Barrierefreiheit im Netz : Klar und gut lesbar – und endlich für alle

Nr.  35 –

Viele Websites sind schlecht zugänglich für Menschen mit Behinderungen. Das ist fatal, denn ein barrierefreies Netz nützt allen.

Illustration: Eine Frau mit Blindenstock navigiert durch das Web

Zürich, vor einigen Tagen. Gianfranco Giudice sitzt vor dem Computer und versucht, die WOZ zu lesen. Eine Computerstimme sagt: «Rausch-und-sex-im-lazarett-anmelden-abonnieren-app-laden.» Sie spricht rasend schnell. Giudice lacht und sagt, er habe den Screenreader bewusst langsam eingestellt, damit auch Ungeübte etwas verstehen. Der Screenreader ist ein spezielles Programm für Blind­e, das vorliest, was auf dem Bildschirm zu sehe­n ist. Und Giudice ist blind. Normalerweise lässt er das Vorleseprogramm so schnell laufen, dass Sehend­e nur Kauderwelsch hören.

Giudice versucht, durch die Seite zu navigieren. «Da erfahre ich nicht, wo ich eigentlich bin», sagt er und sucht weiter. Der Mauszeiger verharrt bei den Bildern, die oben auf der Website ständig wechseln. Die Fotos verweisen auf Texte in der gedruckten Ausgabe. Sehend­e erkennen das sofort.

Giudice dagegen muss konzentriert hinhören. «Was ist das?», fragt er. «Wechselnde Bilder», antworte ich. «Aha, ein Slider. Das sagt mir der Screenreader aber nicht.» So geht es weiter. Da gibt es Links, die für Giudice ins Leere führen, unverständliche Titeleien oder ein Anmelde­button, den der Screenreader nicht erkennen kann.

Wie sich das für eine:n Blinde:n anfühlt? Als Sehende:r muss man sich das etwa so vorstellen, wie wenn man auf einem Bahnhof in China ein Klo suchen würde. Niemand da, der oder die einen verstehen würde. Kein Schild, das man lesen könnte. Man streift ziellos durch Gänge, öffnet Türen, hinter denen man ein Klo vermutet. Vielleicht findet man es, vielleicht auch nicht, was sehr unangenehm werden kann.

Gute Noten für die NZZ

Es geht auch anders. Ab dieser Ausgabe ist die WOZ-Website neu gestaltet und für Menschen mit Behinderungen einfacher nutzbar. Dass die Web­site für Blinde jahrelang ein undurchdringliches Laby­rinth war, mag etwas peinlich sein, Gianfranc­o Giudice überrascht es nicht – bis vor kurzem war er professioneller Webseitentester bei «Access for all – Zugang für alle». Die Stiftung, die in Zürich zu Hause ist, hat sich «behindertengerechter Techno­logienutzung» verschrieben. Regelmässig testet sie wichtige Websites auf deren Zugänglichkeit. In der «Accessibility Studie 2016» ging es auch um Medien. Wirklich gut schnitten nur «Le Temps» und die NZZ ab.

Sobald Giudice die NZZ-Seite öffnet, ist er binnen Sekunden dort, wo er hinwill. Er öffnet einen Artikel, die Seite ist schlicht und klar strukturiert, keine bewegten Bilder, keine blinkenden Reklamen. «Das Beste an der NZZ», sagt Giudice, «sie haben ihre Seite aus Eigennutz barrierefrei gemacht, weil sie eine Vorlesefunktion anbieten, damit man sich beim Bügeln oder Autofahren NZZ-Artikel vorlesen lassen kann.» Das Vorlesesystem, das die NZZ nutze, sei wie ein Roboter, der auch nichts sehe – «der braucht wie der Screenreader, den Blinde nutzen, eine klar strukturierte Web­site». Würde mitten im Text Werbung auftauchen, wüsste der Vorleseroboter nicht, wo es weitergeht.

Ein Stück Unabhängigkeit

Barrierefreiheit ist für uns alle. In der Schweiz leben aktuell zwanzig Prozent der Bevölkerung (rund 1,8 Millionen Menschen) mit einer Behinderung. Das sind nicht «die anderen», das sind mit grösster Wahrscheinlichkeit wir alle – wenn nicht heute, dann in einigen Jahren. Mit dem Alter verschlechtert sich das Gehör, schwindet die Sehkraft, oder man bekommt Parkinson, hat zitternde Hände und kann die Maus oder einen Touchscreen nicht mehr bedienen.

Onlineshops sind ein Segen für Menschen, die sich draussen nur eingeschränkt fortbewegen können. Man kann unabhängig einkaufen und muss nicht ständig warten, bis jemand die Güte hat, einem zu helfen. Und vielleicht will man sich auch einmal etwas kaufen, was die Partnerin oder der Hilfsassistent nicht wissen soll. Auch wer nicht gut sieht oder ständig im Bett liegen muss, hat Anspruch auf ­Privatsphäre.

Dieses wertvolle Stück Selbstbestimmung wird aber oft zunichte­gemacht, weil die, die Websites entwickeln, agil und sehend sind – und sich darum nicht um Barrierefreiheit scheren. Es hat aber auch mit den Kadern zu tun, die Websites in Auftrag geben und glauben, Barrierefreiheit sei eine nette Neben­sächlichkeit. Sie irren sich – und begehen einen kapitalen betriebswirtschaftlichen Fehler. 2021 wurden in der Schweiz online 14,4 Milliarden Franken umgesetzt. Der Onlinehandel wächst kontinuierlich jedes Jahr um zehn Prozent. Kein ernst zu nehmendes Unternehmen sollte es sich leisten, in diesem prosperierenden Markt einen beachtlichen Teil der Bevölkerung auszuschliessen.

Mängel bei vielen Onlineshops

Noch fehlt dieses Bewusstsein. In ihrer aktuellen Studie hat die Stiftung «Access for all» die wichtigsten Onlineshops analysiert. Von 42, die getestet wurden, wiesen 36 gravierende Mängel auf.

Bei Digitec – der Plattform der Migros, die auf elektronische Geräte spezialisiert ist – lässt sich beispielsweise das Bestellformular nicht über die Tastatur bedienen. Menschen mit motorischen Schwierigkeiten, die die Maus nicht bedienen können, haben zwar die Möglichkeit, sich im Shop umzuschauen, doch kaufen können sie am Ende nichts. Ähnlich ergeht es Blinden, weil der Screenreader wichtige Eingabefelder nicht vorliest.

Galaxus – ebenfalls eine Onlineplattform der Migros – birgt ähnliche Hürden. Diese Seite hat noch eine zusätzliche Schwierigkeit eingebaut: Darauf läuft ein Liveticker, der ständig berichtet, wer gerade welches Produkt gekauft hat. Gestalterisch ein lustiger Einfall. Der Ticker lässt sich aber nicht deaktivieren. «Das stellt ein Problem dar für Menschen mit niedriger Lese- und Schreibkompetenz, mit kognitiven Einschränkungen und Aufmerksamkeitsdefiziten. Daueranimierter Inhalt kann den Einkauf erschweren oder verunmöglichen», konstatiert die «Access for all»-Studie.

Eine andere Hürde weist der Interdiscount-Shop auf, der Elektronikshop von Coop: An einer Stelle muss ein Captcha gelöst werden – eine Art Turingtest, mit dem überprüft wird, ob wirklich ein Mensch und keine Maschine die Daten eingibt. Oft muss man einfache Rechnungen mit bildlich verzerrten Zahlen lösen oder bestimmte Bilder anklicken. Ploppt das Captcha beim Zahlungs­prozess auf, werden Blinde ausgebremst. Es sei denn, der Programmierer hat darauf geachtet und eine Audio­variante dazugestellt. Doch beim Interdiscount-Shop fehlt diese Variante. Allerdings steht das Captcha bei einem nebensächlichen Meldeformular, weshalb es nicht ganz so dramatisch ist, als wenn es direkt den Kaufprozess betreffen würde. Insgesamt schneidet Interdiscount leicht besser als Galaxus und Digitec ab.

Zu kleine Zielgruppe?

Einige in der Studie kritisierte Punkte habe man inzwischen verbessert, schreibt Salome Balmer, Pressesprecherin von Interdiscount, auf Anfrag­e. Es sei ihnen bewusst, dass sie ihren Onlineshop betreffend Barrierefreiheit noch in vielen weiteren Punkten verbessern könnten: «Bei der Imple­mentierung von neuen Funktionen oder Shop-Update­s wird dem Thema sicher Rechnung getragen.» Ein umfassendes Projekt für die Barriere­freiheit sei in den nächsten Monaten aber nicht geplant.

Alex Hämmerli, Pressesprecher von Digitec/Galaxus, schreibt, man habe inzwischen die Videos mit Untertiteln versehen und die Navigation für den Screenreader verbessert: «Unsere Onlineshops sind komplex. Um diese komplett barrierefrei zu machen, müssten wir Dutzende Elemente anpassen. Wir haben unsere Optionen geprüft und sind zum Schluss gekommen, dass sich die Investitione­n angesichts der kleinen Zielgruppe leider noch nicht lohnen.» Galaxus sei daran, international zu expandieren, folglich wachse die Zielgruppe, die von einem barrierefreien Shop profi­tieren würde: «Wir nähern uns also der Schwelle an, ab der sich der Aufwand rechnet. Wann dies der Fall sein wird, können wir noch nicht sagen.»

In der «Access for all»-Studie finden sich aber auch einige wenige Shops, die bereits gut abschneiden. Bei der Fluggesellschaft Swiss können Blinde reibungslos einen Flug buchen. Auch die SBB bekommt gute Noten; kleine Mängel, die in der Studie moniert wurden, sind inzwischen behoben. Man merkt, dass bei der SBB eine andere Kultur herrscht. Die Bundesbahnen denken die Barrierefreiheit ständig mit und bauen alles Übrige nach Möglichkeit darauf auf. Oft aber läuft es umgekehrt: Zuerst wird eine optisch tolle Website entworfen – und am Ende dann noch die Barrierefreiheit reingewurstelt. Das ist ärgerlich, aufwendig und ergibt keine befriedigenden Lösungen (vgl. Interview mit Josua Muheim).

Ein Klagerecht brächte Bewegung

Gianfranco Giudice hat inzwischen einen neue­n Job bei einer Grossbank. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung wollte er ursprünglich in diesem Bereich arbeiten, fand aber nie eine Stelle. «Theoretisch könnte ich überall arbeiten, wenn Infrastruktur, Tools und Dokumente barrierefrei wären. Ich kann ja einen Brief per ­E-Mail verschicken und könnte alles elektronisch bearbeiten», sagt er. Bedauerlich sei, dass auch der Staat ihm keine Chance gegeben habe: «Dass mich nun eine Bank anstellt anstatt eine Behörde oder die Postfinance, ist eigentlich unverständlich.» Da werde in der Politik immer von Integration geredet, sie finde aber nicht statt.

Giudice wäre sehr dafür, dass in der Schweiz eine Quote eingeführt würde, wie sie diverse europäische Länder kennen: In Deutschland sind Firmen ab zwanzig Stellen gesetzlich verpflichtet, mindesten fünf Prozent mit «schwerbehinderten Menschen» zu besetzen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Abgabe bezahlen. Gälte das auch in der Schweiz, würde für Menschen mit Behinderungen ein Arbeitsmarkt entstehen, sagt Giudice.

Bei der Bank, wo er jetzt arbeitet, könnte er allerdings im Moment noch kein Online­konto eröffnen. Blinde müssen zur Postfinance, wenn sie ihre Bankgeschäfte autonom abwickeln wollen, weil die Postfinance hierzulande das einzige barrierefreie E-Banking-System anbietet. Seine neue Arbeitgeberin hat Giudice nun angestellt, um bezüglich Barrierefreiheit vorwärtszumachen. Es tut sich also etwas, wenn auch schleppend.

Wäre Barrierefreiheit einklagbar, käme weit mehr Bewegung ins Thema, ist Giudice überzeugt. Er berichtet von zwei bekannten Schweizer Unternehmen, die international täti­g sind und seine Dienste in Anspruch genommen haben. Beide wurden nur aktiv, weil sie mit Klagen konfrontiert waren: in einem Fall eines Kunden in Australien, der das Produkt der Firma nicht via Website bestellen konnte; im anderen Fall geriet eine Firma in den USA juristisch unter Druck, weil ihre Website für Blinde unzugänglich war. «Von Politik und Wirtschaft hört man immer, man werde es freiwillig machen, es brauche kein Gesetz.» In der Realität jedoch passiere ohne Klagerecht einfach zu wenig oder nichts, resümiert Giudice.

Auch die WOZ hat lange gebraucht, um online barrierefrei zu werden. Die neue Web­site wirkt übersichtlich und klar, für den Screenreader sollte sie gut lesbar sein. Bilder sind beschriftet, interaktive Elemente richtig bedienbar. Gianfranco Giudice ist jetzt nicht mehr nur auf die NZZ angewiesen.