Energiekrise : Falscher Grund zur Panik

Nr. 33 -

«Kaufe, wenn Kanonen donnern» lautet eine alte Börsenweisheit. Krisen und Kriege sind im Kapitalismus immer auch Chancen für Superprofite. So streichen die Öl- und die Gaskonzerne seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine Rekordprofite ein. Die fünf grössten privaten Energiekonzerne haben allein von April bis Juni mehr als 60 Milliarden US-Dollar verdient – so viel wie nie zuvor. Noch dramatischer fiel der Gewinn von Saudi Aramco aus, dem staatlichen saudischen Ölkonzern, der in den drei Monaten 48,4 Milliarden Dollar eingenommen hat.

Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer:innen: Die hohen Energiekosten verteuern nicht nur das Autofahren, sondern auch das Heizen und viele Güter des täglichen Bedarfs. In Grossbritannien etwa, wo durch den Brexit die Preise noch zusätzlich gestiegen sind, droht im Winter Massenarmut. Immerhin hat das Land im Sommer eine «Windfall Tax» eingeführt.

BP, Shell und Co. kanns egal sein. Kaum ein anderer Staat wagt es, ihre Extraprofite mit einer Sondersteuer einzuziehen, auch wenn Uno-Generalsekretär António Guterres kürzlich die «groteske Gier» der Erdölkonzerne anprangerte. Die Aktionär:innen dürfen auf saftige Dividenden und Aktienrückkaufprogramme zählen. Im Fall von Saudi Aramco profitiert nicht zuletzt der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman, der seine Macht weiter ausbauen kann.

Aus den Einnahmen investieren die Konzerne auch Milliarden in neue Förderanlagen. Saudi Aramco will seine maximale Kapazität von 12 auf 13 Millionen Fass pro Tag erhöhen. Die Konzerne tun also genau das, wovor die Internationale Energieagentur 2021 warnte, weil so die Klimaziele von Paris nicht mehr erreicht werden könnten. Aber der Wind hat gedreht: Derzeit werden die Konzerne und Petrostaaten von führenden Politiker:innen im Westen geradezu angebettelt, mehr zu produzieren. Es gilt, die «Energiekrise» zu bewältigen.

Und so werden etwa in Deutschland im Eilverfahren schwimmende Terminals angemietet und neue Gasleitungen an die Küste gebaut, um Flüssiggas aufzunehmen. Derweil soll hierzulande ein Gasspeicher in den Walliser Alpen entstehen. Denn der Bundesrat will nicht möglichst schnell vom klimaschädlichen Gas wegkommen, sondern plant zwecks «Versorgungssicherheit» gar den Bau mehrerer Gaskraftwerke. Fossile Strukturen werden also nicht eingerissen, sondern zementiert.

Dabei erleben wir gerade einen heftigen Vorgeschmack auf eine andere, viel bedrohlichere Krise: die Erderhitzung. Ausgetrocknete Flüsse, verdorrte Felder sind die Folgen – und Tausende Tote. In der Schweiz sind in der besonders heissen Periode von Mitte Juni bis Ende Juli 1000 Menschen mehr gestorben als in früheren Jahren. In Deutschland sind allein im Juli über 9000 Menschen mehr verstorben als im Vergleichsmonat vergangener Jahre. Doch über Hitzetote gibt es keine zuverlässigen Statistiken.

Dabei würde einer klimafreundlichen Zukunft nichts im Weg stehen. Mit einfachen Massnahmen wie der Optimierung der Gebäudetechnik lassen sich allein 15 Prozent des Stromverbrauchs einsparen. Im Winter die Zimmertemperatur um zwei Grad zu reduzieren, würde 12 Prozent weniger Öl- oder Gasverbrauch bedeuten. Bis 2035 könnte der Gesamtenergieverbrauch um 41 Prozent sinken, haben die grossen Umweltverbände ausgerechnet. Vor allem aber könnte man den Ausbau erneuerbarer Energieträger mit zusätzlichen staatlichen Fördermassnahmen und Anreizen beschleunigen.

Und sollte es in einer Übergangszeit dennoch zu Mangel kommen? Wäre das so schlimm, wenn die Politik mit Notmassnahmen zusätzliche Einsparungen verfügt, Energie rationiert und Preisobergrenzen festlegt? Wir müssen sowieso weg von den fossilen Energieträgern – je schneller, desto besser. Die Energiekrise ist zu bewältigen – man sollte das nur nicht panischen Politiker:innen und schon gar nicht dem «freien Markt» und den Energiekonzernen überlassen.