Durch den Monat mit Nina Zimmer (Teil 1) : «Wie weiss man, was relevant ist?»

Nr.  31 –

Sie leitet gleich zwei grosse Berner Kunstinstitutionen. Nina Zimmer über Lust und Hürden als Direktorin von Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee – und über unkonventionelle Kollaborationen.

Nina Zimmer, stehend
Nina Zimmer: «Wir müssen uns den Debatten stellen, die im Moment geführt werden. Es geht heute um Diversität, kulturelle Teilhabe und Nachhaltigkeit im Museum.» 

WOZ: Nina Zimmer, was ist das Schwierigste an Ihrem Job als Kunstmuseumsdirektorin?
Nina Zimmer: Darauf gibt es eine objektive und eine subjektive Antwort. Objektiv: Man muss sehr viele Menschen zusammenbringen. Da sind viele Widersprüche zu überbrücken. Man muss Kompromisse finden, aus unterschiedlichen Perspektiven auf das Ganze draufschauen. Das mache ich aber sehr gern.

Und die subjektive Antwort?
Für mich persönlich bleibt mein Terminkalender der grösste Feind. Den kurzfristig dringenden Sachen, den mittelfristigen und den ganz langfristigen strategischen Fragen je die richtige Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken, finde ich das Schwierigste.

Was ist das Schönste?
Es gibt keinen Tag, der gleich ist wie der andere. Über die zeitgenössische Kunst ist man ständig herausgefordert, die Gegenwart zu reflektieren und zu hinterfragen und in der Theorie weiter nachzuvollziehen. Unsere Museen gibt es nur, weil wir Teil der Gesellschaft sind. Und wir prägen diese Gesellschaft auch symbolisch mit. Dranbleiben und sich weiterentwickeln dürfen, das finde ich das Schönste.

Hat man in diesem Job überhaupt noch Zeit, um etwa bei den Theorien à jour zu bleiben?
Man muss ein gutes Netzwerk haben, das sicherstellt, dass die Bücher, die man liest, tatsächlich relevant sind. Nur wenn ich nahe an der Gegenwart dranbleibe, kann ich meinen Job gut machen.

Ist Ihr Ziel eine Ära Zimmer in Bern?
So denke ich nicht. Mir geht es vielmehr darum: Wie schaffe ich es, das zu machen, was man in den Jahren, in denen ich die Verantwortung habe, hätte machen müssen? Ganz viele Leute geben uns ihr Vertrauen, ihre Aufmerksamkeit, ihre Kunstwerke und ihre Gelder. Sind wir dieser Verantwortung gerecht geworden? An dieser Frage messe ich mich.

Wie weiss man, was relevant ist?
Ein kleiner Teil davon ist messbar. Etwa: Welches sind die Debatten, die im Moment geführt werden? Heute müssen wir uns dem Thema Diversität stellen, der globalen Kunstwelt, der Frage nach kultureller Teilhabe und der Nachhaltigkeit im Museum. Bis vor kurzem war etwa Nachhaltigkeit im Kulturbereich vor allem inhaltlich ein Thema. Heute müssen die Kulturinstitutionen selbst zeigen, was ihr CO2-Fussabdruck ist. «Practice what you preach» bleibt ein wichtiger Leitspruch.

Zuweilen hat man das Gefühl, dass die Museen es gerade knapp schaffen, mehr Frauen auszustellen. Gleichzeitig sollen nun auch die Teams diverser werden. Eine unbezwingbare Aufgabe?
Man muss das ganze Schiff auf neuen Kurs bringen und alles gleichzeitig und bis spätestens übermorgen erledigen, in Postpandemiebedingungen und mit schrumpfenden Budgets. Man kann nicht alles aufs Mal verändern. Aber was immer möglich und wichtig ist: seinen eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen, die Zusammensetzung der strategischen Gremien ebenso anschauen wie die Zusammensetzung der Teams. Um so aus unseren zu ähnlichen Perspektiven auszusteigen.

Neben dem Kunstmuseum Bern leiten Sie auch das Zentrum Paul Klee. War diese Doppelfunktion eine Kröte, die Sie schlucken mussten?
Das hat mich gelockt. Dass es eine Herausforderung ist, war klar. Aber das Gute war, dass alle Strukturen zur Disposition standen. Man konnte ein neues Kapitel aufschlagen, sich fragen: Wie stellen wir die Teams neu zusammen? Wie möchten wir arbeiten in den beiden Häusern? Was kann man anders gestalten?

Gerade haben Sie mit der Heidi-Bucher-Schau eine Kooperation mit dem privaten Muzeum Susch gewagt. Ein ungewöhnlicher Entscheid.
Das ist fast unser Markenzeichen geworden, dass wir mit neuen Formen von Zusammenarbeit experimentieren. Auch schon bei der Retrospektive zu Meret Oppenheim 2021 im Kunstmuseum Bern. Später ging die Ausstellung nach Houston, und im Herbst wird sie am Museum of Modern Art in New York gezeigt. Während der Vorbereitungen rief mich der Kollege vom Kunstmuseum Solothurn an und sagte, er möchte viele Leihgaben für eine Ausstellung mit Zeichnungen von Oppenheim.

Ein ungünstiger Moment.
Genau. Da hätte man sagen können, das ist jetzt grad schlecht, weil wir mit dieser internationalen Retrospektive beschäftigt sind. Ich fand aber, dass Solothurn eine fantastische Geschichte mit Meret Oppenheim hat. Als sie das als Künstlerin am dringendsten brauchte, haben sie 1974 eine wichtige Ausstellung gemacht und Werke angekauft.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Wir haben Solothurn einfach mit eingebaut: Sie konnten zahlreiche Zeichnungsarbeiten zeigen. Die Retrospektive in Bern und die Zeichnungsausstellung in Solothurn wurden dann gleichzeitig eröffnet, mit Shuttlebus bei der Pressevorbesichtigung. Das gab willkommene Aufmerksamkeit für beide. Die amerikanischen Partner hat es zuerst etwas angestrengt, dass sie auch noch mit Solothurn alle Leihgaben absprechen mussten. Am Ende waren alle zufrieden.

Seit 2016 leitet Nina Zimmer (49) das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee. Nächste Woche erzählt sie über das Kunstgeschichtsstudium als Psychoanalyse.