Literatur : Ein Ozean aus Liebe und Vergessen

Nr. 38 -

Wie geht das, mit einem Körper in dieser Welt leben? Kim de l’Horizons «Blutbuch» ist ein queeres Flickwerk aus Selbsterkundung und Familienroman – und steht auf der Shortlist für den deutschen Buchpreis.

Kim de l’Horizon sitzt unter einem Baum
Schreiben fühle sich manchmal wie Verrat an: Kim de l’Horizon. Foto: Dominique Meienberg

Vielleicht von ganz anderer Seite her anfangen: weit, weit die Jahrhunderte zurück, zur Ersten im Stammbaum, die sich ausfindig machen liess. Die Selbstfindung beginnt im 14. Jahrhundert und von da der Mutterlinie entlang, vorbei an Hexen, mit Mutterkornpilz experimentierenden Heilerinnen, Hausfrauen, Weisen, verliebten Rebellinnen, Sexarbeiterinnen, Bäuerinnen und vielen mehr, vertikal durch dieses Wunderwerk von Familie, bis zur Grossmutter, dann zur Mutter. «Mère», wie es im Berndeutschen heisst, aus dem Französischen, oder eben, wie es hier im «Blutbuch» geschrieben steht: «Meer». Und «Grossmeer», ein ganzer Ozean aus Liebe. «Mensch schwimmt ein Leben lang, um aus den Meeren herauszukommen», schreibt Kim de l’Horizon, aber was ist das für eine Bewegung in diesem Erstling: tatsächlich ein Entkommen – oder ein Annähern?

Vermutlich beides. Es geht der Erzählfigur Kim auch darum, den eigenen Platz in der Welt zu finden. Und wie viel Familie kann da noch, darf, muss Teil davon sein, wie viel Abgrenzung ist nötig? Ein autofiktionaler Roman als Suchbewegung also, oder besser: als Sammlung von Fundgegenständen; viele kleine Teile, die zu einem Stückwerk zusammenkommen. Scheinbar zufällig erinnerte Kindheitsminiaturen mischen sich da mit Beschreibungen von sexuellen Eskapaden (auch so ein Gemenge aus Entkommen und Annähern, diesmal von oder zu sich selbst), mit Dialogen zwischen Mutter und Kind, mit den Geschichten der Grossmutter und eben jenen der Ahninnen – und all der Gewalt, die diese erlebt haben.

Über die Schmerzgrenze hinaus

In all dem die Frage: Wie mit einem Körper in dieser Welt leben, mit diesem Körper, da es nur die zwei Vorbilder gibt – Männer und Frauen mit ihren jeweiligen Attributen, von denen einige zwar toll sind (Röcketragen bei den Frauen, Rülpsendürfen bei den Männern, zum Beispiel). Aber das ergibt ja noch nicht einen ganzen Menschen, bloss diese Eigenschaften zusammen. Und wie geht das mit der Sexualität, wenn der Heteronorm nicht eine neue, in anderer Form problematische schwule Normativität entgegengestellt werden soll? Kim probiert sich aus, bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus.

Queere Selbstfindung verlaufe kaum je linear, meinte de l’Horizon in einem Gespräch mit «Deutschlandfunk Kultur», dieser Roman also ebenso wenig. Da sind Wiederholungen, Abweichungen, Löcher in der Erinnerung: Schliesslich ist der eigentliche Grund, wieso hier überhaupt erzählt wird, die beginnende Demenz der Grossmutter, die ein Leben lang so dominant war und nun, langsam, verschwindet.

Genauso wichtig wie die Grossmutter ist im «Blutbuch» Kims Mutter, die wegen der frühen Schwangerschaft ihre höhere Ausbildung abbrach und ihr Leben lang darunter leidet. Sie war es, die den Frauenstammbaum zusammengetragen hat – auch sie auf der Suche nach ihrer Herkunft, fasziniert von all den Geschichten, die sie in einer eigenwilligen, schweizerisch gefärbten Schriftsprache aufzeichnet. Kim findet die Aufzeichnungen zufällig, und wie Kim selbst kann man sich daran kaum satt lesen.

Die Scham abtragen

Und dann ist da noch die Blutbuche, die im Garten vor dem Haus in Ostermundigen steht, das der Urgrossvater gebaut hat und in dem Kim aufwächst: Das Kind möchte sein wie sie, weil sie so wohl in ihrer Haut scheint. Aber warum wurde sie überhaupt in den bäuerlichen Garten einer armen Familie gepflanzt, als Baum, der damals vor allem in den Anlagen der Adligen zu finden war? Kim will auch dem auf die Spur kommen, ein Umweg, um näher zur Grossmutter zu gelangen.

Ein Statussymbol, natürlich – hier wird auch eine Geschichte der Armut und des sozialen Aufstiegs erzählt. Über die Grossmutter, in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, die so stolz war auf die Fernreisen, die sie irgendwann antreten konnte, und über Kim selbst, als Erste:r in der Familie mit einer akademischen Ausbildung. Für die Mutter, die für das Kind auf die Ausbildung verzichtet hat, ist das nicht leicht zu ertragen: Das Kind soll alles erreichen, ja, aber es ist eben auch der Grund (oder zumindest Symbol) für die eigene Ungebildetheit.

Für Kim selbst bedeutet das Studium auch, eine Sprache zu lernen, die nicht von daheim kommt. Was wiederum zweierlei heisst: Schreiben fühle sich manchmal wie ein Verrat an, schreibt de l’Horizon, ist aber auch willkommene Abgrenzung. Das Berndeutsche, die Sprache der «Meere», schleicht sich trotzdem in das Buch – mal, weil es präziser ist, mal, weil einfach vertrauter. Überhaupt geht de l’Horizon virtuos mit der Sprache um, schreibt feine, auch sehr lustige Dialoge und kann, je nach Zu- und Gegenstand, vorsichtig und überschäumend und absichtlich nervig popliterarisch. Manchmal nervt es auch wirklich, etwa der so betont lässig hingeworfene Bericht über die Forschung zur Blutbuche (ein Wissenschaftler nutze seinen Text, «um deftig einen abzuhaten über den Pöbel»). Aber vielleicht ist das auch wieder ein Kniff: ein Versuch, mit dem akademischen Wissen und Werkzeug umzugehen, ohne sich dafür schämen zu müssen.

Sowieso, die Scham: Ganz, ganz langsam lässt sie sich abtragen. Auch dieser Forschungs- und Erinnerungsbericht trägt dazu bei.

Kim de l’Horizon liest in: Thun, Thalia, 23. September 2022, 19.15 Uhr; Zürich, 25. September 2022, 17 Uhr (Ort wird bei Anmeldung bekannt gegeben, www.sofalesungen.ch); Lenzburg, Literaturhaus Aargau, 26. September 2022, 19.15 Uhr.

Buchcover von «Blutbuch»

Kim de l’Horizon: «Blutbuch». Dumont Verlag. Köln 2022. 336 Seiten. 34 Franken.