Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

«Gelassenheit ist das Wichtigste bei diesen Temperaturen. Ich schwimme ein paar Züge, bis sich die Haut an die Kälte gewöhnt hat»

Im Dezember draussen schwimmen zu gehen, klingt für viele verrückt. Aber der Körper gewöhnt sich an die Kälte, wenn man nach dem Sommer einfach nicht mit dem Badengehen aufhört. Ein Selbstversuch in der Alten Donau in Wien.

Von Karin Cerny

«Die Kälte hämmert auf die Haut wie Nadelstiche»: Karin Cernys Idealzeit im Wasser beträgt derzeit acht Minuten. Foto: Helma Bittermann

24. November: Sechs Grad, vierzehn Minuten, starkes Zittern. Auf Instagram führe ich ein kleines Winterschwimmtagebuch. Aufgelistet sind die Wassertemperatur, wie lang ich schwimme und wie es mir danach geht. Auf einem Foto sieht man, wie glücklich ich im Wasser bin. In einem Video, das kurz darauf aufgenommen wurde, wie heftig ich auf dem Heimweg im Bus zittere. Es schüttelt mich richtig durch.

Manchmal sieht man auf meinen Bildern im Hintergrund Menschen in Winterjacken, die es nicht fassen können, dass jemand bei diesen Temperaturen entspannt im Wasser seine Runden zieht. Dann wird mir erst wieder bewusst, wie exotisch Eisbaden für viele ist. Und ich nehme mich da selbst gar nicht aus: Letzten Winter wäre ich auch noch am Ufer gestanden und hätte mir gedacht: verrückt, aber irgendwie auch faszinierend. Heuer wollte ich wissen, wie lange ich es schaffe, trotz zunehmender Kälte schwimmen zu gehen. Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, damit aufzuhören.

Das erste Mal

Ich bin kein sonderlich sportlicher Mensch und suche auch nicht ständig nach einem neuen Kick (Bungeespringen, nein danke!). Ebenso wenig möchte ich über meine Grenzen hinauswachsen, um ein anderer, besserer Mensch zu werden. Gurus gehen mir auf die Nerven, und Jünger, die aus allem gleich eine Religion machen müssen, erst recht. Meine Motive sind banal: Ich möchte die Badesaison verlängern. Jedes Jahr fällt es mir schwerer, an den letzten Sonnentagen meine Badesachen für die Wintermonate wegzupacken. Bis fünfzehn Grad Wassertemperatur habe ich mich im Sommer schon angepasst, ohne es als unangenehm zu empfinden. Am ersten kalten Herbsttag bei einer Aussentemperatur von acht Grad und einer Wassertemperatur von elf Grad wollte ich es wissen – und traute mich kurz in einen See. Meine Eltern standen verunsichert am Ufer und meinten, sie könnten mich im Notfall leider nicht retten. War aber auch gar nicht notwendig. Es war weniger schlimm, als ich gedacht hatte. Es fühlte sich gut an.

Karin Cerny. Foto: Helma Bittermann

Eisschwimmen liegt im Trend, der niederländische Extremsportler Wim Hof hat kürzlich sogar in einer Folge der Netflix-Doku «The Goop Lab» einer Handvoll sehr komplizierter Mitarbeiterinnen von Gwyneth Paltrows Lifestyle-Brand an einem winterlichen See seine Methode erklärt. Atemtechnik und Aufwärmübungen im Bikini im Schnee, es wirkt, als bestünde die kleine Gruppe aus Shaolin-Mönchen. Hof ist hektisch und aufgekratzt, aber auch ansteckend mit seiner unbändigen Energie. Natürlich sind nach dem Sprung ins eiskalte Wasser alle von ihren Panikattacken und sonstigen Problemen geheilt. Hollywood lässt grüssen! Hof mag ja ein beeindruckender Sportler sein, aber warum muss alles dermassen opernhaft in Szene gesetzt werden? Warum kann man nicht einfach ruhig ins Wasser gehen? Ich verstehe, dass Wim Hof so viele AnhängerInnen hat. Aber Lust, einen Kurs bei ihm zu machen, habe ich keine.

Ich rufe stattdessen Josef Köberl an, den österreichischen «ice man». Er durchschwamm in vierzehn Stunden den Ärmelkanal von England nach Frankreich, legte im Grundlsee als erster Österreicher die sogenannte «ice mile» zurück, das sind 1609 Meter in unter fünf Grad kaltem Wasser. Und diesen September verbrachte er 2 Stunden, 30 Minuten und 57 Sekunden in einer Glaskabine voll mit Eis, was neuer Weltrekord ist (und womit er Wim Hof um mehr als eine halbe Stunde übertraf). Es gibt keinen besseren Spezialisten für Kälte als Köberl, der zudem Präsident der Ice Swimming Association Austria ist. Ab Oktober trifft sich der Verein jeden Sonntag zum Schwimmen, es kann kommen, wer möchte.

Tipps vom Profi

Wie soll ich mich vorbereiten?, frage ich Köberl am Telefon. Kalte Duschen, Eisbäder, Atemübungen? «Einfach nach dem Sommer nicht mit dem Schwimmen aufhören», meint er, «dann gewöhnt sich der Körper daran.» Köberl klingt wie der Anti-Wim-Hof, total entspannt. «Ich bin kein Guru», betont er: «Ich sage den Leuten nur, wie es geht. Dann muss es jeder selbst machen.» Das erste Treffen: An der Alten Donau ziehen sich an einem trüben Sonntag Anfang Oktober rund fünfzehn Leute bei dreizehn Grad Aussentemperatur die Kleidung aus. Köberl kommt in T-Shirt und kurzer Hose, vom Aufwärmen vorher hält er nicht viel, erst nachher sei es wichtig, sich warm zu halten. Teetrinken ist gut für die Nieren, denen die Kälte zusetzt. Er nimmt sich viel Zeit für die Neulinge, die bis zur Hüfte im Wasser stehen und zittern. «Fünf mal tief in den Bauch atmen, dann noch einen Schritt. Wenn die Atmung unruhig wird, lieber wieder einen Schritt zurück», sagt Köberl, der bereits putzmunter bis zum Hals im Wasser steckt und sehr entspannt dabei aussieht. Badehaube trägt er bei über zehn Grad noch keine.

Die Gruppe ist bunt, jeder hat andere Motive. Ein sympathischer Haufen von IndividualistInnen: Saif kommt aus Indien, er lebt seit einigen Jahren aus beruflichen Gründen in Europa. Die langen Winter sind hart für ihn. «Ich wollte nicht vier Monate lang depressiv sein, so hab ich mit dem Eisschwimmen begonnen», erklärt er. Silvija aus Litauen ist mit ihrem zwölfjährigen Sohn da. Vorige Woche hätten sie nur zugeschaut, diese Woche gehen die beiden selbst ins Wasser. Für den Jungen ist es eine Mutprobe, er ist stolz. Und die Mutter, die schon seit zwanzig Jahren kalt duscht und in Eiswasser schwimmt, ist glücklich, dass ihr Sohn ihre Leidenschaft teilt. David wiederum trinkt nach dem Schwimmen seinen Tee, ein Stück Schokolade hat er auch als Belohnung mit. Er ist bereits die zweite Saison hier, erkältet war er im Vorjahr kein einziges Mal, erzählt er. Für Überraschung sorgt William. Er ist zufällig mit dem Fahrrad vorbeigefahren und hat sich spontan angeschlossen. Mit Unterhose geht er ins kalte Wasser und fragt, ob wir uns regelmässig treffen.

Worauf muss man achten, um sich nicht zu überfordern? Als Ungeübte sollte man im Winter nie alleine schwimmen. «Es kann sehr schnell gehen am Anfang», sagt Köberl. «Man merkt es oft nicht im Wasser, dass der Kreislauf versagt. Erst nachher spielt der Puls verrückt, die Leute sind kreidebleich und lethargisch.» Gefährlich ist zudem, wenn man bereits im Wasser spürt, dass sich das Gesichtsfeld verengt. «Die letzte Stufe ist, dass das Bild zerfällt, wie eine Störung im Fernsehen.»

Meine bisher tiefste Temperatur war 2,9 Grad. Die ersten Schritte fühlen sich an, als würde einem das eisige Wasser die Luft abschnüren. Die Kälte verschluckt einen. Aufgrund des Schocks neigt der Körper zur Schnappatmung, die gefährlich werden kann. Gelassenheit ist das Wichtigste bei diesen Temperaturen. Ich schwimme ein paar Züge, bis sich die Haut an die Kälte gewöhnt hat. Erst dann tauche ich den Kopf unter zum Kraulen. Es ist der Moment, auf den ich mich am meisten freue: Glasklar ist das Naturwasser im Winter, überirdisch schön. Wie in einem Bergsee, obwohl ich mitten in der Stadt bin. Die Badehaube schützt ein wenig vor der Kälte, eigentlich hatte ich es mir schlimmer vorgestellt, den Kopf unterzutauchen. Wichtig sind Ohrstöpsel, weil es sonst zu chronischen Schäden kommen kann. Und eine aufblasbare Schwimmboje, um sichtbar zu sein, weil Ruderer im Winter nicht mit SchwimmerInnen rechnen.

Wie ein Alien sitzt die Kälte in mir

Beim Eisschwimmen habe ich gemerkt, dass Kälteempfinden etwas sehr Abstraktes ist. Man stellt sich vor, dass man eine Gänsehaut bekommt. Aber das ist erst der Anfang. Die Kälte hämmert auf die Haut wie Nadelstiche. Es fühlt sich an wie Fahrradfahren im Winter ohne Handschuhe. Nur am ganzen Körper. Oder wie früher als Kind, als man vom Schlitteln oder Schneemannbauen die Finger gar nicht mehr bewegen konnte. Beim Schwimmen in eiskaltem Wasser reduziert sich der Blutfluss in den Extremitäten, damit die wichtigen Organe wie Herz, Nieren, Lunge und Gehirn weiterhin versorgt werden können. Arme und Beine scheinen dem Körper nicht so zentral, deshalb fühlen sie sich relativ schnell taub an.

Die Hürde ist im Kopf, der sagt: Möchtest du dich jetzt wirklich ausziehen? Und ins kalte Wasser gehen? Deshalb denke ich vor Ort nicht lange nach, ich ziehe mich zügig aus, gehe zügig ins Wasser. Ich bereite mich lieber daheim mental vor, imaginiere, wie ich untertauche und die Kälte geniesse. Eisschwimmen bleibt trotzdem immer eine Herausforderung. Die Tagesverfassung ist jedes Mal anders: Manchmal kostet es verdammt viel Überwindung, aber im Wasser fühle ich mich sofort pudelwohl. Ein anderes Mal freue ich mich aufs Schwimmen, aber spüre die Kälte länger als gedacht. «Beim Eisschwimmen lernt man seinen Körper richtig kennen», sagt Eisschwimmprofi Köberl. «Jeder hat eine andere Toleranzschwelle, was Kälte betrifft. Hinzu kommt, dass man seine mentale Stärke trainieren muss.»

Keiner kann einem sagen, was für einen richtig ist. Man muss seine Grenzen langsam ausloten, herausfinden, wie lange man im Wasser bleiben kann. Die harte Zeit beginnt ohnehin erst danach. Oft bin ich krebsrot, eine Euphorie macht sie breit, für viele ist es genau das, was sie süchtig macht. Ich mag die Ruhe im Wasser lieber. Während des Anziehens, das mit klammen Händen durchaus herausfordernd sein kann, beginnt der sogenannte Afterdrop. Die Blutgefässe weiten sich wieder, das kalte Blut der Extremitäten fliesst zurück in den Rumpf. Die Temperatur im Körperinnern sinkt ab, obwohl man an Land ist. Am Anfang kann das ziemlich befremdlich sein. Wie ein Alien sitzt die Kälte plötzlich tief in einem. Kriecht den Rücken hoch. Breitet sich gnadenlos in den Adern aus. Da hilft keine noch so warme Kleidung. Die Kälte ist einfach da. Man muss sich mit ihr anfreunden. Ein Schluck heisser Tee tut gut. Und wieder durchatmen.

Ich habe ein Ponchohandtuch gekauft, wie ich es zuletzt als Kind getragen habe, um mich während des Umziehens zu wärmen. Und Ugg Boots, die muss man nicht schnüren, was anstrengend ist mit tauben Fingern. Dann zügigen Schrittes zu U-Bahn und Bus, selten habe ich Verkehrsmittel als so heimelig empfunden wie nach dem Eisschwimmen. Meist beginnt erst dann das grosse Zittern, ich kann meine Hände kaum kontrollieren. Einmal meinte ein Mann zum Spass in der U-Bahn: «Sie sehen aus, als ob Sie ins Wasser gefallen wären.» Ich hatte keine Kraft, ihm zu erklären, dass ich freiwillig baden gegangen bin.

Ein Gefühl von Freiheit

Der Körper braucht Zeit, sich wieder in Schuss zu bringen. Das Zittern hilft ihm dabei. Wie lange es dauert, hängt von der Zeit ab, die man im Wasser gewesen ist. Die eingangs erwähnten vierzehn Minuten am 24. November waren bei mir eindeutig zu lange, ich hatte kein High, dafür ein langes Low. Mit acht Minuten ist meine momentane Idealzeit gefunden, ich friere, aber nach einer Stunde bin ich wieder normal erwärmt. Bei unter vier Grad bleibe ich lieber nur fünf Minuten. Was man auf keinen Fall machen darf: sofort daheim eine heisse Dusche nehmen oder in die Sauna gehen. Dann schiesst nämlich das kalte Blut ungebremst zum Herzen, was sogar zum Stillstand führen kann. Auch Rubbeln beim Abtrocknen ist kontraproduktiv. Die meisten Unfälle passieren nicht im Wasser, sondern hinterher an Land, wenn sich die Menschen bereits in Sicherheit wähnen.

In einem Artikel habe ich gelesen, Winterschwimmen sei eine «Todeszone für Faule». Also quasi die Himalajabesteigung für Unsportliche. Diese These hat etwas: Winterschwimmen kann jeder, man muss es nur trainieren. Aber es ist und bleibt ein Extremsport, bei dem man sehr genau auf die Signale hören muss, die einem der Körper sendet. Deshalb ist es zentral, vorher einen Gesundheitscheck beim Arzt zu absolvieren, um abzuklären, dass man keine Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems hat.

Winterbaden hat eine lange Tradition, es gibt atemberaubende Bilder von Russinnen und Russen, die bei klirrender Kälte in einem Eisloch untertauchen. Eisbaden ist dort sowohl ein Volkssport als auch eine religiöse Praxis: In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar springen Hunderttausende Orthodoxe ins Eiswasser, um sich von ihren Sünden zu reinigen. Aber auch in Europa gibt es viele AnhängerInnen, schon Johann Wolfgang von Goethe soll das Eis der Ilm aufgehackt haben, um darin ein Erfrischungsbad zu nehmen. In Genf findet seit 1934 jährlich das Weihnachtsschwimmen Coupe de Noël statt.

Für manche ist Eisschwimmen eine Art Meditation. Andere wollen ihr Immunsystem stärken. Der Körper stösst Adrenalin, Endorphine und entzündungshemmende Kortikoide aus. Man fühlt sich erfrischt, klar im Kopf und euphorisch. Manche stehen im Wasser, andere tauchen nur kurz unter, wieder andere versuchen, länger zu schwimmen. Jeder muss für sich den passenden Weg finden. Gerade in Zeiten von Corona ist Eisschwimmen eine ideale Form von Social Distancing. Im kalten Wasser gibt es keine Drängelei. Während des Lockdowns trifft sich unsere Wiener Eisschwimmgruppe zwar nicht, aber über Zoom schliessen sich einige kurz, filmen sich, wie sie ins Wasser gehen, tauschen sich aus, wie es ihnen dabei geht. Damit der Kontakt nicht abbricht.

Mir gibt das Eisschwimmen ein Gefühl der Freiheit. Ich kann jetzt zu jeder Zeit in jedes Gewässer gehen. Und ich bin mit grosser Sicherheit dabei ziemlich alleine. Ein absolut exklusives Badegefühl, das sich mit wenig vergleichen lässt. Manchmal hängt der Novembernebel tief über dem Wasser, und die Welt ist in Schwarzweiss getaucht. Dann wieder scheint die Wintersonne so intensiv, dass es sich wie ein Sommertag anfühlt. Und der erste Schnee war unglaublich. Als ob ich gerade Urlaub in Sibirien machen würde. Selten habe ich mich der Natur näher gefühlt als beim Eisschwimmen. Selten habe ich mir so wenig gewünscht, dass es wieder warm wird. Der Winter kann ruhig noch ein wenig bleiben.

An Land ist Karin Cerny (52) freischaffende Kulturjournalistin in Wien.

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