Training startet. Sechzig Kilometer: Das ist das Wochensoll der Schwimmelite – fordernd genug, dabei verbrennt man wohl so einiges. Nach ihrem Training gönnen sich einige dann auch eine Portion Fritten.

Nusseck hat heute Restaurantdienst. Sie gehörte einst selbst zum Stammpublikum. Als sie im grossen Sportartikelgeschäft in Suhr arbeitete, verbrachte sie jede Mittagspause in der Badi. Sie kam ins Gespräch mit Radam, bildete sich aus, sattelte um. Heute ist Nusseck stellvertretende Betriebsleiterin, Schwimmlehrerin, Koverantwortliche fürs Restaurant – und zufriedener. Dabei merke sie aber, wie die Bedeutung der Badi in vielen Kinderleben sinke. Noch immer würden die Kinder «kribbelig», sobald die ersten Hitzetage starten, doch bald darauf hätten «sie es wieder gesehen». Es gebe heute so viele Alternativbeschäftigungen. In ihrer Kindheit sei die Badi der Ort gewesen, wo man hin sei, wo alles passiert, ausdiskutiert und verhandelt worden sei. «Früher war die Badi das Highlight.» Nusseck sagt, im Team studierten sie ständig daran herum, wie man die Begeisterung für die Badi erhalten könne – durch das Vollmondschwimmen etwa. Aber die Entwicklung lasse sich nicht rückgängig machen.

Die fünf Senior:innen, die eben noch um die Wette rannten, sitzen nun auf der Caféterrasse. «Vor zehn Jahren waren wir noch zwanzig Leute in unserer Morgenrunde!» Manche seien gestorben. Die Übriggebliebenen bilden eine eingeschworene Gruppe, die sich auch im Winter regelmässig trifft. Und warum schwimmen sie immer frühmorgens? «Wir sind etwas heikel gegenüber Leuten», sagt eine Frau. «Ich kann doch nicht bis um zehn im Näscht liegen und abwarten, bis ich schwimmen gehe», meint ein Herr.

«Schaut, die Hündeler draussen!», sagt Radam, als er sich dazusetzt. «Selbst die haben auf die Saison gewartet.» Damit sie während dem Gassigehen was zu sehen haben. Noch ist er mit Vorfreude geladen. «In ein paar Wochen, wenn erst mal alles wieder läuft, wirst du merken, wie viel ruhiger ich werde.»


Als er mich ein paar Wochen später im 50-Meter-Becken ausmacht, sagt Radam: «Du musst geniessen, einfach geniessen.» Am ersten Morgen der Saison war es still, abgesehen von den Anweisungen des Schwimmtrainers. Bei den folgenden Badibesuchen – Mitte Mai, Mitte Juni, Ende Juni – herrscht ein Grundrauschen aus Kindergeschrei. Kaum ein Unterschied, ob es vier oder vierzig sind. Manchmal dringen Satzfetzen von Erwachsenen durch. Das zweite Mal komme ich mit den Gewitterwolken in der Badi an.

«Boah, ist das kalt. Lass uns eine Länge schwimmen, und dann verpissen wir uns.»

«Vamos, Isabel!»

«Lueg mol, wie es kommt! Zieh dich an, sonst müssen wir nachher im Regen heimfahren.»

Die Suhre fliesst durch das Schwimmbadgelände hindurch. Das Flüsslein ist eingezäunt, ein Zaun stoppt Menschen, aber nicht das Wasser. Am nächsten sind Badibesucher:innen der Suhre, wenn sie auf der Terrasse sitzen, wo sie dem Fliessen unter ihnen durch die Lücken im Holz zuschauen können. Nicht nur wegen Corona war die Saison 2021 eine harsche für die Badi: Mit den Unwettern im letzten Jahr kam die Flut. Auf den Videos sieht man helle Rechtecke: das 50-Meter-Becken, das Sprungturmbecken – alles zwischen braunen Wassermassen. Die Technikräume im Untergrund: geschrottet.

An diesem Tag im Mai ist es bloss etwas Regen. Wo die Sonne durch die Wolken dringt, bleibt es heiss. Manche Picknickkörbe sind hastig gepackt; andere Besucher:innen schwimmen einfach weiter. Wieder andere bleiben auf den Tüchern liegen und lassen sich berieseln.

Ein paar Wochen später; die Temperatur schwankt zwischen 25 und 30 Grad. Ist jede Badi ein ewig gleicher, gar ein reaktionärer Ort? In der Umkleidekabine riecht es noch wie vor dreissig Jahren. Die «Schlecksäckli» kosten immer noch zwei Franken, wie in den Neunzigern. Die Mackerjungs auf dem Sprungturm sind noch die gleichen. Die Auswahl der Leihlektüre beim Eingang reicht vom «Spick»-Jugendmagazin über die «Brigitte» bis zu «Dr. Quinn»-Romanen. Ich sehe Stofftaschen mit Regenbogen, aber auch viele Geschlechterklischees und -normen. Wer baden gehen will, muss seinen Körper zeigen. Manche fühlen sich anscheinend wohl – auch wenn sie nicht aussehen wie gemeisselt. Um in die Badi zu gehen, muss man seinem Körper gegenüber mindestens indifferent sein.

Eltern mit kleinen Kindern schlagen ihr Lager häufig nah am Spielplatz auf – der ist auch weit weg von den Becken. Da kann das Kind schlecht unbemerkt im Wasser verschwinden. Auf dem Sandfeld spielen sie Volleyball, fünf gegen sechs. Drei Jungs springen Hand in Hand ins Schwimmerbecken. Das darf man nicht. Der Bademeister geht zu ihnen. Wie alle Bademeister:innen trägt er eine verspiegelte Sonnenbrille. Die Sonne drückt; viele sind im Wasser.

Auf der Wiese entsteht eine Landschaft aus leeren Badetüchern. Deren Motive zeigen Eidechsen, den Verlauf der Côte d’Azur, ausgebleicht; eine Katze, die auf einem Halbmond sitzt. Gruppen von unter Sechzehnjährigen kommen an, schmeissen ihre Tücher auf das frisch gestutzte Grün und rennen zum Sprungturm. Gruppen von über Sechzehnjährigen suchen sich einen Platz, packen Vorräte wie für einen Filmmarathon aus ihren Taschen, legen ihre Tücher fein säuberlich auf den Boden, lassen sich – von der Schwerkraft gelenkt – drauf‌fallen. Und dann liegen sie. Sie liegen eine Stunde, anderthalb, mindestens, bis sich eine erste Person mal aufsetzt. Ist ein Teil des dösenden Rudels wach, nehmen sie das Becken in den Blick – wie eine Gruppe fauler Raubkatzen, die schauen, welche trägen Beutetiere sich am Wasserloch besammeln. Die Raubkatzen müssen essen; die Jugendlichen müssen schwimmen, wenigstens eine Länge – wenn sie doch schon hier sind.

«Es ist nur Spass, es ist nur Spass!»

«Nein, am Freitag gehts nicht, da hat er eben Geschäftsessen.»

«Es ist nur Spass, es ist nur Spass!»

«Das ist im Fall kein Seich, die sind mit gefrorenen Koteletts gekommen.»

«E schöni Badi söt en Grill ha.»

«Wir wollen spielen, es ist nur Spass.»

«Hey Ibrahim, meine ganze Familie geht duschen.» – «Alte, ich dusch daheim.» – «Ich möchte eben noch in der Strasse spielen.» – «Ich auch, trotzdem dusch ich daheim.»

Doch bis sie sich zum Schwimmen durchringen, schauen die Hängenden gelangweilt. Wie Kinder den Längenschwimmer:innen in die Route springen, interessiert die Jugendlichen nicht; auch nicht der Typ, der mit dem T-Shirt im Wasser ist. Das alles ist Sache der Bademeister:innen. In der hitzemüden Stimmung reissen die Jugendlichen dann irgendwann eine Chipspackung auf, reichen sie der Nebenperson. Schwimmen können sie auch abends noch, wenn es ruhiger ist. Wenn das Grundrauschen aus Kindergeschrei lückenhaft wird.


Ding Dong, Ding Dong – ob es genau die Tonfolge der Schulhausglocke ist? Dann die Durchsage:

Liebi Chind, wenn ihr noch nicht vierzehn seid und euch kein Erwachsenes begleitet, müsst ihr das Schwimmbad um sechs Uhr verlassen. Schön wäre, ihr würdet es so verlassen, wie ihr es angetroffen habt. Nämlich sauber!

Die ersten Worte wecken in allen, die sie hören, die ewige Primarschülerin, den ewigen Primarschüler. Im sächlichen Erwachsenen steckt die ganze Schweiz: Ein Erwachsenes, das ist so viel kindlicher als «eine erwachsene Person». Doch dann gibt es einen kleinen Schlenker ins Passiv-Aggressive: der Ursprungszustand «wäre schön». Es ist keine Regel, keine Pflicht, man wagt es gar nicht zu hoffen. Aber «es wäre schön». Die Ansage ist die «Bad Cop»-Variante, die die Kinder zur Folgsamkeit bringen soll. Der «Good Cop» ist der freundliche Bademeister, der vielleicht eine Viertelstunde nach sechs am Beckenrand kniet und Kinder, von denen er genau weiss, dass sie jünger sind, vorsichtig fragt, ob sie denn wirklich schon vierzehn seien.

Erwachsene zahlen in Suhr sieben Franken für einen Einzeleintritt. Schüler:innen aus Suhr, Buchs, Gränichen und Aarau haben mit Schülerausweis Gratiseintritt. In Aarau hat man ein eigenes Freibad. Die Badi Suhr ist für die Agglogemeinden und die Dörfer südlich von Aarau da. Suhr, Buchs und Gränichen tragen die Kosten für die Badi zusammen. Suhr, knapp 11 000 Einwohner:innen, und Buchs, gut 8000, gehen im Südosten der Kantonshauptstadt Aarau ineinander über. In beiden Orten gibt es sowohl Einfamilienhäuser als auch Blocksiedlungen. Beide sind industriell geprägt. Von der Badi aus sieht man die Baustelle für das siebte Silo im nationalen Migros-Verteilzentrum, auf Suhrer Boden. Dahinter, auf Buchser Grund, produziert die «Schoggi Frey» M-Budget-Schokolade ebenso wie teure Tafeln. In Gränichen wiederum wird gebacken: in einer von elf Grossbäckereien des Detailhandelsriesen. Gränichen, südlich der Badi, hat zwar auch Industrie, aber wirbt für sich als «Dorf zum Daheimsein». «Daheim» ist in vielen Fällen hinter dem Gartenzaun des Einfamilienhauses. Die Badi Suhr muss also für Stadt und Land, vor allem aber auch für Leute im Dazwischen da sein.

Radam sagt: «Jede Badi ist immer Abbild der Gesellschaft.» Man könnte sagen: Diese Badi ist typisch schweizerisch. Einmal hat der Schwingklub den Grill reserviert, und ein Grillmeister mit beeindruckendem Schnauz packt nur Cervelats oder Bratwürste auf den Grill; ein andermal feiert dort eine Familie mit Cevapcici und Peperoni. «Duschen obligatorisch – Duş yapmak zorunludur – obligatno tuširanje», so die Schilder auf Deutsch, Türkisch, Kroatisch.

Die Badi bedient sehr verschiedene Anspruchsgruppen, wie es vielleicht soziokulturelle Animator:innen ausdrücken würden. Angefangen bei der 8-Uhr-Schwimmgruppe bis zu übermütigen Jugendlichen, die ihre «Arschbomben-Contests», wie Radam sie nennt, unbedingt dort machen wollen, wo die Schwimmer:innen ihre Bahnen ziehen. «Das geht nicht, dafür haben wir ein eigenes Becken.» Wobei das noch zu den harmloseren Situationen gehört, in denen Bademeister:innen einschreiten müssen. Manchmal werden Leute nach Hause geschickt, mal gibt es ein dauerhaftes Badiverbot. Das komme etwa fünfmal pro Saison vor.

Öffentliche Badis erwirtschaften nie einen Gewinn; Radam findet das richtig so. Er findet es aber genauso richtig, dass man in Suhr – anders als etwa in der Stadt Bern, wo alle öffentlichen Bäder gratis sind – Eintritt zahlt. «Mit dem Eintrittspreis schliesst du einen Kaufvertrag ab, du akzeptierst so die Hausordnung», führt er aus. Ohne sei es kaum möglich, ein Hausrecht durchzusetzen. «In öffentlichen Parks muss man bei jedem Konflikt die Polizei rufen.»

Ein junger Bademeister wirft einem Jungen den Ball zu, dieser wirft ihn im Dreieck weiter. Drei, vier ruhige Minuten lang. Die Bademeister:innen sind eben keine Badipolizei – auch wenn sie in meinen Kindheitserinnerungen nur als solche vorkommen. «Hast du gerade ein Foto gemacht?», fragt mich dieser Bademeister dann, als ich nah am Becken auf mein Smartphone tippe. Generell gilt hier Fotoverbot. Ich antworte wahrheitsgemäss: «Nein, eine Notiz; nämlich: ‹Der Bademeister wirft auch mal selbst einen Ball›.» Das freut ihn dann. Kein Regelverstoss.


Die Badi ist öffentlich und privat gleichermassen. Anders als an einem Flussufer schafft eine Badi klare Grenzen, ein Innen und ein Aussen. Die Hündeler:innen können nicht rein, sie können nur reinschauen. Als Journalist ist das ein Gratgang: Wie beschreibt man, dass sich die Leute hier auf ihre Handtücher fallen lassen, als wäre es ihr Sofa zu Hause – ohne dass man diese Privatheit stört? Ich halte mich zurück. Gleichzeitig ist das Gefühl von Privatheit so verbreitet, dass manche Badibesucher:innen sich verhalten, als wären sie zu Hause. Und zu Hause ist es, leider, nicht bei allem am schönsten. Auch das ist Badi: Alltagsrealitäten, die man lieber verdrängen als beobachten möchte. Etwa jene Mutter, die ihre jüngere Tochter wenige Meter neben mir übers Kreuz nimmt und schlägt. Weil sie nicht ruhig auf dem Handtuch sitzt. Als die Mutter im Wasser ist, schlägt die ältere Tochter ihre Schwester genau gleich. Das hätte ich lieber nicht gesehen.

Bei meinem letzten Besuch spricht Radam viel über «Leitplanken», auch über Regeln und Verbote. Es ist ihm ernst; er ist sehr ernst. «Es ist laut, es ist Unordnung, es ist Chaos», sagt Radam, «es ist anstrengend.» Über 400 Kilometer ist der Badileiter im Juni gelaufen, an manchen Tagen dreissig. Immer hat er dabei die Becken im Blick. Man lerne sofort zu erkennen, wenn etwas nicht stimme. «Du siehst es Eltern an, wenn sie ihre Kinder suchen», sagt er, «du siehst ihnen auch an, ob sie auf ihre Kinder achten oder nicht.» Er möchte nicht, dass sich Menschen fürchten – aber es wäre ihm lieber, wenigstens die Erwachsenen wären sich der Risiken bewusst.

Die Saison lief gut bisher. An Spitzentagen hatte die Badi 2700 Eintritte. Das Restaurant machte gute Umsätze. «Rekord hier, Rekord da – aber das Wesentliche ist etwas anderes.» Am Ende gehe es darum, dass alle unversehrt nach Hause kommen. «Das ist einfach das Wichtigste.»