Auf allen Kanälen : Strukturiert inhaltlos

Nr.  34 –

Mit der «Strategie soziale Medien» will der Bundesrat seine Politik der jüngeren Bevölkerung nahebringen. Schafft er das?

stilisierter Screenshot des Instagram-Profil «bundesrat»

Bei der Schlagzeile «Der Bundesrat wagt sich ab Oktober auf Instagram vor» überkam einen unwillkürlich die Lust, Goethe zu verballhornen: Auf allen Kanälen ist Ruh, aber warte nur, balde … Sucht man auf Instagram nach dem Stichwort «Bundesrat», springt einen als Erstes die gleichnamige deutsche Kammer an, die sich die Domain www.instagram.com/bundesrat längst gekrallt hat.

Der Schweiz blieb folglich für ihren schon im Frühling 2021 angekündigten Pilotversuch nur noch der Name mit dem feinen Unterschied: www.instagram.com/derbundesrat. Auf diesem Account finden sich bis heute bloss die Fotos der sieben Magistrat:innen – unkommentiert und namenlos – und der Hinweis: «Dies ist nicht das offizielle Profil des Schweizer Bundesrates.» An dieser Ödnis erstaunen vor allem die 4532 Follower.

Ein Haken für Berset

In der oben erwähnten Medienmitteilung liess die Regierung letztes Jahr verlauten, «die Informationsgewohnheiten und -erwartungen der Bevölkerung» hätten sich geändert – man wolle deshalb, dass auch «Bevölkerungsteile, die auf anderen Kanälen kaum erreicht werden, sich in den sozialen Medien über wichtige Entscheide, Geschäfte oder Tätigkeiten informieren können». Die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen dafür würden zur Verfügung gestellt.

Weiter wollte man «für Themen von internationaler Bedeutung» einen englischen Twitter-Kanal eröffnen, der sich «an ein internationales Publikum richten» solle. Dieser konnte bisher nicht gefunden werden, dafür aber die «Fanseite Schweizer Bundesrat», auf der seit Jahren sämtliche Medienmitteilungen erscheinen. Die Seite hat zwar über 3000 «Fans», wirkt aber trotzdem etwas unbeachtet.

Bezüglich der individuellen Aktivitäten auf Social Media schwingt Alain Berset weit oben aus. Ob Instagram, Facebook oder Twitter, Berset postet viel und regelmässig – respektive: jemand tut es für ihn –, hat bei weitem die meisten Anhänger:innen und den begehrten blauen Haken, zu dem Twitter erklärt, dafür müsse ein Account «authentisch, beachtenswert und aktiv» sein.

Blaue Haken auf Twitter haben auch Simonetta Sommaruga, Viola Amherd, Ignazio Cassis und Guy Parmelin, aber weniger Follower:innen. Bei allen jagt ein ähnliches Foto das andere, auf fast jedem lächeln sie einem von Sitzungen, Eröffnungen und Feierstunden entgegen. Am einfachsten hat es noch Viola Amherd, die siegestaumelnde Sportler:innen umarmen darf und die sich zudem durch manch launige Antwort den Ruf erarbeitet hat, comedytauglich zu sein.

Der Ueli und Mr. Putin

Auch auf Instagram hat Berset die Nase vorn; sein Job erlaubt ihm viel künstlerische Freiheit bei der Bebilderung. Die Accounts von Sommaruga, Parmelin und Cassis dokumentieren das übliche uninspirierte Umfeld. Viola Amherd hat auf Instagram schon nach zwei Fotos der Mut verlassen; Ueli Maurer hingegen ist auf allen Plattformen ausschliesslich und mehrfach mit Fake-Accounts präsent, die aber geschickt seine Vorliebe für zwielichtige Gesellschaft spiegeln: Ein Foto zeigt ihn 2019 in Moskau beim herzlichen Handshake mit dem russischen Machthaber: «Very good meeting with Mr. Putin. Sehr gutes Treffen mit Herrn Putin. Très bonne rencontre avec monsieur Poutine. Ottimo incontro con il signor Putin.» Auf Facebook posiert er auf echten Fotos mit Donald Trump.

Karin Keller-Sutter aka KKS hingegen ist auf Twitter und Instagram unauffindbar. Auf Facebook, das bei den Bevölkerungsteilen, die der Bundesrat erreichen möchte, sowieso jegliche Relevanz verloren hat, gibt es ein mageres Seitchen, dessen aktuellster Eintrag «Danke! Danke!» lautet – zwei Tage nach ihrer Wahl in den Bundesrat 2018 gepostet. Über die Gründe für Keller-Sutters Abstinenz kann man nur spekulieren. Vielleicht scheut sie die Shitstürme, die ihre menschenfeindliche Asylpolitik entfachen könnte.

Bleibt die Frage, was der Bundesrat eigentlich auf Instagram will. Die Pressekonferenzen können auch jetzt schon im Internet verfolgt werden, wo sie nicht spannender sind als im Fernsehen. Und die strukturierte Inhaltslosigkeit, die das Gremium dort regelmässig bietet – ob es nun um Europa, Pandemie, Klima oder die Affenpocken geht –, wird vermutlich kaum an Substanz gewinnen, nur weil man sie fotografisch umsetzt.