Vierzig Jahre Gosteli-Stiftung : Das Archiv zum Sprechen bringen

Nr.  34 –

Öffentliche Gelder und ein neues Leitungsduo: Im «Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung» in Worblaufen wird optimistisch in die Zukunft geblickt.

Simona Isler und Lina Gafner vom «Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung» vor Gestellen mit Archiv-Schachteln
Simona Isler (links) und Lina Gafner, die beiden neuen Koleiterinnen des Archivs, wollen das «Gosteli» für ein möglichst breites Publikum öffnen. Foto: Sabine Burger

«Marthe Gosteli hat mich bedient wie eine Königin, gleichzeitig sagte sie den neuen Feministinnen: Ihr habt keine Ahnung.» Die Historikerin Elisabeth Joris lacht. Die 76-Jährige sitzt auf einem Podium während der zweitägigen Festivitäten zum Vierzig-Jahr-Jubiläum der Gosteli-Stiftung. Das «Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung» wurde 1982 von Marthe Gosteli (1917–2017), Frauenrechtlerin und SVP-Mitglied, auf ihrem Landgut in Worblaufen bei Bern gegründet, wo sie bis zu ihrem Tod auch lebte.

Das «Gosteli» gilt als historisches Gedächtnis der Schweizer Frauenbewegung. Hier werden Unterlagen von Frauenvereinen und -verbänden gelagert, persönliche Nachlässe von Frauen archiviert, und es gibt eine Fachbibliothek (siehe WOZ Nr. 17/2020 ). Generationen von Student:innen, Historiker:innen und Journalist:innen haben hier schon Wochen und Monate zwischen den Kartonschachteln und Büchern verbracht, auch Elisabeth Joris.

Mittlerweile hat auch die Politik die Bedeutung des Archivs erkannt, das bis zum Tod der Gründerin privat finanziert wurde. Nachdem es in Sachen Finanzierung eine Zeit lang düster ausgesehen hatte, sprach der Bund im letzten Jahr 2,2 Millionen Franken, verteilt auf vier Jahre; der Kanton Bern folgte mit einem jährlichen Beitrag von 450 000 Franken. Dank dieser Mittel kann das Gosteli-Archiv professionalisiert werden, und im August haben nun die Historikerinnen Lina Gafner und Simona Isler ihre Arbeit als neues Leitungsduo aufgenommen. «Wir führen vieles weiter, was bisher schon gemacht wurde», betonen die beiden auf Anfrage. Gleichzeitig warten neue Herausforderungen auf sie.

Die passenden Fragen finden

Dies zeigten auch die ersten «Gosteli-Gespräche», die im Rahmen des Jubiläums stattfanden. Unter dem Titel «Staying with the Trouble: Frauengeschichte heute» wurden dabei viele spannende Fragen aufgeworfen. So untersucht die Frauengeschichte derzeit unter anderem, inwiefern die Kategorie «Frau» noch zeitgemäss ist – was könnte dies wiederum für ein «Frauenarchiv» bedeuten? Verstellt ein «Frauenarchiv zur Frauenbewegung» womöglich den Blick auf andere bedeutsame Geschichten, die hier liegen, zum Beispiel auf die Adoptionsgeschichte oder die Wiedereinbürgerung von Schweizer Frauen, die mit Ausländern verheiratet waren? Und wie könnten diese besser gefunden und sichtbar gemacht werden?

«Ein Archiv mag viele Antworten anbieten – aber ohne die passenden Fragen bleibt es stumm», so Lina Gafner in ihrem Vortrag. Diese «Lücken im Archiv» waren denn auch ein wichtiges Thema an den Gosteli-Gesprächen. Zwar füllt das «Gosteli» einerseits selbst eine grosse Lücke, als Gegenarchiv zu jenen Institutionen, in denen über Jahrhunderte die Geschichte von Männern gesammelt wurde (mit der Behauptung, die Geschichte der Menschen zu archivieren).

Doch auch das «Gosteli» hat seine Lücken und schliesst nicht nur ein, sondern auch aus: Das Archiv wurde mit den Beständen der älteren Frauenvereine und -berufsverbände gegründet – gewisse Frauen und Frauenbewegungen kommen bislang weniger vor. «Wir müssen herausfinden», so Simona Isler, «wie zum Beispiel die Nachlässe von Migrantinnenorganisationen, von Women of Color, von Aktivistinnen unterschiedlichster politischer, sozialer oder geografischer Herkunft, die nicht in Vereinsstrukturen organisiert sind, ins Archiv gelangen und zugänglich gemacht werden können. Denn solange sie fehlen, fehlt ein wichtiger Teil der Geschichte, der dann nicht geschrieben werden kann.» Als aktuelles Beispiel nennt sie die Care-Arbeiterinnen des Netzwerks Respekt, deren Unterlagen oft auf Polnisch abgefasst sind, was die Erschliessungsarbeit erschwert. Wichtig sei dabei, stets im Dialog mit den Frauengruppen sowie mit den Benutzer:innen des Archivs zu bleiben.

Fruchtbare Dialoge

Ein Archiv ist etwas in sich Geschlossenes, und das «Gosteli» in seinem herrschaftlichen Anwesen hat auch etwas Einschüchterndes. So berichtet eine Historikerin, die vor längerer Zeit mehrere Monate dort geforscht hat, dass sie klar einen Klassenunterschied gespürt habe und von Frau Gosteli anders behandelt worden sei als andere. Hier stellt sich eine weitere Herausforderung: Wie kann sich das «Gosteli» für ein möglichst breites Publikum öffnen und Berührungsängste abbauen?

«Schon jetzt finden sehr viele Frauen mit den unterschiedlichsten politischen, beruflichen und sozialen Hintergründen den Weg hierher», betont Gafner. «Wir möchten aber die Schwelle herabsetzen, indem wir vermehrt Veranstaltungen durchführen, ganz gezielt hierher einladen und Beziehungen herstellen.» Dies könne zum Beispiel ein Gespräch zwischen Geflüchteten, Expertinnen im Bereich Friedensarbeit und Historikerinnen sein, die zeigen, was die Frauenbewegung früher, etwa im Kalten Krieg, für eine Rolle gespielt hat. Oder ein Gespräch zwischen Pflegerinnen und Pflegehistorikerinnen, die sich über den Stellenwert der Pflege, die Rolle der Frauen in der Pflege und über politische Strategien unterhalten. Die ersten Gosteli-Gespräche wie auch das Jubiläumsfest haben das Leitungsduo jedenfalls darin bestärkt, dass diese Dialoge funktionieren und ungemein fruchtbar sein können.

www.gosteli-foundation.ch