Nr. 28/2016 vom 14.07.2016

«In Kabul gab es keine Bäder»

Im heissen Sommer 2015 sind in Schweizer Gewässern zahlreiche Flüchtlinge ertrunken. Das Hallenbad Zürich Altstetten hat darauf reagiert – und könnte zum Vorbild werden.

Von Sarah Schmalz

Arash Amiri (links) empfing Flüchtlinge im Hallenbad Altstetten viersprachig – Bademeister Dani konzentrierte sich auf die Badeaufsicht. Foto: Ursula Häne

Es war einer dieser drückend heissen Tage des letzten Hochsommers, ein unbeschwerter Tag mit meinen FreundInnen am Fluss. Zu fünft standen sie auf der Brücke über dem Flussbad der Zürcher Werdinsel, jugendliche Asylsuchende, übermütig erhitzt. Gleichzeitig sprangen sie ins kühle Nass. Einer der Jugendlichen tauchte dann nicht mehr auf. Das Bild der Frau, die später mit weit aufgerissenen Augen schilderte, wie er still unterging – eine Hand aus dem Wasser ragend –, blieb in meinem Kopf haften. Auch die kreisenden Helikopter, die unermüdlich am Ufer auf und ab rennenden Freunde des Ertrunkenen.

Das Ertrinken, sagt Sven Hirt, passiere leise – nicht wie in den Hollywoodfilmen, wo die Menschen wild mit den Armen ruderten. Hirt ist Geschäftsführer des Hallenbads in Zürich Altstetten, das zu den ersten Bädern gehörte, die letztes Jahr auf die steigende Anzahl Badeunfälle von Flüchtlingen reagierten. Unhaltbar sei die Situation zuvor gewesen, sagt Hirt. Am schlimmsten Tag retteten seine BademeisterInnen sieben in Not geratene Flüchtlinge aus dem Wasser. Zusammen mit dem nahe gelegenen Asylzentrum Juch erarbeitete man ein Konzept.

«Hallenbad Altstetten hat jetzt einen Flüchtlings-Bademeister» titelte der «Blick» im März, weil das gut klang. Arash Amiri, Familienvater aus Afghanistan, wusste jedoch genau, worin seine Aufgaben bestanden. Bereits im Asylzentrum Juch war er immer im Einsatz gewesen, meldete sich freiwillig für die kleinen Haushaltsjöbli, mit denen man als Asylsuchender ein wenig zusätzliches Geld verdienen kann. Langeweile halte er schlecht aus, sagt Amiri. Da er neben Farsi, Dari und Arabisch auch fliessend Englisch spricht, fragte man ihn Anfang des Jahres für den Job im Hallenbad Altstetten an. Also postierte sich Amiri neben der Kasse des Bades und hielt nach Flüchtlingen Ausschau.

Viele erkannte er, weil sie wie er im Juch wohnten, andere machte er an ihren suchenden Blicken aus. «Ich habe die Leute begrüsst», erzählt Amiri, «und ihnen erklärt, wie das hier im Bad läuft: Hast du Badehosen dabei? Hier sind die Umkleidekabinen, dort kannst du deine Sachen einschliessen. Kannst du schwimmen?» Viele der Juch-BewohnerInnen stammten aus Afghanistan. In ihrer eigenen Sprache empfangen zu werden, habe ihnen die Hemmungen genommen, sagt Amiri. «Sie haben sich zum Beispiel geschämt, in das Kinderbecken zu steigen. Ich habe ihnen dann gesagt, dass das Becken auch für erwachsene Nichtschwimmer ist.»

Kryptische Piktogramme

Die meisten Menschen, die in Schweizer Gewässern ertrinken, sagt Christoph Müller von der schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), könnten schwimmen. Die Faktoren, die zu ihrem Tod führten, seien andere: Überhitzung, die Selbstüberschätzung junger Männer, starke Strömungen, Alkohol. Für Flüchtlinge gelten die gleichen Risikofaktoren. Viele der MigrantInnen stammen zudem aus Ländern ohne Schwimmkultur. «Vielen ist nicht bewusst, dass es spezielle Fertigkeiten braucht, um sich überhaupt über Wasser zu halten», sagt Müller. «Sie sehen nur, wie sich die Einheimischen die Flüsse hinuntertreiben lassen, scheinbar mühelos, ohne eigenes Zutun.»

Wie viele Flüchtlinge in Schweizer Badis, Seen und Flüssen ertrinken, ist schwer zu eruieren, die offiziellen Polizeistatistiken unterscheiden nur zwischen Badeunfällen in der Schweiz und solchen von SchweizerInnen im Ausland. Im Hitzesommer 2015 starben in Schweizer Gewässern 51 Personen, 30 davon hatten ihren Wohnsitz in der Schweiz. Philipp Binaghi, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG), geht davon aus, dass darunter etwa 20 Flüchtlinge waren. «Die SRLG versucht, die Polizeistatistiken zu ergänzen», sagt er. «Wir stellen zu jedem Fall Nachforschungen an.»

Die hohe Zahl ertrunkener Flüchtlinge im Hitzesommer 2015 hat Binaghi alarmiert. In Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz und dem Verband Hallen- und Freibäder hat die SLRG eine Präventionskampagne lanciert. Doch ist die Kampagne nicht speziell auf die Situation nichtschwimmender Flüchtlinge zugeschnitten: Die SLRG hat ihre aus den Schweizer Badis bekannten Baderegeln auf Flyer und Plakate gedruckt. Kryptische Piktogramme: eine rote Sonne über einem ins Wasser springenden Bademännchen, rote Zacken im Wasser; «Springen Sie nie in unbekannte Gewässer», «Schwimmen Sie nie überhitzt». Die sechs Warnhinweise immerhin wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt – wer jedoch nicht lesen kann, wird nicht auf den ersten Blick aufgeklärt. Man habe schnell handeln müssen, sagt Binaghi. Es brauche aber sicher weitere Massnahmen. «Persönlich bin ich für subventionierte Schwimmkurse. Zudem könnte man in den Flüchtlingszentren für das Baden in offenen Gewässern Schwimmwesten herausgeben.»

Forderung nach Zutrittsverboten

Bern hat auf die beginnende Sommersaison hin als einzige Stadt das im Winter im Hallenbad Altstetten getestete Konzept übernommen: Das Sportamt der Stadt setzt in verschiedenen Badeanstalten Flüchtlinge ein. In Zürich wartet man ab: Man setze auf die Aufklärungskampagne und beobachte die Situation, sagt Ralph Kreuzer, Mediensprecher des Schul- und Sportdepartements Zürich. Schwimmwesten, Schwimmkurse – das alles sei letztlich eine Kostenfrage.

Ein paar warme Tage nur brauchte der Sommer 2016 für seine ersten vier Badetoten, darunter mutmasslich zwei Flüchtlinge. Für die Badis bleibt die Belastung hoch. «Sie springen ins Wasser und gehen unter wie ein Zäpfchen», sagt etwa Urs Blättler von der Badi Waldacher in Volketswil. «Hoch und runter, hoch und runter. Meine Bademeister belastet die Situation ungemein. Wir haben an Hitzetagen ohnehin 2000 bis 3000 Leute in der Badi. Wenn ich aber jemanden nicht reinlasse, bin ich der Rassist.» Blättlers Gefühl, im Stich gelassen zu werden, hat sich inzwischen der Volketswiler SVP-Kantonsrat Tumasch Mischol angenommen. In einem Vorstoss an den Regierungsrat bezeichnet er die Situation in den Zürcher Badis als «weit über dem normalen Risikopotential» liegend. Den Regierungsrat fragt er, ob dieser ein vorübergehendes Zutrittsverbot für nichtschwimmende Asylbewerber in öffentlichen Bädern in Betracht ziehe.

Daran habe er nie gedacht, sagt Sven Hirt vom Hallenbad Altstetten. Man sei schliesslich ein Genossenschaftsbad und wolle allen BewohnerInnen des Quartiers offenstehen. Mit dem Einsatz der Flüchtlinge seien die Vorfälle während des Winters wieder auf Normalniveau gesunken. Arash Amiri hat deshalb bereits seinen zweiten Nachfolger. Er könne selbst nicht schwimmen, sagt er zum Abschied. Früher sei das kein Thema gewesen: «In Kabul gab es keine Bäder. Wir hatten andere Sorgen.» Inzwischen aber existierten in der afghanischen Hauptstadt zwei, drei Hallenbäder. «Sie sind ein Zeichen der Hoffnung auf bessere Zeiten.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch