Nr. 28/2022 vom 14.07.2022

Wer war in Lugano?

Ein illustres Wirtschaftstreffen: Die WOZ macht die Teilnehmer:innenliste der Wiederaufbaukonferenz publik.

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

Zu den hehren Zielen gehörte die Transparenz: «Der Prozess des Wiederaufbaus muss transparent sein für die Menschen in der Ukraine», lautet einer der sieben Grundsätze, die zum Abschluss der Wiederaufbaukonferenz in Lugano letzte Woche ausgerufen wurden. So transparent, wie er sich nach aussen gab, war der Anlass selbst aber nicht. Zwar mochten die Namen der Regierungsmitglieder bekannt sein, die nach Lugano reisten. Nicht aber die der 500 Teilnehmer:innen, die über den Wiederaufbau berieten – darunter zahlreiche Firmen, die hier Geschäfte für die Zeit nach dem Krieg aufgleisten.

Die WOZ bat während der Konferenz das Aussendepartement (EDA) um deren Namen. Die Anfrage wurde mit Verweis auf die Privatsphäre abgelehnt. Doch warum sollen die Namen von Teilnehmer:innen einer öffentlichen, mit Steuergeldern finanzierten Konferenz geschützt werden? Schliesslich ging es nicht um deren persönliche Anliegen, sondern durchaus um veritable Geschäftsinteressen.

Cassis fällt aus allen Wolken

Als Aussenminister Ignazio Cassis vor die Journalist:innen trat, nutzten wir das deshalb, um erneut nach den Namen zu fragen: Hier werde Transparenz doch grossgeschrieben. Cassis schien aus allen Wolken zu fallen. Selbstverständlich müssten alle Namen öffentlich sein! Ein Mediensprecher versprach umgehend ein «Follow-up». Was darauf passierte, ist ein gutes Beispiel, wie Kommunikationsabteilungen aktiv die journalistische Arbeit verhindern.

Ein «Follow-up» traf nämlich keines ein. Und als die WOZ beim EDA nachfragte, wo die Namen denn nun blieben, hiess es tatsächlich, Cassis habe sich nur auf die offiziellen Delegationen bezogen. «Eine Publikation sämtlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht vorgesehen.» Statt gleich ein Öffentlichkeitsgesuch einzureichen, setzten wir ein letztes Mail auf: Cassis habe vor Dutzenden Journalist:innen das Gegenteil gesagt, da wolle man doch nicht von einer Falschaussage ausgehen. Und siehe da: Plötzlich trafen die Namen ein.

Novartis, Trafigura und Borer

So können wir an dieser Stelle vermelden: Insgesamt nahmen 558 Personen an der Konferenz teil. Rund die Hälfte davon, nämlich 255, stammten aus der Ukraine. Das zeigt noch einmal, wie wichtig die Konferenz, die von vielen anfänglich belächelt wurde, für das Land war. 193 der Teilnehmer:innen kamen aus der Schweiz, der Rest aus der ganzen Welt, von den USA über China bis Katar. Zwar waren einige NGOs dabei, Amnesty International oder der WWF, vor allem aber reisten viele Firmen nach Lugano.

Um mit der Schweiz zu beginnen: Anwesend waren etwa das Energieunternehmen Axpo, der Chemieriese Novartis oder der Agrarkonzern Syngenta (gleich mit mehreren Leuten). Auch die Ölhändler waren vor Ort, mit Trafigura, der Integral Petroleum oder der Swiss Trading and Shipping Association (alle aus Genf). Ein interessantes Beispiel für die Rolle der Schweiz im globalen Rohstoffhandel ist die ebenfalls anwesende Firma Ferrexpo: Der Bergbaukonzern, der Eisenerz aus der Ukraine exportiert, hat seinen Sitz im steuergünstigen Zug. Auch erste Generalplaner aus der Bauwirtschaft wie Gruner Stucky nahmen an der Konferenz teil. Stark vertreten waren die Wirtschaftsverbände: Economiesuisse, Gewerbeverband und Swissmem. Durch Abwesenheit glänzten die Grossbanken.

Bei den übrigen Ländern fällt die grosse Zahl der Tech- und Kommunikationskonzerne auf: Amazon, Google, Microsoft, Oracle, SAP, Vodafone und viele mehr. Schliesslich will die Ukraine zu den führenden Staaten bei der Digitalisierung gehören. Anwesend waren weiter Vertreter:innen von Hedgefonds und Investmentgesellschaften wie Heliant Capital, Horizon Capital oder Dragon Capital, und natürlich das Gewerbe der Unternehmensberatung, von McKinsey bis PwC. Da durfte selbstverständlich der windigste Oligarchenberater der Schweiz nicht fehlen: Thomas Borer von der Dr. Borer Consulting.

Wer selbst weitersuchen möchte: Die WOZ hat die Namensliste – ganz im Sinn der Luganeser Transparenz – online gestellt.

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